Viola Amherd im Hybrid-Modus

Die VBS-Chefin hat eine neue Stossrichtung der Armee vorgegeben und stützt sich dabei auf die Mär der «neuen Kriege».

Sie würde es vorziehen, wenn schwere Waffensysteme nicht ersetzt würden: Die CVP-Bundesrätin und VBS-Chefin Viola Amherd.

Sie würde es vorziehen, wenn schwere Waffensysteme nicht ersetzt würden: Die CVP-Bundesrätin und VBS-Chefin Viola Amherd.

(Bild: Keystone)

Serkan Abrecht

Kampfpanzer, Schützenpanzer und Artillerie will Viola Amherd nicht mehr. Das gab die CVP-Bundesrätin vor wenigen Tagen an einer viel beachteten Pressekonferenz bekannt. Den Fokus legte sie dort auf die kommende Abstimmung zur Beschaffung der Kampfjets. Doch der Projektbericht «Boden», den sie ebenfalls vorstellte, ist mindestens genauso brisant. Es geht um die Zukunft des eidgenössischen Heeres.

Denn auch hier ist das Material alt. Fast alle schweren Geschütze müssen in den kommenden Jahren ersetzt werden. Allein die momentan eingesetzten Panzerhaubitzen der Schweizer Artillerie sind knapp 60 Jahre alt.

Doch Amherd überraschte die Militärs, als sie verkündete, dass ihr eigentlich eine Option lieber wäre, in der die schweren Waffensysteme der Armee nicht mehr ersetzt werden.Lieber sollen sich die Bodentruppen auf leichte und «hybride» (zu diesem Begriff später) Kriegsführung spezialisieren.

Schwere Waffen erscheinen der Vorsteherin des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) als nicht mehr zeitgemäss. Ein fataler Irrtum.

Amherd ist daran, den gleichen Fehler zu begehen wie die Deutschen vor einigen Jahren. Die Bundeswehr, unter dem Schutzschild der US-Streitkräfte konformistisch geworden, hat über Jahrzehnte hinweg einen massiven Abbau ihrer Truppen und Kampfmittel betrieben, wobei essenzielles Know-how verloren ging. Der militärische Laissez-faire kam unser Nachbarland teuer zu stehen. Seine Luftwaffe ist gegroundet, die Marine kaum mehr einsatzfähig, und die Gewehre der ­Soldaten schiessen schräg. Eine Schande, betrachtet man den ­berühmten deutschen Militarismus mit seiner preussischen Militärschule.

Deutschland schaffte auch seine Panzertruppen fast komplett ab. Als die russischen «Separatisten» auf der Krim erschienen und durch die ­Präsentation eines neuen russischen Panzers verunsicherten, begann die Bundeswehr, ihre Panzertruppen eilig wiederherzustellen und zusammenzukaufen. Von den Polen kauften sie ihre Leopard-Panzer zurück, die sie ihnen einst deutlich unter dem ­Marktpreis verschachert hatten. Man hat aber anscheinend aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und will die Panzertruppen bis 2023 wieder ­komplett aufrüsten.

Russlands Panzer

Diesem Beispiel sollte die Schweiz folgen. Die Annahme, dass moderne Konflikte nicht mehr mit schwerem Geschütz geführt werden, ist ein Irrglaube und wurde eigentlich spätestens dann widerlegt, als russische T-72-Panzer in der Ukraine aufrollten und den «Separatisten» einige Erfolge durch ihre Mobilität und Feuerkraft einbrachten. Auch in Syrien werden Kampfpanzer gefürchtet und geschätzt.

Rein militärtaktisch gesehen gibt es keine Gründe, auf diese Waffensysteme zu verzichten. Zwar hat das VBS recht, wenn es proklamiert, dass sich heutige Konflikte mehrheitlich in urbanen Gebieten abspielen und es nicht mehr zu grossen Panzerschlachten auf weitläufigen Feldern kommt, aber daran haben sich die eidgenössischen Truppen bereits angepasst. Seit Jahren üben diese den «Kampf im überbauten Gebiet» auf dem Waffenplatz Bure im Jura.

Der gravierendste Fehler für jede Streitkraft ist es, Waffensysteme komplett einzustellen, anstatt sie weiterzuentwickeln. Zu Friedens-zeiten ist es die Aufgabe jeder Armee, militärisches Know-how aufrechtzuerhalten. Mit der Abschaffung von kompletten Systemen geht dieses verloren und kann so leicht nicht wiederhergestellt werden – ein Blick über die Grenze reicht, um zu erkennen, was einem drohen kann.

Amherds Entscheid über die Bodentruppen fusst auf einem weiteren Irrglauben: dem der «neuen Kriege» und der «hybriden Kriegsführung». Mit dem Schlagwort «hybrid» wird oftmals jede Umstrukturierung und Verkleinerung von Streitkräften begründet. Die Rechtfertigung dieser Massnahmen mit «neuen, hybriden Kriegen» ist militärischer Populismus. Der Begriff bezeichnet eine Art der Konfliktsituation, die sich vom Staatenkonflikt unterscheidet,in dem Soldat von Nation A auf Soldat von Nation B trifft und ihn bekämpft.

Dies, weil sich in dieser scheinbar neuen Art der Kriegsführung die eine, die andere oder gleich beide Konfliktparteien nicht mehr unter offizieller Flagge bekriegen, sondern ihre wahre Fraktionszugehörigkeit kaschieren, durch Propaganda verschleiern und verleugnen.

Der «hybride Krieg» wurde zum Trendbegriff. Was falsch und gefährlich ist.

In Europa hat man sich nach der russischen Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass erstmals ausgiebig mit dieser Art des Konflikts beschäftigt. «Kleine grüne Männchen» nannten die Brüsseler Diplomaten diese Männer auf der Krim und in der Ostukraine, die im Flecktarn auftauchten, jedoch ohne irgendwelche Hoheitsabzeichen und ohne russische Nummern an ihrem russischen Kriegsgefährt.

Alle sprachen sie Russisch. Mittlerweile ist bekannt, dass es sich bei vielen Mitgliedern dieser «Separatisten» um russische Soldaten handelte, die nicht unter offizieller Flagge in den Krieg zogen. Sie schossen mit russischen Waffen, mit russischen Panzern, mit russischer Munition. Diese Art der Guerillakriegsführung veränderte den europäischen Militarismus – und überforderte ihn. Der «hybride Krieg» wurde zum Trendbegriff. Was falsch und gefährlich ist.

Falsche Schlüsse

Florian Schaurer, Politikwissenschaftler und Referent für Strategieentwicklung in der Abteilung Politik des deutschen Bundesministeriums der Verteidigung, legt das in einem 2015 veröffentlichen Memento aufschlussreich dar. So sei der Begriff «hybride Kriegsführung» so amorph – also gestaltlos – wie das Phänomen, das er beschreibe.

Denn: «Nahezu jede kriegerische Auseinandersetzung der Geschichte ist gekennzeichnet durch eine beträchtliche Diversität und Variabilität der zur Anwendung gebrachten Mittel und einer diese nur bedingt erfassenden rechtlichen Regulierung.» Und er kritisiert zutreffend die inflationäre Verwendung der Bezeichnung «hybrid»: «Durch die Popularisierung des Begriffes verliert er an analytischer Trennschärfe und dient somit vorranging als politisches Schlagwort, das vom Konflikt um die Ukraine überlagert ist.»

Soll heissen: Kriege sind nie etwas Konventionelles und in ihrer Form schon immer «hybrid». Sie waren durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch geprägt von Desinformationen, unklar gekennzeichneten Soldaten, Propagandakriegen und Verschleierung der eigentlichen taktischen Absicht.

Dass der sogenannte Staatenkonflikt nicht zeitgemäss sei, wie das VBS festhält, stimmt. Aber: Der «verrechtlichte» Zweistaatenkonflikt ist, so Schaurer, gemessen an der Häufigkeit seines Vorkommens, eben nicht der Normalfall. Eine Ausnahme bilden die Kriege zur napoleonischen Zeit und jene in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Viola Amherd stützt sich also mit ihren gewagten Plänen auf militärische Thesen, die von Militaristen und Wissenschaftlern weltweit kritisch beleuchtet und hinterfragt werden. Die schweren Waffensysteme der Schweizer Armee zu bodigen, wäre ein sehr kurzsichtiger und fahrlässiger Entscheid. Man muss militärisches Know-how durch das Aufrechterhalten und Weiterentwickeln von bestehenden Systemen schützen.

Basler Zeitung

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