Wer diskriminiert hier wen?

Frauen verdienen weniger als Männer. Eine neue Studie erklärt, warum.

Pussyhats vo dem Bundeshaus:Die Diskussion um den geschlechtlichen Lohnunterschied dreht sich allzu häufig um ein einziges grosses Missverständnis.

Pussyhats vo dem Bundeshaus:Die Diskussion um den geschlechtlichen Lohnunterschied dreht sich allzu häufig um ein einziges grosses Missverständnis.

(Bild: Keystone)

Markus Somm@sonntagszeitung

In einem Interview mit der Sonntagszeitung wurde Simonetta Sommaruga, jene sozialdemokratische Bundesrätin, die sich wie keine andere zuvor um die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau bemüht, auch nach ihren eigenen Erfahrungen in dieser Hinsicht gefragt:

«Frau Bundesrätin, wurden Sie bei Ihrem ersten Job lohnmässig diskriminiert?»

«Ja, das war tatsächlich so.»

«Wie gross war die Differenz?»

«Fast 50 Prozent, also sehr gross.»

Leider haben die beiden Journalisten nicht nachgefragt, um welche Stelle es sich gehandelt und in welchem Jahr sich diese Geschichte zugetragen hatte. Denn sicher ist: Ein solcher Lohnunterschied ist unzumutbar, allerdings ist ebenso sicher, dass sich solch eklatante Differenzen heutzutage kaum noch irgendwo feststellen lassen. Im Gegenteil, in den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern Jahr für Jahr mehr eingeebnet, genauso wie die Frauen insgesamt in der Arbeitswelt unendlich viel besser dastehen als vor dreissig Jahren. Gewiss, in Chefpositionen kommen sie noch seltener vor, ab und zu mag es noch Arbeitgeber geben, die Frauen systematisch unterschätzen, und ohne Frage behindern allfällige Familienpflichten die Frauen nach wie vor mehr, als dies bei Männern der Fall ist. Dennoch dürfte kaum jemand die grossen Fortschritte bestreiten, wenn er es nüchtern betrachtet – und nicht politisch getrieben ist.

Die Statistiker weisen gegenwärtig in der Schweiz einen Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern von 20 Prozent im Privatsektor und 17 Prozent im öffentlichen Sektor aus: Dabei stellten sie fest, dass rund zehn Prozent dieser Differenz nicht erklärbar sind durch Dinge wie unterschiedliche Ausbildung, berufliche Position oder Branche. Nach wie vor gilt nämlich, dass es manche Frauen in Branchen zieht, die weniger hohe Löhne bezahlen, ebenso wählen sie vermehrt Ausbildungen, die weniger Einkommen versprechen. Diesen Entscheid fällen die Frauen in der Regel freiwillig; dass sie weniger verdienen, hat somit nichts damit zu tun, dass sie Frauen sind. Sollte ein Mann sich für den gleichen Job interessieren, erhält auch er einen tieferen Lohn als jene Männer, die bewusst in Branchen oder Stellen streben, die gut entlöhnt sind.

Zehn Prozent unerklärbar: Wenn dies auch ein Prozentsatz ist, der klein erscheint, er wirkt stossend – und manche Beobachter, Betroffene oder Politiker sind deshalb umso mehr davon überzeugt, dass Frauen eben doch diskriminiert werden. Konkret stellen sich diese Kritiker das vermutlich so vor: Wenn sich eine Frau bei einem männlichen Chef vorstellt und man auf den Lohn zu sprechen kommt, nimmt dieser bewusst oder unbewusst sogleich einen Abzug vor. Stünde ein Mann vor ihm, so die verbreitete Meinung, würde der Chef das nicht tun. Aber stimmt das?

Die gigantische Verschwörung

Ich habe dieses Szenario schon immer für unrealistisch gehalten. Gewiss, solche Männer mag es noch geben, vielleicht sogar viele, dass aber sämtliche männlichen Chefs oder immerhin die ganz überwiegende, statistisch relevante Mehrheit – ja sogar die weiblichen Chefinnen – dies so handhaben: Es ist kaum denkbar. Es wird eine männliche Weltverschwörung gegen die Frauen unterstellt, die zu organisieren nicht allzu einfach ist und die trotzdem in der Lage sein soll, mit einer phänomenalen Geschlossenheit grossflächig die Hälfte der Bevölkerung zu diskriminieren.

Warum schert kein einziger Chef aus? Die Verlockung dazu müsste gewaltig sein: Denn wenn die Männer durchschnittlich nur deshalb mehr Lohn erhalten, weil sie Männer sind, dann würde das doch bedeuten, dass sie überbezahlt sind. Wer als Arbeitgeber das erkennt, würde gut daran tun, nur noch Frauen anzustellen, er schlüge die Konkurrenz sogleich, weil er für die gleiche Arbeitsleistung weniger bezahlt als die anderen männlichen, etwas dummen, aber sexistischen Chefs. Obwohl dieser Effekt indessen zwingend wäre, stellen wir ihn nie fest. Vielleicht ist die Diskriminierung eben doch viel weniger verbreitet, als dies insbesondere Politiker vermeinen.

Eine neue Studie der Stanford University in Kalifornien in Kooperation mit dem Taxi-Unternehmen Uber stützt diese Vermutung. Zum ersten Mal, so führen die fünf Autoren aus, sei es ihnen gelungen, den Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern, den sogenannten Gender Pay Gap, zu hundert Prozent zu erklären. Hundert Prozent. Wäre dies der Fall, handelte es sich um eine sensationelle Leistung, denn selbst die neuesten amerikanischen Untersuchungen kamen immer wieder zum Schluss, dass rund sieben Prozent der Lohndifferenz zwischen Mann und Frau unerklärbar sind. Meistens, ich wiederhole mich, schrieb man dies einer versteckten oder offenen Diskriminierung zu.

Die fünf Forscher arbeiten zum Teil an der Stanford University, zum Teil bei Uber selber – und daher erhielten sie Zugang zu einem einzigartigen Datenschatz: Sie überprüften die Einkommen von gegen zwei Millionen Uber-Fahrern in den USA, ein Drittel davon Frauen. Eine so grosse Stichprobe wurde noch nie erhoben, was einen Wert an sich darstellt. Immerhin entspricht diese Zahl fast einem Prozent der gesamten Beschäftigten Amerikas, eine formidable Stichprobe mithin – was diesen Untersuchungsgegenstand aber noch viel aufschlussreicher und wertvoller macht: All das, was bisher die unerklärbare Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern etwas verständlicher erscheinen liess, trifft hier nicht zu.

Wie sexistisch ist ein Computer?

Bei Uber verteilt ein anonymer Computer, besser ein Algorithmus, die Aufträge, und das Einkommen eines Uber-Fahrers richtet sich (in den USA) einerseits nach der Distanz, die er mit seinem Kunden zurücklegt, andererseits nach der Zeit, die ihn das kostet. Fährt er zur Stosszeit, verdient er etwas mehr, doch auch dieser Zuschlag, der mittels eines Multiplikators festgelegt wird, berechnet ein anonymer, also geschlechtsloser Computer. Ebenso wird bei Uber über keinen Lohn verhandelt, sodass es schlechterdings nie vorkommen kann, dass eine Uber-Fahrerin aus sexistischen Gründen schlechter behandelt würde oder dass sie gegenüber einem Mann den Kürzeren zöge, weil sie sich im Gespräch nicht durchzusetzen vermochte. Solche Lohngespräche finden schlicht nicht statt.

Schliesslich kommen die Arbeitszeitmodelle von Uber den Frauen entgegen. Jeder Fahrer entscheidet selber, wann und wie oft er fährt. Dabei verdient niemand überproportional mehr, wenn er etwa 100 Prozent arbeitet. Teilzeit wird mit anderen Worten nicht bestraft, niemand erhält einen tieferen Lohn, weil er als Teilzeitangestellter als weniger produktiv gälte. 100 Prozent, 10 Prozent, 42 Prozent: Das Pensum ist irrelevant, abgerechnet wird strikt nach Fahrleistung und Fahrstrecke.

Erstaunliche Resultate

Aus diesem Grund erwarteten die Forscher eigentlich, dass sich keine allzu grossen Differenzen herausstellen würden, ja sie gingen gar davon aus, dass sich ein allfälliger Unterschied eher zugunsten der Frauen auswirken würde, da die Teilzeitstrafe ja wegfiel. Tatsächlich entdeckten die Wissenschaftler auch bei diesem riesigen Sample, wo kein einziger Lohn von einem Menschen bestimmt wird, eine Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern: Männliche Uber-Fahrer verdienten im Durchschnitt sieben Prozent mehr – pro Woche, pro Stunde. Warum?

Im Wesentlichen sind es drei Faktoren, die zu diesem je nach Standpunkt deprimierenden oder überraschenden Ergebnis führten: Erstens spielt es eine Rolle, wie viel Erfahrung ein Uber-Fahrer angesammelt hat. Wenn er schon lange in diesem Job tätig ist, verdient er mehr, weil er weiss, wann es sich lohnt, einen Auftrag anzunehmen oder abzulehnen: Ist der Kunde zu weit entfernt? Ist die Route zu kurz?

Weil Männer tendenziell deutlich länger bei Uber unter Vertrag bleiben als Frauen, wirkt sich das auf das Einkommen aus: Statistisch erklärt dies einen Drittel der Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern bei Uber. Der zweite Faktor hängt eng mit dem ersten zusammen: Männer neigen dazu, an lukrativeren Zeiten und in einträglicheren Quartieren zu fahren. Wenn Stosszeit herrscht, wenn die Nachfrage nach Uber-Taxis zunimmt, nimmt ein Uber-Fahrer mehr ein. Eigenartigerweise achten Männer viel mehr darauf als Frauen, was nicht zuletzt auf die grössere Erfahrung zurückzuführen ist, aber wohl nicht allein. Rund zwanzig Prozent des Lohnunterschieds können damit begreiflich gemacht werden. Kein Faktor allerdings beeinflusst das unterschiedliche Einkommen mehr als der dritte – der auf den ersten Blick wie ein sexistisches Stereotyp wirkt: Männer fahren schneller als Frauen. Deshalb sind sie produktiver, in weniger Zeit vermögen sie mehr Kunden abzufertigen. Dieser Grund ist für rund die Hälfte des Lohnunterschieds verantwortlich.

Die Grenzen des Gesetzes

Um auf Sommarugas Anliegen zurückzukommen: Bei Uber ergeben sich Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern, an denen im Grunde genommen nichts auszusetzen ist – oder wie es Rebecca Diamond, eine der Autorinnen, formulierte: «Wir haben keinerlei Anhaltspunkte für eine Diskriminierung feststellen können, stattdessen aber für eine freie Wahl.» Frauen entscheiden sich selber für ein Arbeitspensum, das ihnen etwas weniger Lohn einbringt. Wenn man den Menschen ernst nimmt als eigenverantwortliches, vernünftiges Wesen, dann dürfte dies die freie Wahl von Hunderttausenden von Frauen sein – und diese gilt es zu respektieren.

Das heisst nicht, dass es in Sachen Gleichstellung nichts mehr zu tun gäbe. So ist es offensichtlich, dass die Uber-Fahrerinnen auch Zeiten zum Arbeiten wählen, die sich besser mit ihren Kinderbetreuungspflichten vereinbaren lassen, was Männer weniger zu beschäftigen scheint. Gewiss würden hier Tagesschulen, Horte oder Blockzeiten helfen. Das würde aber im Fall von Uber dennoch nichts daran ändern, dass Männer schneller fahren und deshalb mehr verdienen.

Die Diskussion um den geschlechtlichen Lohnunterschied dreht sich allzu häufig um ein einziges grosses Missverständnis: Wenn ein Ergebnis nicht gleich ist, dann bedeutet das noch lange nicht, dass daran etwas faul ist. Unterschiedliche Menschen wählen unterschiedliche Dinge. Am Ende handelt es sich um die Folgen von privaten Präferenzen von freien Menschen, die niemand dazu gezwungen hat. Mit Diskriminierung hat das nichts zu tun. Noch weniger lässt sich das per Gesetz ändern, wie das Sommaruga vorzuschweben scheint. Vor allem ist es nicht Sache des Staats, uns, ob Frauen oder Männern, vorzuschreiben, zu Stosszeiten zu arbeiten oder schneller zu fahren.

Basler Zeitung

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