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«Wenn man immer den nächsten Zug nimmt, verpasst man keinen»

Abt Martin Werlen hat Rückblick auf seine Zeit als Vorsteher des Kloster Einsiedeln gehalten. Er sprach dabei auch über seine künftigen Tätigkeiten – und stellte sein Buch «#Bahngleichnis» vor.

Unkonventioneller Kirchemmann: Abt Martin Werlen vor den Medien in Bern. (7. November 2013)
Unkonventioneller Kirchemmann: Abt Martin Werlen vor den Medien in Bern. (7. November 2013)
Keystone

Auf seinem Abtring stehen das erste und letzte Wort der Benediktsregel – «ausculta» und «pervenies»: «Höre und du wirst ankommen» hatte Martin Werlen als Motto gewählt, als er vor zwölf Jahren «überraschend» zum Abt ernannt worden war.

Mit 39 Jahren stand er den Klostern Einsiedeln und Fahr vor. Und wenn er damals gewusst hätte, was in seiner Amtszeit alles auf ihn zukommt – dann hätte er gesagt: «Das geht nicht, das schaffe ich nicht.» Gegangen sei es nur dank der Gemeinschaft.

«Wir müssen uns dieser Situation stellen»

Der Kirchenmann hat vor den Medien auf seine zwölfjährige Amtszeit zurückgeblickt. Die Medienkonferenz fand im Pfarreizentrum Dreifaltigkeit in Bern statt – Werlen hatte den Ort nicht zufällig ausgewählt.

Hier habe 2010 eine der wichtigsten Medienkonferenzen stattgefunden, sagte der Abt, der auch Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz ist. Es ging um die publik gewordenen sexuellen Übergriffe in der katholischen Kirche. Für Werlen war klar: «Wir müssen uns dieser Situation stellen». Sehr viele Menschen hätten in dieser Zeit den Kontakt zu ihm gesucht.

Mit Zug oder per Autostopp unterwegs

Ob er im Rückblick etwas anders machen würde? Eine solche Frage stelle er sich nie: «Jetzt bin ich da, wo ich bin, jetzt schaue ich weiter.» Er überlege nie, wenn er früher aus dem Haus gegangen sei, dann hätte er den Zug noch erreicht. Sondern er mache dann Autostopp.

Der Abt war während seiner Amtszeit viel unterwegs; zu Referaten, Diskussionen, Sitzungen. Meistens benutzte er den Zug. Das Zugfahren und die unerwarteten Begegnungen dabei sind ihm Inspiration für seine Bahngleichnisse – Kurzmeldungen, die er auf Twitter verbreitet.

Die Kurznachrichten-Plattform hatte er 2009 dank eines Experiments des Schweizer Fernsehens für sich entdeckt. Einige Monate später verfasste er sein erstes Bahngleichnis: «Wenn man immer den nächsten Zug nimmt, verpasst man keinen.»

Unzählige Bahngleichnisse folgten seither – nun sind sie im Buch «#Bahngleichnis» zusammengefasst. Die Buchvernissage fand noch vor der Medienkonferenz statt – logischerweise im Zug auf der Fahrt von Zürich nach Bern.

Predigt als Tweet

Sein Ziel ist, eine Predigt in einem Tweet zusammenzufassen – «falls dies nicht geht, ist die Predigt nicht gut». Er spiele gerne mit der Sprache.

Umso schwieriger sei es gewesen, als die Sprache plötzlich nicht mehr da war, erzählt der heute 51-Jährige von seinen Erfahrungen nach dem Sportunfall im Januar 2012. Nach einer Hirnblutung musste er während rund zwei Monaten wieder sprechen, lesen und schreiben lernen.

Ob sein Nachfolger auch twittern soll? Man solle mit den Instrumenten spielen, die einem liegen, antwortete der Abt. So habe er etwa zu Facebook nicht den gleichen Zugang wie Twitter. Und auf die Frage, ob er denn weiter twittern werde, sagte er: «Ich werde aufhören, es ist nur eine Frage der Zeit.»

Brandstifter – Kompliment für Werlen

Am 17. November findet der Abschlussgottesdienst zum «Jahr des Glaubens» statt. Werlen hatte im November 2012 das Jahr des Glaubens mit einem flammenden Appell begonnen. In seiner Denkschrift «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken» plädierte er dafür, dass sich die katholische Kirche den aktuellen Problemen stellen soll.

Die Schrift wurde in verschiedene Sprachen übersetzt. Im Vatikan liege die italienische Ausgabe auf dem Bestseller-Tisch, sagte Werlen nicht ganz ohne Stolz.

In einem Internetforum wurde Werlen als Reaktion auf die Schrift als Brandstifter bezeichnet – für ihn eines der grössten Komplimente. Er habe immer versucht, in seinem Amt etwas zu bewegen.

Jetzt freut sich der passionierte Akkordeon-Spieler aber auf die Zeit nach seinem Amt: Verantwortung loslassen, sich erholen und Dinge tun, die zu kurz gekommen sind. Zudem werde er – als Pater Martin – die Aufgabe ausüben, die sein Nachfolger für ihn vorsehe. «Es geht nicht darum, was, sondern wie wir etwas machen.»

SDA/mw

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