Unbehagen im Kleinstaat

Die Schweiz ist ein Land der Einwanderer. Aber auch ein Land, das immer darüber stritt: Wie viele brauchen wir?

«Die Grenzkantone bekommen vor allem die Last zu spüren:» Die Bohr- und Vermessungsequipe am Südportal des Albulatunnels 1903. Die meisten der Tunnelarbeiter waren Italiener.

«Die Grenzkantone bekommen vor allem die Last zu spüren:» Die Bohr- und Vermessungsequipe am Südportal des Albulatunnels 1903. Die meisten der Tunnelarbeiter waren Italiener.

(Bild: Keystone)

Markus Somm@sonntagszeitung

Paul Speiser, liberaler Nationalrat und Regierungsrat von Basel-Stadt, trat als Referent der Geschäftsprüfungskommission auf, um das Postulat zu begründen, das in den vergangenen Tagen wie kaum ein anderes Thema im Bundeshaus zu reden gegeben hatte. Die Lage war ernst. «Denn es ist offenkundig», sagte Speiser vor dem Plenum der Grossen Kammer, «dass die stets wachsende Zahl der Ausländer für unser Land eine Gefahr bildet, umso mehr, da sich im internationalen Recht in der letzten Zeit das Prinzip der Nationalität herausgebildet hat, nach welchem der Ausländer sein Heimatrecht in andere Länder mitnimmt.»

Mit anderen Worten, je mehr Ausländer in die Schweiz einwanderten, das befürchtete Speiser, desto wahrscheinlicher schien es, dass die Schweizer in ihrem eigenen Land am Ende in die Minderheit versetzt würden.

Daher empfahl die Kommission, die Einbürgerung der vielen Ausländer zu erleichtern, ja, man sprach gar von einer Zwangseinbürgerung, ebenso wollte man die Möglichkeit schaffen, dass der Bund Leute direkt einbürgern durfte, ohne dass die Gemeinden etwas zu sagen hatten. «Der Bundesrat muss die brennend gewordene Frage nochmals in Beratung ziehen. Die Situation ist nicht für alle Kantone die gleiche», sagte der Basler, der als einer der führenden Politiker der Epoche galt, «die Grenzkantone bekommen vor allem die Last zu spüren.» Also zum Beispiel Basel-Stadt.

Wir schreiben das Jahr 1910, es war Sommer, und die Schweiz zählte zu den reichsten Ländern Europas, nein, der Welt, ihre Wirtschaft blühte, ihre Industrie war erstaunlich, und es zogen Jahr für Jahr mehr Ausländer in das Land, vor allem Deutsche und Italiener, dann auch Franzosen, Österreicher, ein paar Engländer, ja sogar Russen. Alle kamen, um hier zu arbeiten, Sozialhilfe gab es keine, wer seine Stelle verlor und arm wurde, musste wieder gehen, trotzdem blieben die meisten, weil es viele Stellen zu besetzen gab. Inzwischen lag der Ausländeranteil bei 14,7 Prozent, was in Europa ebenfalls einen Rekord darstellte und immer mehr Schweizerinnen und Schweizer beunruhigte.

Es war dies auch die Zeit des Wettrüstens unter den Grossmächten, Krieg lag in der Luft, und die Schweiz, vielleicht der älteste Kleinstaat des Kontinents, sah sich umringt von Millionenheeren: Im Norden die Armee des Deutschen Kaiserreichs, die als die beste galt, im Osten die Truppen des Kaiserreichs Österreich-Ungarn, die fast sämtliche Kriege der vergangenen Jahre verloren hatten, dennoch gross genug blieben; im Süden das ehrgeizige Königreich Italien, von dem niemand wusste, was es vorhatte, und im Westen schliesslich lag die Armee der Französischen Republik auf der Lauer, die genauso tüchtig und traditionsreich war – vor allem aber wurde sie von Generälen kommandiert, die auf Revanche sannen für den verlorenen Krieg von 1870/1871 gegen die Deutschen.

Die fünfte Kolonne

Wenn die Schweizer die wachsende Zahl der Ausländer plagte, dann auch aus einem militärischen Grund: Man befürchtete, dass die hier ansässigen Ausländer im Kriegsfall wie eine fünfte Kolonne wirken würden, wie eine schlafende Armee sozusagen, die jederzeit von einer Grossmacht alarmiert und aufgeboten werden könnte: Herman Greulich, ein berühmter Sozialdemokrat und Nationalrat aus Zürich, pflichtete Speiser deshalb bei und zählte in der Debatte auf, was man sich darunter vorzustellen hatte:

«Wenn wir die Männer von 20 bis 39 nehmen, so haben wir in der Schweiz volle 72 Bataillone Ausländer, 32 deutsche, 5 österreichische, 24 italienische und 11 französische. Die Stadt Zürich allein hat 9 Ausländer-Bataillone, Genf auch 9, Basel 8.» Bataillone? Das hatte Greulich nicht leichthin gesagt. Greulich war es todernst.

An schlechten Erfahrungen mangelte es nicht. Greulich, der ironischerweise selber aus Deutschland stammte, erinnerte an den Burenkrieg. Ausgebrochen war dieser vor wenigen Jahren, 1899, weil immer mehr Engländer in die damaligen Buren-Republiken in Südafrika eingewandert waren, was zur Folge hatte, dass die dort ansässigen Buren holländischer Herkunft bald bloss noch eine Minderheit der weissen Bevölkerung ausmachten.

Die Buren hatten Angst, ihr eigenes Land zu verlieren, zumindest glaubten sie das, denn von den einheimischen Schwarzen sprach damals niemand, da sie ohnehin keine Rechte zu haben brauchten, wie man meinte – umso mehr aber von den Engländern. Kaum waren diese in den seinerzeit unabhängigen Buren-Republiken Transvaal und Oranje-Freistaat aufgetaucht, forderten sie die politische Gleichberechtigung, ohne dass sie bereit gewesen wären, ihre britische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Bald intervenierte Grossbritannien, es brach ein brutaler Krieg aus, den die Buren verloren. Seither, seit 1902, gehörten sie zum British Empire, widerwillig und unglücklich.

Genau das Gleiche könnte doch bei uns geschehen, argwöhnten viele in der Schweiz. Was, wenn noch mehr Deutsche kamen und sie irgendwann mitentscheiden wollten, ohne ihre deutsche Staatsbürgerschaft abzugeben? Was, wenn die vielen Italiener in der Schweiz dem Königreich Italien den Vorwand lieferten, das Tessin zu besetzen? Als Speiser seine Rede beendete, sagte er: «Land und Leute gehören zusammen, und wehe dem Lande, wo diejenigen nicht mehr in der Mehrzahl sind, die den Gedanken des Vaterlandes verkörpern. Wir wollen Schweizerleute für das Schweizerland!» Speiser, Sohn eines Bankiers, hatte zwei Mal geheiratet, seine erste Frau war eine Sarasin, seine zweite deren Schwester. Er gehörte den besten Kreisen Basels an. Mehr Establishment als Speiser: Das war schwer vorzustellen. Mit anderen Worten, die sogenannte Ausländerfrage war kein Thema irgendeiner kuriosen, verbissenen Partei am Rand. Um die gleiche Zeit kam der Begriff «Überfremdung» auf. Bald sprachen alle davon.

Der Dauerbrenner

Was genau die Menschen 1910 am meisten beschäftigte, ob diese militärischen, heute leicht überzogen wirkenden Bedenken oder ob kulturelle Vorurteile oder fremdenfeindliche Skepsis: Das ist heute schwer zu entscheiden. Kein Thema jedenfalls gab vor dem Ersten Weltkrieg mehr zu reden.

Und wäre dieser nicht schon in vier Jahren ausgebrochen, es hätten mit Sicherheit in den nächsten Jahren noch zahlreiche Abstimmungen über die sogenannte Ausländerfrage stattgefunden. Es gibt kaum ein Thema, das die Schweizer Politik so oft und so heftig bewegt hat, wie diese Frage: Wie viel Einwanderung brauchen wir, wie viel vertragen wir?

Seit Jahrhunderten hatten Schweizer ihre Heimat verlassen, oft aus wirtschaftlichen Gründen, aber genauso zogen immer neue zu, stets kamen sie aus Deutschland, Frankreich und Italien, und die allermeisten wurden Schweizer und brachten dem Land nur Gutes. Ausnahmen bestätigen die Regel. Gleichzeitig, und das scheinen manche heute zu vergessen, war die Immigration immer Gegenstand der politischen Auseinandersetzung. Darüber wurde schon vor hundert Jahren gestritten, und am Ende, das zeigt die Schweizer Geschichte ebenfalls, lief es meistens darauf hinaus, dass man in der einen oder anderen Weise die Immigration wieder steuerte und begrenzte. Das Land war reich – und zog viele Einwanderer an, es war aber auch klein. Vor allem aber demokratischer als die meisten übrigen Länder, weswegen das Unbehagen im Volk sich auch ständig auf die Politik auswirkte. Speiser war Liberaler, Greulich Sozialdemokrat, beide gehörten zu den einflussreichsten Politikern des Landes. Bei beiden war das Unbehagen gross.

Bundespräsident Robert Comtesse, ein Freisinniger aus dem Kanton Neuenburg, nahm das Postulat entgegen. Er sagte: «Der Bundesrat ist mit den Urhebern des Postulates einverstanden. Die Frage ist sehr ernst, und wir dürfen ihr gegenüber die Augen nicht verschliessen. Eine weitsichtige Politik muss sich zum Ziele setzen, zu verhüten, dass die Bürger unseres Landes in einem sie überflutenden Ausländertum untergehen, dass dieses die Mehrheit im Lande erhält.» Diese Regierung hatte verstanden, worüber die Bürger sich Sorgen machten.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, erledigte sich das Problem von selbst. Die Personenfreizügigkeit, die seit etlichen Jahren im Westen Europas gegolten hatte, wurde von einem Tag auf den andern aufgehoben. Man führte den Pass ein, und ohne diesen konnte man keine Grenze mehr überschreiten. Erst 1967 erreichte der Ausländeranteil in der Schweiz wieder 14,7 Prozent. Heute liegt er bei 24,9 Prozent.

Basler Zeitung

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