Transsexuelle in der Armee? Ja bitte!

Unsere Armee hat die Aufgabe, als Wehrkraft die Schweiz ganzheitlich widerzuspiegeln. Dazu gehören ­Weisse wie Schwarze, Homo- wie Heterosexuelle.

Oberstleutnant Hug hiess nicht immer Christine. Vor zwei Jahren entschloss sie sich, als Frau weiterzuleben – und auch als Frau weiterhin eine 1000 Mann starke Kampftruppe der Schweizer Armee zu führen.

Oberstleutnant Hug hiess nicht immer Christine. Vor zwei Jahren entschloss sie sich, als Frau weiterzuleben – und auch als Frau weiterhin eine 1000 Mann starke Kampftruppe der Schweizer Armee zu führen.

(Bild: Screenshot Video 20 Minuten)

Serkan Abrecht

Mein einstiger Küchenchef war schwul. Nicht schwul in der Art, dass es erklärender Worte bedurft hätte, weil Soldaten sich darüber wunderten, weshalb der eine nicht mit in den Stripclub will oder weil der andere bei den primitiven Machowitzen über die «Wiiber» nicht mitlachte. Nein, ­meinem Küchenchef, einem höheren Unteroffizier, dem sah man schon von weitem an, dass er «d Manne» liebte. Er sagte es auch ganz offen, verabschiedete einen an der Essensausgabe mit «Guten Appetit, Hübscher», oder wenn er in die Massendusche kam, trällerte er bereits beim Öffnen der Tür: «Ich komme, meine Damen. Pobacken zusammenkneifen!» Die Kameraden in der Dusche verdrehten die Augen.

Ein paar sensible, verklemmte Gemüter überlegten sich anfangs kurz, was jetzt gescheiter sei: mit dem Rücken oder mit der Brust zur Wand stehen? Aber eigentlich spielte es keine Rolle. Sollte es auch nicht. Der Küchenchef war ein guter Kamerad und schaffte es immer, aus den letzten Essensresten ordentliche Menüs zu kreieren. Dafür mochten ihn seine Kameraden – und auch ein wenig, weil er halt so war, wie er war.

Homosexuelle per se untauglich

Vor nicht allzu vielen Jahren war es nicht unüblich, Homosexuelle bei der Rekrutierung als «untauglich» abzuschreiben und vom Militärdienst auszuschliessen. Ein grober Fehler. Wie jede Armee tritt auch unsere als loyale Einheit auf. Geteilte Erfahrungen verbinden bekanntlich – ist der Charakter auch noch so unterschiedlich.

Doch was unsere Armee besonders macht, ist der Status einer Milizarmee. Sie hat die Aufgabe, als Wehrkraft die Schweiz ganzheitlich widerzuspiegeln. Dazu gehören ­Weisse wie Schwarze, Homo- wie Heterosexuelle, Frauen wie Männer – und auch Transsexuelle.

Womit wir bei Christine Hug wären: 39 Jahre alt, Berufsoffizier, Oberstleutnant im Generalstab und Kommandant des Panzerbataillons 12. Hug hiess nicht immer Christine. Als Offizier aspirierte sie als Christian Hug. Vor zwei Jahren entschloss sie sich, als Frau weiterzuleben – und auch als Frau weiterhin eine 1000 Mann starke Kampftruppe der Schweizer Armee zu führen. Das machte kürzlich «20 Minuten» ­bekannt.

Die 20 Minuten Redaktion traf Christine Hug beim Kompetenzzentrum Veterinärdienst und Armeetiere zu einem Video-Interview. (Video: S. Brazerol)

Nun: Ich kenne die erzkonservativen Facetten der Armee und ihrer Vertreter. Missmut zeigen sie nun aber nur hinter vorgehaltener Hand. Schliesslich hat der Chef der Armee den Entscheid von Bataillonskommandant Hug begrüsst. Man muckt nicht gegen seine Vorgesetzten auf. Erstaunen bis Verwunderung bis Kritik dürfte dieser Entscheid in den besagten Kreisen hervorgerufen haben. Man nimmt ein «Umdenken» in der Armeeführung wahr. Es ist auch an der Zeit.

Ich sehe keinen Grund und kenne auch keine Studie, die belegen würde, dass Transfrauen nicht in der Verfassung sein sollten, eine Kampftruppe zu kommandieren.

Die Armee kann die Vielfalt in unserem Land nicht derart wiedergeben wie es die Gesellschaft tut. So muss die Armee in ihrem Wesen Ansprüche stellen, die nicht mit jedem Menschen vereinbar sind. Auch verfügt nicht jeder über die notwendige körperliche oder psychische Verfassung, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Trotzdem: Wer diese Ansprüche erfüllen kann oder erfüllen will, dem darf die Tür nicht vor der Nase zugeschlagen werden. Wie der scheidende Armeechef Philippe Rebord richtig sagt, ist die Sicherheit des Landes das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft aufbaut. Ebendieser Gesellschaft gehören auch Menschen wie Christine Hug an. Weshalb sollte also Trans­sexuellen verwehrt werden, im Ernstfall das ultimative Opfer für unser Land zu bringen? Ich sehe jedenfalls keinen Grund und kenne auch keine Studie, die belegen würde, dass Transfrauen nicht in der Verfassung sein sollten, eine Kampftruppe zu kommandieren.

Leider wurde erst kürzlich erneut so geurteilt. Militärärzte verweigerten einem 21-jährigen Transmann, einer Frau, die zum Mann wurde, aus dem Waadtland den Dienst. Er hat Rekurs gegen diesen Entscheid eingereicht. Gut so. Hoffentlich ermutigt Christine Hugs Coming-out weitere Trans­sexuelle dazu, ihr Recht, Wehrdienst zu leisten, durchzusetzen. Denn der Zweck unseres Milizsystems muss sein: Wer Bürger dieses Landes ist, soll es auch verteidigen dürfen

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