Thurgauer Mafiaboss muss sechs Jahre ins Gefängnis

Ein italienisches Gericht bestätigt Verbindungen der kalabrischen 'Ndrangheta in die Schweiz.

Bereits Anfang März 2011 war er im Visier der Strafverfolgung, in den italienischen Medien wurde sogar schon von einer «unmittelbar bevorstehenden Verhaftung» geschrieben. Das hinderte den in Kreuzlingen wohnhaften D.F. nicht, sich für eine Motorrad-Rallye anzumelden und in Genua die Fähre nach Sizilien zu besteigen. Doch dann schnappten die italienischen Carabinieri zu und verhafteten den mutmasslichen Mafioso. Das war Ende Mai 2011.

Seither sitzt der Prokurist aus dem Thurgau in Süditalien in Haft. Nun hat ihn das Strafgericht in Reggio Calabria zu einer Gefängnisstrafe von sechs ­Jahren verurteilt. Über die Details zum Prozess will sich der zuständige Anti-Mafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri nicht äussern; im Gespräch mit dem Tessiner Fernsehen vor einem halben Jahr liess er aber durchblicken, dass die Klage auf «Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation» laute.

Inniges Verhältnis

Über die mutmasslichen Verbindungen der italienischen Mafia in die Ostschweiz recherchiert die italienische Staatsanwaltschaft seit den 1990er-Jahren. Von zwölf Hinweisen zu Vergehen aus dem Bereich Geldwäscherei kämen drei aus dem Thurgau, bestätigte die damalige Schweizer Bundesanwältin Carla Del Ponte im Frühsommer 1995. Im Juli 2008 und im August 2009 verdichteten sich die Hinweise, nachdem italienische Fahnder auf dem Grundstück des im Juli 2010 verhafteten Domenico Oppedisano ein dunkelblaues Fahrzeug mit einem Thurgauer Nummernschild beobachteten. Offenbar sollen mehrere Männer in Oppedisanos Zitrusplantage einen «esoterischen Ritus» durchgeführt haben, den Mafiakenner wie Roberto Saviano oder Jürgen Roth als Aufnahmeritual bezeichnen. Domenico Oppedisano wurde im August 2009 bei einem Hochzeitsbankett von den «Männern der Ehre» dazu bestimmt, die Mafia von Kalabrien, die ’Ndrangheta, zu führen. Im März 2012 wurde Oppedisano zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt.

Zum im Thurgau wohnhaften Italiener soll Oppedisano ein inniges Verhältnis gehabt haben; mehrere Medien berichteten, es handle sich beim Thurgauer um einen Neffen. Doch die Angaben sind verwirrend; in einzelnen Berichten wird die Person als G.P. bezeichnet; gemäss den Haftbefehlen, welche die italienische Staatsanwaltschaft im März vor einem Jahr erlassen hat und die der BaZ vorliegen, ist darin keine Person mit diesen Initialen verzeichnet. Vielmehr deutet alles darauf hin, dass es sich um den heute 55-jährigen Kreuzlinger D.F. handeln muss. Allerdings wurde bereits 2010 von einem anderen Neffen des Mafiapaten berichtet. Dieser soll in der kleinen Thurgauer Gemeinde Gachnang seinen Wohnsitz haben und von Beruf als Maurer arbeiten. Ob es sich dabei um eine oder zwei Personen handelt, wollen weder Bundespolizei noch Kantonspolizei Thurgau bestätigen beziehungsweise dementieren.

Beschwerden beim Superpaten

Das Jahr 2010 ist auch das Jahr, in dem die Bundespolizei Fedpol zum ersten Mal explizit darauf hinweist, dass die Mafiaorganisation ’Ndrangheta in der Schweiz zunehmend an Bedeutung gewinnt. Diese Schweizer Zelle, das bestätigen mehrere Informationen, die der BaZ vorliegen, stand in direktem Austausch mit den Mafiazellen in Radolfzell und Singen und soll sogar das Gebiet am Bodensee dominiert haben. Verschiedene Quellen bestätigen zudem, dass es zwischen «dem Schweizer» und dem im Juli 2010 im deutschen Singen verhafteten ’Ndrangheta-Chef B.N. zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen sei, worauf B.N. sich bei Superpate Oppedisano (gemäss Abhörprotokoll bezeichnete ihn B.N. als «la mamma») beschwerte.

Gemäss Aussagen des kalabresischen Oberstleutnants Carlo Pieroni sei die Zelle in Singen sehr mächtig und kontrolliere die gesamten Mafiaaktivitäten in Deutschland; sollte der Thurgauer Mafioso tatsächlich die Singener Zelle dominiert haben, so müsse er als Superboss angesehen werden. Die ’Ndrangheta ist heute die mächtigste Mafiaorganisation in Europa. Sie dominiert den Handel mit Kokain.

Basler Zeitung

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