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Und wer hats erfunden? Die Schweizer

Das letzte Habsburgerreich erscheint ziemlich modern. Minderheiten genossen weitgehende Freiheiten, insbesondere auch Juden und Muslime.

Die Habsburg über der Autobahn A3.
Die Habsburg über der Autobahn A3.
Keystone

Genau über der Autobahn A3 zwischen Zürich und Basel befindet sich die Habsburg. Sie ist der Stammsitz der erfolgreichsten Schweizer Auswandererfamilie aller Zeiten, der Habsburger. Über mehrere Jahrhunderte herrschte der weitverzweigte Clan dank cleverer Macht-, Wirtschafts- und Heiratspolitik über weite Teile Europas.

Das staatspolitische Glanzstück und gleichzeitig das Ende der Habsburger war die Donaumonarchie, das kaiserlich und königliche Österreich-Ungarn. Sie ist in Erinnerung geblieben mit Pomp und Gloria, bunten Uniformen, Wiener Walzer und Radetzky-Marsch, mit «Herr Geheim-Hofrat» und andern unverständlichen, aber unglaublich wichtigen Titeln, die im Wiener Dunstkreis bis in die heutige Zeit nachdröhnen. Spötter behaupten deshalb, man merke es den Österreichern noch immer an, dass sie in Wirklichkeit Aargauer sind – und umgekehrt wohl auch.

In der Zeit ethnisch mehr oder weniger homogener Nationalstaaten als Resultat der beiden Weltkriege wird «k.u.k.» im Geschichtsunterricht als morsches Gebilde dargestellt, dessen Zusammenbruch nur eine Frage der Zeit war. Doch legen wir mal die nationalstaatliche Brille ab. Und ignorieren wir den selbstgestrickten Mythos der Schweiz als Ausnahmeerscheinung, «Sonderfall» und «Willensnation». Dann erscheint das letzte Habsburgerreich plötzlich ziemlich modern.

Donaumonarchie anerkannte den Islam

Im Parlament der Monarchie wurden offiziell zehn Sprachen gesprochen. Als erster europäischer Staat überhaupt anerkannte die Donaumonarchie den Islam. Minderheiten genossen weitgehende Freiheiten, insbesondere auch Juden und Muslime. Es gab eine freie Presse, obwohl es ein Gesetz gab, wonach missliebige Journalisten für majestätsbeleidigende Texte für ein paar Tage ins Gefängnis mussten. Dazu beschäftigten die Zeitungen sogenannte «Sitz-Redaktoren». Das waren Penner, mit deren Namen der Artikel gezeichnet wurde. Der Sitz-Redaktor schrieb zwar nie etwas, sass aber regelmässig gegen Bezahlung die Strafe für das ab, was er nicht geschrieben hatte.

Und wie überall, wo man seine Meinung sagen darf, wurde gestritten. Vor allem die nationalistischen Tendenzen in Ungarn machten dem Thronfolger Franz Ferdinand sorgen. Seine «Militärkanzlei», ein eigentlicher staatspolitischer Think Tank, wollte deshalb die südslawischen Regionen um Bosnien und Slowenien aufwerten, die Monarchie modernisieren und zur Dreifachmonarchie ausbauen.

Das Habsburger-Reich hatte ein einheitliches Währungssystem, freien Waren- und Personenverkehr und eine liberale Gesetzgebung und natürlich eine eigene Armee. Die Wirtschaft wuchs und florierte in grossen Teilen des Reichs, ein Umstand, welcher der politik-lastigen Geschichtsschreibung oft entgeht. In vielerlei Hinsicht war Österreich-Ungarn eine Proto-EU, mit all ihren Nachteilen, vor allem aber auch mit vielen ihrer Vorteile. Was man an diesem grossen, multikulturellen Staatsgebilde hatte, merkten die Menschen erst, als es unwiederbringlich verloren war und ethnisch-nationale Grenzziehungen nach den Kriegen Europa in immer kleinere Fetzchen zerhackt hatten. «Frieden ist, wenn man nirgends seinen Pass zeigen muss», hiess es schon in den 1920er-Jahren wehmütig. Und es sollte noch viel schlimmer kommen.

Die Nächsten, die schon in einem halben Jahr überall ihren Pass zeigen müssen, sind die Briten. Auch sie werden den «Frieden nach Wiener Art» sofort schmerzlich vermissen, alles Geschimpfe über Brüssel hin oder her. Eine etwas genauere Betrachtung der k.u.k-Welt, wie sie war, was damit passiert ist und was aus ihr hätte werden können, schadet deshalb nicht. Und wer hats erfunden? Die Schweizer.

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