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«Wenn ich von Tier-KZ rede, werde ich gehört»

Das sind Lebewesen!» Kühe auf der Alp Glaubenbielen in Gieswil (OW).

BaZ: Herr Kessler, wir sitzen hier im Hiltl, einem alten vegetarischen Restaurant in Zürich. Ist das ein Zufall, oder wollen Sie uns umerziehen?

Sie können auf Bioprodukte ausweichen. Es hat sich unter den Bauern herumgesprochen, dass man damit neue Kunden gewinnt.

Was erleben Sie mit diesen Tieren?

Bei aller Sentimentalität: Tiere sind keine Menschen.

War das einmal anders? Finden Sie, die Menschen hatten einst ein Recht darauf, ab und zu ein Tier zu essen?

Das Tierschutzgesetz wird doch laufend verschärft. Kann man da wirklich von Missbrauch reden?

In der Werbung wird oft übertrieben und beschönigt. Das ist normal, damit können die Konsumenten umgehen.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Was ist mit den Angehörigen? Denken Sie an diese Leute, wenn Sie so etwas in der Zeitung sagen?

Dann sagen die Leute halt einfach: «Kessler mag Tiere mehr als Menschen.»

Aber Sie wollen Ihrem Anliegen auch nicht schaden.

Sie reden oft von «Hühner-KZ». Der grüne Nationalrat Jonas Fricker verglich einen Schweinetransport mit einem Zug nach Auschwitz und musste zurücktreten …

Der Punkt ist: Sie sagen selbst, es gebe Unterschiede zwischen Menschen und Tieren.

Eine Tierfabrik ist also das Gleiche wie ein KZ?

Das ist nur eine Frage.

Aber «Hühner-KZ» ist ja gerade ein solches Schlagwort.

Das ist doch ebenso anthropozentrisch gedacht. Wir haben Begriffe entwickelt, um unsere Gefühle zu beschreiben, und Sie legen diese einfach auf die Tiere um.

Ja.

Aber wenn Sie von «Hühner-KZ» reden, meinen viele Leute, Sie wollen nicht die Tiere hinauf-, sondern eine bestimmte Gruppe von Menschen herabsetzen, nämlich die Juden.

Sie könnten ja sagen: «Hühner-Gulag». Das machen Sie aber nicht.

Eben haben Sie einen Prozess verloren.

Aber warum riskieren Sie überhaupt Gerichtsprozesse? Ihr Anliegen ist doch nicht der Zweite Weltkrieg, sondern der Tierschutz.

Ja.

Nein.

Wieso zeigen Sie uns denn nicht diese Videos und Fotos – und verzichten auf die KZ-Vergleiche. Das ist Ihrer Sache, dem Tierwohl, doch viel dienlicher.

Es sind ja nicht nur die KZ-Vergleiche. Als in den Neunzigern diskutiert wurde, das Schächtverbot aufzuheben, nannten Sie die Pendlerzeitung Metropol ein «verlogenes Judenblatt», um jetzt nur ein Beispiel zu nennen. Haben Sie nicht eine Obsession mit den Juden? Die Muslime schächten ja auch, ohne von Ihnen kritisiert zu werden.

Wir verfallen nicht in Angststarre. Wir finden es einfach geschmacklos, wenn man die eine Minderheit, die in der Geschichte immer unterdrückt und verfolgt wurde, braucht – oder eben missbraucht –, um sich für Tiere einzusetzen.

Das beweist noch nichts. Es gibt ja auch Juden, die es andersrum sehen. Wir fragen uns einfach, was Sie damit zu erreichen glauben.

Sie sagten einmal, Ihr Engagement im Tierschutz habe mit einem Leserbrief gegen das Enthornen von Kühen begonnen. Da schliesst sich ein Kreis. Inzwischen gibt es eine Volksinitiative zu diesem Thema.

Wie? Finden Sie die Initiative nicht gut?

Wenn Sie einen Artikel in die Verfassung schreiben könnten: Wie lautete er?

Gewalt gegen Tiere und Gewalt gegen Menschen gehören zusammen?

Das ist Ihre Botschaft: Weltfrieden durch Veganismus?