Wohl und Weh der Wasserkraft

EU-Länder weisen deutschen, subventionierten Strom ab, um ihre Produktion zu schützen. Die Schweiz setzt hingegen auf einen immer enger vernetzten europäischen Strommarkt.

Unrentabel wegen Deutschland. Wasserkraftwerke, wie jenes am Zervreila-Stausee in Graubünden, leiden am Preiszerfall auf dem Strommarkt.

Unrentabel wegen Deutschland. Wasserkraftwerke, wie jenes am Zervreila-Stausee in Graubünden, leiden am Preiszerfall auf dem Strommarkt.

(Bild: Keystone)

Der Wasserkraft geht es schlecht. Besonders die beiden grossen Unternehmen Axpo und Alpiq schreiben rote Zahlen. Sie lagern Staudämme aus oder versuchen sie sogar zu verkaufen. Strom aus Wasserkraft – während Jahren ein gutes Geschäft – rentiert nicht mehr.

Das hat mit dem internationalen Strompreis zu tun. Der ist meistens tiefer als die Produktionskosten in der Schweiz, weil es einen Überfluss an subventioniertem Strom gibt. Mit der Energiestrategie des Bundes soll die Wasserkraft während fünf Jahren einen Rappen pro Kilowattstunde und Investitionsbeihilfen erhalten. «Das löst nicht alle Probleme der Wasserkraft», räumt Benoît Revaz, Direktor des Bundesamts für Energie (BFE), ein. In der Branche tönt es ähnlich: «Es ist zu viel zum Sterben und zu wenig, um zu überleben.» Andere Länder gehen einen anderen Weg, um ihre Produktion zu schützen: Sie schotten sich vom deutschen Billig­strom ab.

Der Überfluss ist vor allem dann gross, wenn es im Norden Deutschlands stürmt. Damit es auch bei wenig Wind genug Strom gibt, müssen viel mehr Windräder aufgestellt werden, als eigentlich nötig sind. Wenn die Bedingungen dann aber gut sind, kommt es zur Überproduktion. Dieser Strom ist mit Subventionen vorab bezahlt. Er kommt fast gratis, in extremen Situationen sogar zu einem Negativpreis ins Netz. Die Betreiber lassen die Windräder trotzdem laufen, denn sie verdienen immer noch an den Subventionen. Das sorgt für tiefe Preise – auch in der Schweiz.

Unsichere Staudämme

Die Energiestrategie 2050 rechnet mit einem starken Zubau bei der Wasserkraft, um bis 2035 die noch laufenden Atomkraftwerke zu ersetzen. Doch wenn sich Wasserkraft nicht mehr lohnt, wird niemand in neue Werke, Erweiterungen bestehender Staudämme oder in die Sicherheit der Anlagen investieren.

Carlo Schmid, früherer CVP-Ständerat und Präsident der Elektrizitätskommission des Bundes (Elcom), warnte im Januar am Stromkongress davor, dass die mangelnden Erträge der Produzenten die Investitionen in der Schweiz einschränkten. Dadurch sei die Versorgungssicherheit durch eigene Produktion infrage gestellt. Gleichzeitig muss dringend in die Sicherheit investiert werden. Gemäss einem Bericht des Bundesamts für Energie sind 148 von 206 Staudämmen in der Schweiz nicht erdbebensicher. Ob die nun vorgeschlagenen Subventionen Investitionen in die Sicherheit auslösen, ist fraglich. BFE-­Direktor Revaz konnte gestern nicht sagen, wann die Dämme sicher sein werden.

Wie dramatisch die Situation für die hiesige Wasserkraft ist, lässt sich nicht nur an den Erfolgsrechnungen der Stromkonzerne ablesen, sondern ist auch international dokumentiert. Die Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden in der EU (Acer), bei der die Schweiz Beobachterstatus hat, schreibt in einem Bericht, dass im Jahr 2013 in zwei von drei Stunden der Preis in der Schweiz durch deutschen Billigstrom gedrückt wurde. An keiner innereuropäischen Grenze war das Problem so schlimm wie zwischen Deutschland und der Schweiz. 2014 entstand deswegen an unserer Nordgrenze gemäss Acer ein Wohlstandsverlust von mehr als 200 Millionen Euro. Aktuellere Zahlen sind nicht erhältlich, da aber seither die Produktion von Wind- und Solarstrom in Deutschland weiter ausgebaut wurde, dürfte der negative Effekt des subventionierten Stroms eher zu- als abgenommen haben.

Grenzen dicht für Windstrom

Das Problem gibt es nicht nur in der Schweiz. In Polen und Tschechien leiden die Kohlen- und Kernkraftwerke unter dem durch Deutschland verursachten Preiszerfall. Diese Kraftwerke rentieren ebenfalls nicht mehr, wodurch auch dort Investitionen nicht mehr getätigt werden. Gleichzeitig kommt das Stromnetz in diesen Ländern unter Druck. Weil in Deutschland die Stromleitungen von den Windrädern im Norden in den Süden fehlen, wo Atomkraftwerke abgestellt wurden, nimmt der Strom den Umweg über Polen und Tschechien oder über die Niederlande und Belgien. Deutschland müsste bis zur Schliessung des letzten Kernkraftwerks im Jahr 2022 insgesamt 6100 Kilometer Leitungen bauen. Bis jetzt wurden 400 Kilometer davon genehmigt, erst 80 wurden gebaut.

Die Nachbarländer Deutschlands haben nun an ihren Grenzen sogenannte Phasenschieber in Planung oder bereits installiert, um den deutschen Windstrom abzuwehren. Das dient vor allem dazu, das eigene Netz zu stabilisieren, das unter der Überlastung mit deutschem Windstrom zusammenzubrechen droht.

In Polen und Tschechien gibt es aber noch einen anderen Grund: Die Phasenschieber sorgen dafür, dass der deutsche Subventionsstrom die heimische Produktion nicht unrentabel macht. Die Länder schützen ihre eigene Produktion vor dem deutschen Billigstrom von der deutschen Küste.

Wäre das nicht die Lösung für die Staudämme in der Schweiz? Würde die Schweiz den deutschen Strom abwehren, käme das nicht wie in Polen der dreckigen Kohlekraft, sondern der sauberen einheimischen Wasserkraft zugute. Die Wasserkraftwerke wären plötzlich wieder rentabel. Investitionen in Unterhalt und Erweiterungen würden sich wieder lohnen.

Mehr als nichts

Die Idee ist nicht neu: Vor etwa 15 Jahren diskutierten die Stromkonzerne die Abschottung der Schweiz bereits einmal, weil das Schweizer Netz durch unkontrollierte Stromflüsse nach Italien belastet wurde, welche die damals einträglichen Transitkapazitäten einschränkten. Man stellte fest, dass der Bau von Phasenschiebern technisch möglich wäre. Aber die Stromfirmen verzichteten darauf, weil sie das Ver­hältnis zu Deutschland nicht belasten wollten. Heute haben die anderen Nachbarländer solche Phasenschieber installiert, sogar mit Erlaubnis der EU.

Neun solcher gut einfamilien­hausgrossen Apparate – einer kostet rund 80 Millionen Franken – gibt es in der Schweiz bereits. Sechs weitere sind derzeit ­in Planung oder in Bau. Sie dienen vor allem dazu, den Stromfluss ­zwischen verschiedenen Spannungs­ebenen ­auszugleichen und so das Netz zu stabilisieren.

Die Schweizer Netzgesellschaft Swissgrid schreibt allerdings auf Anfrage, dass diese Phasenschieber auch den Stromfluss im grenzüberschreitenden Übertragungsnetz beeinflussen können. Die 15 Phasenschieber würden zwar kaum ausreichen, um den deutschen Billigstrom abzuwehren, aber sie sind mehr als nichts.

Der Unmut über den deutschen Billigstrom geht so weit, dass der österreichische Umweltminister Andrä Rupprechter im vergangenen Herbst mit Unterstützung von osteuropäischen Staaten eine Energieallianz gegen Deutschland zu schmieden begann.

Es ist ein Widerspruch: Während die EU die Strommärkte immer mehr zusammenschliessen will, bauen die Mitgliedsländer Installationen, um das Gegenteil zu machen – und damit ihre eigene Stromproduktion zu schützen.

Importe infrage gestellt

Die Energiestrategie 2050 sieht vor, dass die Schweiz auch in Zukunft im Winter Strom importieren muss. Gemäss Berechnungen des Bundesamts für Energie wird die Zeit, in der solche Importe nötig sind, bis 2030 auf fast acht Monate pro Jahr zunehmen. Damit setzt die Schweiz auf einen immer enger vernetzten europäischen Strommarkt – exakt das Gegenteil der gegenwärtigen Entwicklung rund um Deutschland. Die Gegner der Energiestrategie befürchten deshalb, dass es in einigen Jahren gar nicht oder nur zu einem sehr hohen Preis möglich sein wird, den im Winter benötigten Strom zu importieren.

«Dass jedes Land im Bedarfsfall zuerst für sich sorgt, liegt auf der Hand. Darüber sollte man sich keinen Illusionen hingeben», sagte Elcom-Chef Carlo Schmid im Januar dieses Jahres. Aber vielleicht sollte man sich neuen Ideen für die Wasserkraft widmen.

Basler Zeitung

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