Wie man einen Befehl verweigert, ohne einen Befehl zu verweigern

Geht es um das Vermeiden von Aufträgen, entwickeln manche Soldaten ungeahnte Kreativität. Eine Anleitung.

Es kann nur derjenige die Achtungstellung auflösen, der einen auch ins Achtung gestellt hat.

Es kann nur derjenige die Achtungstellung auflösen, der einen auch ins Achtung gestellt hat.

(Bild: Keystone)

Wie jedem Militärdienstpflichtigen nach der Lektüre des Dienstreglements und des Militärstrafgesetzes klar sein sollte – sollte er diesen Auswuchs schweizerischer Bürokratie und dieses militärische Cor­pus Iu­ris auch tatsächlich mal zur Hand nehmen –, ist Befehlsverweigerung nicht nur verpönt, sonder auch strafbar. Ich habe in meiner letzten Kolumne aufgezeigt, welche Strafen demjenigen drohen können, der nicht gehorcht.

Was also tun, wenn man aber nicht ständig mit unnötigen Befehlen beelendet werden will? In meiner Rekrutenschule gab es zwei Kniffe. Der eine war eher wagemutig, der andere ziemlich simpel. Schwer sind sie beide nicht, aber für den ersten muss man das System Armee so verstanden haben, dass man es gegen sich selber anwenden kann. Es war ein Trick, der eher von den pfiffigen und findigen Rekruten angewendet wurde. Ich war einer von ihnen.

Der Befehl an sich selbst

Trick 1: Während der allgemeinen Grundausbildung in der RS werden die Rekruten gedrillt. Es wird gerannt, Liegestütze gemacht, wieder gerannt, und wer nicht mehr rennen kann, wird in die Achtungstellung «geklöpft». Das heisst: die Hacken zusammenschlagen – sie müssen einen 90-Grad-Winkel ergeben – die Hände an die Hüften gelegt, die Arme durchgestreckt, gerader Rücken, Blick nach vorne, nicht bewegen. In Achtungstellung befahlen uns meist Unteroffiziere, wenn sie zu beschäftigt waren, um uns zu bestrafen, wir ihnen aber auf die Nerven gingen. Nun ist es so, dass einen nur derjenige aus der Achtungstellung wieder in die Ruhnstellung – also eine ruhende Position, in der Befehle entgegengenommen werden können oder müssen – befehlen darf, der einen auch ins Achtung gestellt hat. So weit, so klar?

Das Ganze läuft dann folgendermassen ab. Ich lehne an einer Wand in der Panzerhalle und spiele mit meinem Handy. Weiter hinten sehe ich einen Unteroffizier durch die Halle schreiten und Befehle erteilen. Schnell schiebe ich mein Handy in die Tasche und stelle mich ins Achtung. Der Unteroffizier sieht mich, ist ein wenig irritiert und ruft: «Abrecht, Ruhn!» Da ich aber gar nicht wirklich in die Achtungsstellung befohlen wurde, kann mich der Vorgesetzte auch nicht in die Ruhnstellung befehlen. Er gibt mir de facto einen ungültigen Befehl, was wiederum bedeutet, dass ich keinen Befehl verweigere. Typisch bauernschlau. Ich stehe also weiterhin kerzengerade da und starre an die gegenüberliegende Wand. Der Unteroffizier entfernt sich wütend und sucht nach demjenigen, der den Abrecht ins Achtung gestellt hat. Der Abrecht wartet, bis der Unteroffizier sich entfernt hat, und macht sich aus dem Staub. Voilà; der Befehlsausgabe entgangen, ohne einen Befehl zu verweigern. Die Unteroffiziere haben den Trick nie durchschaut.

Verschlaufen ist Kunst

Trick 2: Simpel und gefährlich: sich verstecken. Wer einen Befehl nicht hören kann, kann auch keinen ausführen. Nur wo? Die weniger geistreichen unter uns legen oder setzen sich in einen Puch oder Duro und machen ein Schläfchen. Darin ist es warm, und die Sitzmöglichkeiten sind relativ komfortabel. Nur: Duro und Puch sind bekannte Verstecke. Eben weil sie beheizt und nicht gerade ungemütlich sind. Dementsprechend schnell beginnen die Unteroffiziere die Fahrzeuge zu durchsuchen, wenn auffällig wenig Rekruten auf dem Platz sind.

Besser: Kampfpanzer Leopard 2. Die Dinger sind drei Meter hoch und den Unteroffizieren ist es zu anstrengend, auf jeden Panzer zu steigen, um die Innenräume zu prüfen. Und so kommt es, dass der Feldweibel kurz vor dem Abendessen «Kompanie, daher!» ruft und überall aus den Panzern verpennte Soldaten kriechen, wie die Erdmännchen aus ihrem Winterschlaf.

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