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«Handgranaten in Froschteiche werfen, dann kommen die Falschen»

Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger fordert, dass nur noch Freiwillige Militärdienst leisten sollen – auch Flüchtlinge und Arbeitslose. Und er sagt, wie die Armee rekrutieren sollte.

«Unsere Armee ist durch die Wehrpflicht eigentlich zu gross», sagt Eichenberger. Im Bild: Grenadiere bei der Sprengstoffausbildung.
«Unsere Armee ist durch die Wehrpflicht eigentlich zu gross», sagt Eichenberger. Im Bild: Grenadiere bei der Sprengstoffausbildung.
Keystone

Herr Eichenberger, Sie haben heute Morgen an einem Podium von Axa Investment Managers über die Zukunft des Milizsystems diskutiert. Sie fordern einen freiwilligen Militärdienst. Wäre das nicht der Untergang unserer Milizarmee?

Nein, im Gegenteil. Wenn der Militärdienst freiwillig wäre, könnten wir viele Nachteile des heutigen Systems beseitigen: Unsere Armee ist durch die Wehrpflicht eigentlich zu gross. Das heisst, wir müssen die Soldaten früher ausmustern, was dazu führt, dass wir über viele junge Soldaten mit wenig Erfahrung verfügen. Das ist auch volkswirtschaftlich unsinnig, denn wir stecken viel Geld in ihre Ausbildung, profitieren aber zu wenig davon.

Wenn der Militärdienst freiwillig ist, melden sich nicht unbedingt die Besten. Es kämen wohl vermehrt Leute zum Militär, die sonst wenige Perspektiven haben, Arbeitslose etwa oder Flüchtlinge.

Es muss nicht schlecht sein, wenn Ausgegrenzte dank der Armee eine Chance bekommen. Die USA etwa kombinieren den Dienst mit Ausbildungsprogrammen für minderbemittelte Schwarze. Zudem weiss man heute auch dank den Erfahrungen der USA, wie man richtig rekrutiert. Da können wir viel lernen. Wenn sie im Dienst hauptsächlich Handgranaten in Froschteiche werfen, kommen natürlich die Falschen.

Und wie holen Sie die Richtigen?

Im Militärdienst muss man Bedrohungsszenarien simulieren, die heute realistisch sind. Diese sind geistig, psychisch, technisch und auch körperlich sehr anspruchsvoll und wird auch Junge anziehen, welche die Voraussetzungen dafür mitbringen.

Genügt das, um an gute Leute zu kommen?

Natürlich müsste man die Soldaten anständig entlöhnen. Wir müssten aber auch wie die USA eine kürzere Rekrutenschule durchführen und anstelle langer Wiederholungskurse zusätzliche Ausbildungen an Wochenenden anbieten. Meiner Meinung nach müsste aber auch der Militärdienst selber attraktiver werden: Früher kamen Junge im Militär zu guten Jobs, weil sie neben Älteren dienten, die Kaderpositionen innehatten und junge Talente suchten. Heute lernen Soldaten nur noch andere Junge kennen. Eine grössere Altersdurchmischung wäre aber auch für die psychische Stabilität der Truppe und den Zusammenhalt mit der Bevölkerung sehr wichtig. Früher sahen die Kinder ihren Vater noch in Uniform einrücken, heute, wo meist Männer zwischen 20 und 26 Jahren Dienst leisten, ist dies kaum mehr so.

Schweden muss die Wehrpflicht wieder einführen, weil das Land nicht genügend Soldaten rekrutieren konnte.

Das wundert mich nicht. Schweden verfügt über eine Armee mit ganzjährig stehenden Truppen. Das heisst, die Soldaten stehen einige Jahre herum und langweilen sich, oder aber sie werden für gefährliche Einsätze in Krisengebieten eingesetzt. Logisch, funktioniert das nicht.

Haben Sie Signale, dass Ihre Vorschläge von Politikern oder Politikerinnen aufgegriffen werden?

Ja, ich denke, dass es in unserer Armee jetzt vorwärtsgeht. Die Armeeführung war Neuerungen gegenüber immer schon aufgeschlossener als die Politik. Heute sind die Probleme der Armee so gross und die Bedrohungslage so dynamisch, dass die Reformbereitschaft da ist. Man muss ja nicht gleich die gesamte Dienstzeit als freiwillig erklären. Man könnte Soldaten, statt sie nach ihrer Dienstpflicht mit 26 Jahren auszumustern, zu einem freiwilligen, anständig bezahlten Dienst einladen. Ich würde wetten, dass die Personalprobleme der Armee so gelöst wären. Dann kann man sich schrittweise einem freiwilligen Militärdienst annähern.

Wie halten Sie es persönlich mit dem Milizsystem? Haben Sie ein Amt inne?

Ja, ich bin unter anderem Mitglied der Eidgenössischen Kommunikationskommission Comcom. Meiner Meinung nach sind solche Miliz-Kommissionen sehr wertvoll – es gibt nicht viele Spezialisten, die ganzjährig in solchen Kommissionen arbeiten könnten und sie wären auch nicht alle während des ganzen Jahres ausgelastet.

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