Wenn die Masse melancholisch wird

Mit viel Pathos ist in Vevey die Fête des Vignerons eröffnet worden. Show und Krönung des besten Winzers sind nichts weniger als Emotionen für die Ewigkeit.

Ein Spektakel sondergleichen: Darstellerinnen lassen frivol und fröhlich ihre Röcke schwingen. Foto: Keystone

Ein Spektakel sondergleichen: Darstellerinnen lassen frivol und fröhlich ihre Röcke schwingen. Foto: Keystone

Yann Cherix@yanncherix

Der Sitznachbar, ein Deutschschweizer. Und wie es das Klischee will, hatte er sich über die zu spät Gekommenen aufgeregt. Er hingegen hatte sich schon lange vor 19 Uhr auf einem der 20’000 Stühle im temporären Stadion am See platziert. Dieser Mann also, der das Programmheft während der ganzen Vorführung stets griffbereit vor sich gehabt hatte, weint nun. Körper- und tränenlos, diskret.

Er weint zum «Ranz des vaches», dem Lied, das seit Jahrhunderten die Kühe von den Alpen herunterlockt und stets der emotionale Höhepunkt der Fête des Vignerons darstellt. Ein ganzes Stadion weint. Melancholie der Massen. Und als in den oberen Rängen plötzlich einige die Taschenlampenfunktion ihrer Handys einschalten und ins grosse Rund richten, greift auch unser bewegter Deutschschweizer zum Telefon. Immer mehr Lichter folgen, bis schliesslich das ganze Stadion zu leuchten beginnt und der tausendköpfige Chor noch inbrünstiger die Weissen, Schwarzen, Gefleckten herunterruft.

Daniele Finzi Pasca, der künstlerische Leiter, der bereits an den Olympischen Spielen von Turin und Sotschi die Massen bewegt hat, sprach von einer positiven Energie, die in Vevey explodieren werde. Vielleicht hätte er eher von einer Implosion sprechen sollen. Denn wie hier 20’000 Zuschauer und 5500 Darsteller sich in den Schoss einer epochenübergreifenden Tradition legen, hat etwas Kontemplatives, nach innen Gerichtetes. Wenn der Chor sein «Lyôba» (Patois, zu deutsch: Hopp) immer und immer wieder erklingen lässt, wird der Refrain der «Ranz des vaches» zum Mantra, und die Wirkung ist nichts weniger als: Trost.

Leben der Winzer in 21 Bildern

Zwei Stunden zuvor hatte alles noch harmlos begonnen. Das Mädchen Julie lässt sich von seinem Grossvater das Handwerk, das Leben der Winzer, erklären. Er wird das in 21 Kapiteln – oder wie Finzi Pasca sagt: Bildern – tun. Von der Taille, dem Schnitt, im Herbst. Der Ernte im Spätsommer. Oder vom Winter, wenn der gesellige Teil der Winzerei in den Vordergrund tritt. Dann rennen beispielsweise plötzlich 500 Spielkarten von allen Seiten auf die Bühne. Schmale Aussparungen im Stoff zeigen die Gesichter der Laienschauspieler, Freude und Nervosität haben ihre Backen gerötet. Herzerwärmend ist das. Die 5500 Freiwilligen hatten seit letzten September intensiv geprobt. Aber vermag das unablässige Auftauchen von grossen Menschengruppen in stets wechselnder Kostümierung wirklich drei Stunden lang ein Publikum zu fesseln?

Auf die rennenden Spielkarten folgen rennende Krähen, hüpfende Igel, schwebende Schmetterlinge. Fahnen werden geschwungen, Pflanzenblätter in die Höhe geblasen, auf Weinfässer getrommelt. Dem Lac wird mit einem gigantischen, quecksilbrig glänzenden Tuch gehuldigt. Es ist ja so, dass der Genfersee die Sonne spiegelt und so die Trauben am Lavaux, am Chablais noch süsser werden lässt. Die Natur, der Mensch, der Wein im perfekten Dreiklang. Dieses Ideal gilt es zu zeigen.

Dies wird auch mithilfe von viel Technik gemacht, sie ist auf dem neusten Stand. Der Bühnenboden besteht aus einem hochaufgelösten LED-Screen, vier Leinwände auf jeder Seite ergänzen das Spektakel mit weiterer digitaler Ästhetik. Aus einer Preiskrönung im Jahr 1797 ist so eine Show der Neuzeit geworden. Finzi Pasca sagt, dass er nicht das Alte bekämpfen, sondern es neu beleben wolle. Er tut dies unter anderem multimedial. Macht Sinn.

Dramaturgische Stärkung der Frauen

Trotzdem erntet zwischenzeitlich eine Hundertschaft von jungen Frauen den grössten Applaus. Sie lassen frivol und fröhlich ganz analog ihre Röcke schwingen, erobern rufend und jauchzend die verschiedenen Ebenen des Stadions. Finzi Pasca will das Traditionsstück in die Gegenwart hieven. Dazu gehörte für den Tessiner auch die dramaturgische Stärkung der Frauen. Er dürfte seine Freude gehabt haben, als bei der Auszeichnung der besten Winzer (dieses Mal integriert in die Show) zum ersten Mal in der Geschichte der Confrérie des Vignerons auch eine Winzerin mit einer Krone, der höchstmöglichen Auszeichnung, ausgestattet wird.

Als erste Winzerin höchste Ehren: Corinne Buttet. Foto: Keystone

Der Applaus brandet bei der Krönung durchs Stadion. Bundesrat Parmelin klatscht frenetisch. Die Bürgermeisterin von Vevey ebenfalls. An den Moment, als 20’000 Menschen zu einem 200 Jahre alten Lied zu weinen beginnen, kommt aber auch dieser Programmpunkt nicht heran. Auch wenn nach dem Höhepunkt unnötigerweise noch einmal mehrere Auftritte von unzähligen Laienschauspielern folgen und das Ganze in die Länge gezogen wird – dieses Lied, dieser eine Moment des Trostes ist für die Ewigkeit.

Als die 100 Millionen teure Show fertig ist, bricht fröhliches Chaos aus. Schauspieler, Publikum und Techniker vermischen sich und drängen alle gleichzeitig zu den Ausgängen. Unser Deutschschweizer mittendrin. Er bleibt milde gestimmt.

Krönung eines jeden Winzerlebens: Die Auszeichnung an der Fête des Vignerons. Video: Tamedia

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