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Zoff um die Klagemauer

Schweizer Juden befürchten eine zunehmende Entfremdung von Israel.

Monopol für das «richtige» Judentum. An der Klagemauer sollen Frauen von Männern weiterhin getrennt sein.
Monopol für das «richtige» Judentum. An der Klagemauer sollen Frauen von Männern weiterhin getrennt sein.
Keystone

Orthodoxe und liberale Juden streiten sich seit Beginn dieser Woche über die «richtige» Gebetsform an der Klagemauer. Die innerjüdische Auseinandersetzung vergiftet das Klima zwischen Israel und der Diaspora – dies auch in der Schweiz. Im Vordergrund des Konflikts steht die Klagemauer in Jerusalem, die viele Juden als heiligen (oder zumindest als besonders wichtigen) Ort betrachten. Während die orthodoxen Juden darauf bestehen, dass Frauen und Männer in getrennten Abschnitten beten, wollen Anhänger von liberalen Strömungen durchsetzen, dass Frauen gleichberechtigt neben Männern beten, singen und laut aus der Tora vorlesen dürfen. Weil die Klagemauer von Ultra-orthodoxen verwaltet und gemanagt wird, können sie bestimmen, wer wann wo und wie beten darf. Reformen lehnen sie ab.

Doch im Grunde genommen gehe es beim Konflikt nicht bloss darum, ob Frauen und Männer an der Klagemauer gemeinsam beten dürfen oder nicht, meint Yair Sheleg vom Israelischen Institut für Demokratie. An der Klagemauer gehe es vielmehr «um den politischen Status des Reformjudentums in Israel».

In der Diaspora hat das Judentum viele Facetten und Strömungen. In Israel aber gibt in religiösen Fragen ausschliesslich die Orthodoxie den Ton an. Sie hat das Monopol für die Interpretation des «richtigen» Judentums – und will es behalten. Weil Netanyahu auf die Unterstützung der Gottesfürchtigen in seiner Koalitionsregierung angewiesen ist, können sie ihre politischen Forderungen mit Leichtigkeit durchsetzen.

Der jüngste Konflikt war ausgebrochen, nachdem die rechts-religiöse Koalition von Benjamin Netanyahu am Sonntag einen früheren Plan «eingefroren» hatte, der an der Klagemauer auch moderne Formen des Gottesdiensts zugelassen hätte. So wäre es Frauen erlaubt gewesen, an der Klagemauer gemeinsam mit Männern zu beten. Die Regierung hatte zuvor den Kompromissvorschlag bewilligt, mit Zustimmung der orthodoxen Parteien.

Doch an deren Basis stiess der Plan auf so heftigen Widerstand, dass die frommen Politiker ihre Unterstützung jetzt zurückgezogen haben. Die orthodoxen Parteien hätten damals den Plan nur deshalb gut geheissen, weil «sie sich nicht um die Details gekümmert hatten», begründet jetzt Innenminister Aryeh Deri von der ultra-orthodoxen Shas-Partei die Kehrtwendung.

Gefährlicher Rückschritt

Mit liberalen Strömungen, die in Israel nicht anerkannt sind, identifizieren sich laut einer PEW-Studie aus dem Jahre 2016 mehr als die Hälfte der amerikanischen Juden. Der Zoff um die Klagemauer hat deshalb zu einer Krise zwischen Israel und der Diaspora geführt. So haben gegen den Entscheid der israelischen Regierung amerikanische Juden heftig und unmissverständlich protestiert. Im New Yorker Forward heisst es zum Beispiel, dass Netanyahu mit seiner «feigen Entscheidung» einem grossen Teil der amerikanischen Juden «den Finger zeige» und deren Bindung an Israel weiter schwäche. Der Vorsitzende der Jewish Agency, Nathan Scharansky, bezeichnete den Beschluss als «verheerend», denn er sage den Juden in aller Welt: «Ihr seid nicht Teil von uns.» Ein geplantes Abendessen mit Netanyahu sagte Scharansky kurzerhand ab. Das American Jewish Commitee, eine der wichtigsten jüdischen Dachorganisationen in Amerika, kritisierte den Entscheid als «Rückschlag für die jüdische Einheit» und die Beziehungen zwischen Israel und Amerikas Juden.

Auch Schweizer Juden reagieren besorgt auf den jüngsten Entscheid. Er bedauere persönlich alles, «was das jüdische Volk spaltet, anstatt seine Einheit stärkt», sagte Herbert Winter, Präsident des Dachverbands Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund SIG, gegenüber der Basler Zeitung, ohne damit den Entscheid offiziell kommentieren zu wollen. Yves Kugelmann, Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins tachles, sieht im Entscheid einen gefährlichen Rückschritt. Wenn Israel sich weiterhin als «Heimstätte» aller Juden verstehen wolle, sei die Diskriminierung eines Grossteils der jüdischen Gemeinschaft und vor allem auch der Frauen an solch einem Ort «ein Schritt zurück anstatt vorwärts in eine moderne demokratische Struktur».

Ohnehin sei es fragwürdig, «wenn mit Religion Politik und mit Politik Religion gemacht wird». Das Beispiel zeige einmal mehr, dass sich in Israel die Trennung von Staat und Religion aufdränge. Der Entscheid der israelischen Regierung sei «ein Schlag ins Gesicht aller progressiven oder säkularen Juden», sagt Pierre Loeb, Präsident des Neuen Israel Funds Schweiz. Er vergrössere die Spannungen zwischen Israel und der Diaspora weiter, statt zur Entspannung mit Kompromissen und Lösungen beizutragen.

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