Weg mit der Kreiselkunst

In Deutschland müssen Gemeinden Kunstwerke auf Kreiseln zurückbauen – aus Sicherheitsgründen. Und in der Schweiz? Wir haben nachgefragt.

Viele der über 3000 Kreisel in der Schweiz sind kunstvoll gestaltet. Im Bild: Horgen.

Viele der über 3000 Kreisel in der Schweiz sind kunstvoll gestaltet. Im Bild: Horgen.

(Bild: Sabine Rock)

Stephanie Jungo

Verkehrskreisel können in der Schweiz Berühmtheit erlangen. Dabei kommt es schon mal vor, dass über einzelne Exemplare im ganzen Land berichtet wird. So ist es beispielsweise einem Kreisel im bernischen Lyss ergangen, der als Schallplatte gestaltet ist – er liegt gleich neben dem Konzert- und Kulturlokal Kufa.

Auch in Deutschland sind zahlreiche Kreisel mit Kunstwerken geschmückt. Ihnen gehe es jedoch an den Kragen, schreibt der «Spiegel». Grund dafür ist ein Unfall, der zehn Jahre her ist. Ein Auto raste damals in einen Kreisel mit Flugzeugskulptur. Zwei der fünf Insassen überlebten den Zusammenprall nicht.

Daraufhin untersuchten Experten vermehrt den Verkehr bei Kreiseln. Dabei kam heraus, dass es allein in Baden-Württemberg jährlich 400 Zusammenstösse mit Kunstwerken gibt. Das Bundesland verbot 2011 – gestützt auf eine EU-Richtlinie – den Bau von starren Hindernisse auf Kreiseln auf freier Strecke. Bereits bestehende Kunstwerke werden seither laufend überprüft und abgebaut.

Einsatz für Kreiselskulptur

In der Schweiz gebe es auf Bundesebene keine Vorgaben zur Gestaltung von Kreiseln, sagt ein Sprecher des Bundesamts für Strassen (Astra) auf Anfrage. Anpassungen seien keine geplant. Auch der Verband Forschung und Normierung im Strassen- und Verkehrswesen (VSS) erlässt keine Normen für Kunstwerke auf Kreiseln.

Wie die Kreisel gestaltet werden, entscheiden die Gemeinden und Kantone. Für ein Kunstwerk muss, so wie bei anderen Bauvorhaben auch, eine Bewilligung eingeholt werden, die öffentlich aufgelegt werden muss.

Keine Vorgaben in der Schweiz

Auf den Kreiseln Baden-Württembergs stehen immer noch zahlreiche Kunstwerke. So auch in Binzen nahe der Schweizer Grenze. Dort wollten die Behörden eine Aluminiumskulptur abräumen. Unter dem Motto «Rettet den Dreispitz» hat sich Widerstand dagegen formiert. Über 5000 Unterschriften sind bei einer Onlinepetition zusammengekommen. Die Petitionäre drehten dabei das Argument um: Die Skulptur verlangsame das Tempo bei der Kreiseleinfahrt und sorge so nicht für weniger, sondern für mehr Sicherheit.

In Binzen sollte der Dreispitz des Künstlers Reinhard Bombsch vom Kreisel verschwinden. Die Einwohnerinnen und Einwohner wehrten sich dagegen. Bild: zvg/www.rettet-den-dreispitz.de

Auch in der Schweiz heben das Astra und die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) den Sicherheitsaspekt der Strassenkunst hervor: Schränkt eine Skulptur oder eine Bepflanzung die Sicht ein, fahren Autos langsamer in den Kreisel hinein. Idealerweise, so das Astra, fördert dies die Aufmerksamkeit der Autofahrerinnen und Autofahrer: Sie peilen nicht gleich ihre Ausfahrt an und übersehen nicht allfällige Fussgänger oder Velofahrer.

Zu beachten gilt es, dass die Kunst die Autofahrer nicht zu sehr ablenkt. Auch sollten die Skulpturen keine scharfen Kanten oder Spitzen haben, die allfällige Unfälle noch verschlimmern würden.

Erfolg für Petitionäre

Mit der Skulptur in Binzen haben sich mittlerweile Dutzende Beamte und Abgeordnete beschäftigt. Gutachten und Gegengutachten wurden erstellt. Das Ergebnis: Der Dreispitz darf bleiben.

Jedoch mit der Bedingung, dass ein Kiesbett gebaut wird. Das soll Fahrzeuge bremsen. Weiter sollen Leitplanken, Markierungen und Reflektoren für mehr Sicherheit sorgen. 166'000 Euro soll dies kosten.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt