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Undeklariert über die Grenze

Im Wallis wehren sich Wolfsgegner mit einer Initiative gegen angebliche Wolfsimporte.

Das Gerücht über den Wolfsimport hat sich im Wallis so nachhaltig verfestigt, dass jüngst sogar eine Volksinitiative zum Thema zustande kam.
Das Gerücht über den Wolfsimport hat sich im Wallis so nachhaltig verfestigt, dass jüngst sogar eine Volksinitiative zum Thema zustande kam.
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Im Wallis glaubt so manch einer, dass der Wolf nicht einfach über die grüne Grenze von Italien her in den Kanton einwandert, sondern von fanatischen Tierschützern und Umweltorganisationen importiert und ausgesetzt wird. «Dies tun wir natürlich nicht!», beteuert Laura Schmid, Präsidentin des WWF Oberwallis, mit Nachdruck. «Die Meinung ist im Wallis aber weit verbreitet», versichert Schmid.

Künstliche Wiederansiedlung

Dass der Wolf im Wallis auch künstlich ausgesetzt wird, das will der Walliser CVP-Grossrat Guido Walker nicht restlos ausschliessen. Zumindest würden sich im Internet Seiten von internationalen Organisationen finden, in denen solche Pläne für die künstliche Wiederansiedlung des Wolfs im gesamten Alpenraum klar aufgezeigt werden. «Auf diesen Karten ist klar eingezeichnet, in welchen Gegenden bei einer Ausbreitung von Bären, Luchsen und Wölfen mit ‹Widerstand› zu rechnen sei», erklärt Walker. Es tönt nach einem regelrechten Schlachtplan militanter Wolfsfreunde.

Wer hat Angst …? Die C-Parteien des Oberwallis bekämpfen den Wolf mit vertrauter Ästhetik.
Wer hat Angst …? Die C-Parteien des Oberwallis bekämpfen den Wolf mit vertrauter Ästhetik.

Das Gerücht über den Wolfsimport hat sich im Tal so nachhaltig verfestigt, dass jüngst sogar eine Volksinitiative zum Thema zustande kam. Der Zuspruch der Bevölkerung war dermassen gross, dass diese mit 9500 statt der nötigen 6000 Unterschriften eingereicht wurde. Die Initiative «für einen Kanton Wallis ohne Grossraubtiere» fordert unter anderem, dass die «Einfuhr und Freilassung» von Grossraubtieren verboten werden soll – genauso wie die Förderung des Grossraubtierbestandes im Kanton Wallis.

Die Mitglieder des Komitees – allesamt Oberwalliser Politiker der C-Parteien CVP oder CSP, präsidiert von CVP-Grossrat Guido Walker – nehmen mit der Initiative nebst dem Wolf zwar auch weitere Grossraubtiere ins Visier, den Bären und oder den Luchs zum Beispiel. Im Kern aber geht es um den Wolf. Also um jenes Tier, das den Kanton wie kein zweites beschäftigt. Nirgends ist der Widerstand gegen die Ausbreitung des Raubtieres lauter und emotionaler, an keinem Ort wird vehementer auf politischer Ebenen dagegen gekämpft.

Der Freund eines Freundes

Ein Grund ist sicher in der Freizeitgestaltung vieler Walliser zu finden. Konkret in der im oberen Teil des Kantons weit verbreiteten Schafzucht. So würden der Dorflehrer, der Bahn- oder der Lonza-Mitarbeiter nebenher oft noch 15 bis 30 der für den Kanton identitätsstiftenden Schwarznasenschafe auf irgendeiner der zahlreichen Alpen des Oberwallis halten, gibt Laura Schmid zu bedenken. Auf eine gewisse Weise führten diese Leute als Hobby weiter, was ihre Vorfahren einst auf den traditionellen und sehr kleinräumig organisierten Familienbetrieben im Oberwallis für Generationen zum Überleben getan hatten. Und es seien meist diese Kreise von Hobbyzüchtern, die besonders sensibel auf die Präsenz des Wolfs reagierten.

Die Oberwalliser Schafzüchter allein sind jedoch noch nicht Masse genug, um breit Stimmung gegen den im Wallis wieder heimisch gewordenen Wolf machen zu können. Doch im oberen Teil des Tals kennt jeder einen, der Schafe hält – sei es ein Bekannter oder Verwandter. Und diese Nähe sensibilisiert auch vermeintlich Aussenstehende für das Thema Wolf. Bei Guido Walker ist es beispielsweise ein Onkel, der im Tal Schafe züchtet. «Auch seine Herde wurde schon Opfer einer Wolfsattacke», erzählt Walker. Und das Resultat dieses Angriffs sei wahrlich kein schöner Anblick gewesen, meint er weiter. Allgemein sei die Stimmung wegen des Wolfs zurzeit sehr aufgeheizt. Vor allem jetzt, da im letzten Herbst erstmals ein Rudel auch im Wallis nachgewiesen wurde. Bis anhin lebten in der Schweiz nur im Calanda-Gebiet in Graubünden und im Nordtessin solche. Der WWF sieht diese vermehrte Präsenz des Wolfs etwas entspannter: «Der Wolf ist eine einheimische Art in den Schweizer Wäldern. Er führt zu gesunderen Beständen von Flora und Fauna und er ist damit ein zentraler Teil der hiesigen Artenvielfalt», erklärt Laura Schmid.

190 Nutztiere in einem Jahr

Dass die Schafzüchter und Wolfskritiker ihrerseits nicht vollkommen grundlos aufgebracht sind, erklärt sich mit dem Blick auf die Risszahlen im Kanton Wallis: 2016 tötete der Wolf 190 Nutztiere, darunter mehrheitlich Schafe und Ziegen. Im Jahr zuvor hat ein Wolf in der Augstbord-Region innerhalb zweier Monate 44 Schafe gerissen. Für den einzelnen Züchter können solche Verluste schmerzhaft sein. Vor allem dann, wenn der Herdenschutz fehlt. Denn in solchen Fällen zahlt der Staat keine Entschädigungen für gerissene Tiere. Für Hobbyzüchter mit kleinen Herden sind solche Schutzmassnahmen jedoch viel zu kostspielig. Erst ab grös­seren Herden von 300 bis 400 Schafen aufwärts lohnt es sich, einen Hirten mit Herdenschutzhund anzustellen.

Verkörperung des Bösen

Dennoch: Gemessen an der Gesamtzahl der Schafe, die den Sommer auf Alpen verbringen, sind die Verluste durch den Wolf noch überschaubar. Jährlich sömmern Schafzüchter 230'000 Schafe auf Schweizer Alpwiesen. Die Wolfskritiker im Wallis kennen diese Zahlen wohl auch. Doch sie argumentieren mit alternativen Grössen: «Bis vor Kurzem wurden im Oberwallis noch 104 Alpen mit Schafen bestossen. Sechs mussten jetzt wegen des Wolfs aufgegeben werden», erklärt Walker. 66 von den übrig gebliebenen Alpweiden würden sich nicht für den Wolfsschutz eignen. Somit würden diese Weiden, die seit jeher bewirtschaftet und so der Natur abgerungen wurden, zunehmend verschwinden und mit ihnen auch ein Stück Walliser Geschichte, ein Flecken Heimat.

Die Gründe dafür, dass ein Grossteil der Bevölkerung des Wallis sich mit dem Wolf so schwertut, liegen also tiefer. Im Grunde geht es um Identität und Selbstbestimmung. Um die Frage auch, wer im Wallis das Sagen hat: ob Bern, die Städter, die da oben, die «Üsserschwyz», wie es Schmid ausdrückt. Oder doch die Walliser selbst, die vom Wolf direkt betroffen sind, die mit ihm Leben müssen und nicht nur in der Freizeit ins unversehrte Naturreservat reisen wollen.

Es ist eine Konfliktlinie, wie sie sich bei Abstimmungen immer wieder zeigt: Zum letzten Mal bei der Zweitwohnungs-Initiative, als es um die wirtschaftliche Selbstständigkeit der Alpenregionen ging. Auch dazumal diktierte die Flachlandschweiz den Berggebieten, wie sie diese Landschaften in den zwei Wochen Skiferien im Winter gerne vorfinden würden. Dass es gerade die urbane, vermeintlich moderne Schweiz ist, die eine Schwäche für romantisierte Vorstellungen einer Bergwelt hegt, entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie.

Im Wallis kommen solche Bevormundungen natürlich alles andere als gut an. «Ich habe nichts gegen Städter», sagte Georges Schnydrig letztes Jahr der Berner Zeitung. Schnydrig ist Vorsteher des Verbands «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere». Er hat die Initiative gegen den Import von Wölfen und anderen Grossraubtieren mitlanciert. Es käme ihm aber nie in den Sinn, erklärt Schnydrig weiter, den Städtern in Bern zu sagen, was sie tun und lassen sollen. Umgekehrt aber gehe es nicht an, dass die Politik in Bern und mit ihr das Bundesamt für Umwelt (Bafu) am absoluten Schutz des Wolfs festhielten und das Berggebiet zur unantastbaren Wildniszone erklärten, ohne je die Bevölkerung gefragt zu haben.

Ohnmacht der Landbevölkerung

Der Wolf ist jedoch mehr als nur eine Art Platzhalter für die zunehmend empfundene Ohnmacht der Landbevölkerung gegenüber Bundesbern und den Moden der urbanen Schichten des Flachlandes. Der Wolf war schon immer auch ein Symbol des Bösen, der Bedrohung, des Teuflischen zuweilen. Gerade auch im katholischen Kanton Wallis mögen solche Gleichnisse stärker nachwirken als andernorts.

«Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe», sagt Jesus beispielsweise im Matthäus-Evangelium zu seinen aufgrund ihres Glaubens bedrängten Jüngern. Mit den Wölfen meint er die Mächtigen seiner Zeit – vermutlich die römische Besatzungsmacht, dem Gründungsmythos nach durch eine Wölfin symbolisiert –, welche die frühchristliche Gemeinschaft bedrohen. Auch der geläufige «Wolf im Schafspelz» ist ein der Bibel entlehntes Gleichnis, bei dem der Wolf als Inbegriff der Täuschung und Gefahr auftritt: «Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reissende Wölfe», ermahnt Jesu die Jünger.

Anstehender Urnengang

Der Wolf hat in unseren Breitengraden also schon länger ein Imageproblem. Dieses hält bis heute an: «Der Wolf tötet wahllos, ohne sich um die Bedürfnisse der Fauna zu kümmern, und meist tut er dies aus blosser Lust am Töten», schreiben beispielsweise die Verfechter der zurzeit im Parlament noch hängigen Standesinitiative «Wolf – fertig lustig!» aus dem Kanton Wallis. Die Wortwahl zeigt: Der Wolf ist nie nur Tier, er ist auch immer ein wenig Mensch: Der Wolf – ein rücksichtsloser Charakterlump, ein Frevler erster Güte.

Im privaten Rahmen ist die Verbindung zwischen Wolf und Religion zuweilen noch unbarmherziger: «Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott – mit dem Gewehr in der Hand, der Wolf an der Wand.» Dieser Spruch soll dem Vernehmen nach in einem Stall im Oberwallis prangen. Guido Walker hat wohl recht, wenn er ausführt: Die Stimmung im Oberwallis sei aufgeheizt.

Die Initianten hätten keinen idealeren Zeitpunkt für ihren Vorstoss wählen können: Zum einen verleiht das im letzten Herbst erstmals im Wallis gesichtete Wolfsrudel ihrem Anliegen zusätzliche Dringlichkeit. Vorgestern riss das Tessiner Rudel gleich mehrere Schafe. Ein Rudel Wölfe wirkt logischerweise bedrohlicher als einzelne, umherstreunende Tiere.

Vormarsch der SVP

Zum anderen stehen im Wallis schon bald, am 5. März, Staatsrats- und Grossratswahlen an. Der Gedanke liegt also nah, dass die C-Parteien die Initiative auch als Wahlkampfvehikel lanciert haben. Guido Walker bestreitet dies entschieden: Das Thema beschäftige ja im Oberwallis schon seit längerer Zeit die Bevölkerung. Sie hätten nun einfach diese Stimmung aufgegriffen und gehen das Problem aktiv an. Die Walliser Bevölkerung müsse nun endlich die Chance erhalten, sich einmal klar zur Präsenz von Grossraubtieren im Kanton zu äussern. Sie gefährde die Berglandwirtschaft und schade dem Tourismus. Ein erfolgreicher Urnengang würde auch ein starkes Signal nach Bern senden. Mit dem laufenden Wahlkampf habe dies alles nichts zu tun, beteuert Walker. Dieser Lesart widerspricht WWF-­Präsidentin Schmid: «Die CVP und die CSP versuchen mit der Initiative offensichtlich ihren eigenen Wahlkampf zu befeuern.» Vor allem gehe es den hiesigen C-Parteien darum, die sich auch im Oberwallis auf dem Vormarsch befindende SVP in Schach zu halten. Hierzu würde sich das Thema Wolf natürlich hervorragend eignen.

Dass sich die C-Parteien im Walliser Abstimmungskampf nun auch einer Ästhetik bedienen, die an bekannte Vorlagen der SVP gemahnt, kann durchaus als Indiz für Schmids These gelesen werden.

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