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Terroranklage gegen früheren Cern-Forscher

Der Teilchenphysiker Adlène Hicheur, der in Lausanne und Genf forschte, steht in Paris vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem französisch-algerischen Doppelbürger Verbindungen zur al-Qaida vor.

Gestern vor dem Pariser Strafgericht: Adlène Hicheur (Gerichtszeichnung).
Gestern vor dem Pariser Strafgericht: Adlène Hicheur (Gerichtszeichnung).
AFP

Wer ihn von früher kannte, sah Adlène Hicheur seine lange, viel zu lange Untersuchungshaft an. Ausgezehrt, müde und körperlich angeschlagen trat der 35-jährige Franko-Algerier gestern Nachmittag vor den Richter der 14. Kammer des Pariser Strafgerichts. «Jetzt werden die Leute endlich erfahren, was ich in den letzten zweieinhalb Jahren durchgemacht habe», sagte er.

Hicheur ist der «Zugehörigkeit zu einer Bande mit terroristischen Absichten» angeklagt, weil er vor drei Jahren 35 Mails kompromittierenden Inhalts mit einem angeblichen Jihadisten aus Algerien ausgetauscht haben soll, den er in einem islamistischen Internetforum kennen gelernt hatte. Hicheur wird vorgeworfen, an der Evaluierung von Attentaten gegen französische Ziele gearbeitet zu haben: gegen Grossfirmen und gegen ein Gebirgsjäger-Bataillon. Er weist dies zurück. Konkret sei gar nichts gewesen, sagt sein Anwalt. Im Höchstfall drohen Hicheur 10 Jahre Haft.

«Hicheur steht vor dem unbarmherzigsten aller Richter: dem eiskalten Zeitgeist.»

Der Gerichtssaal war voll, seine ganze Familie, seine Freunde, sein Unterstützungskomitee anwesend. Für sie alle ist der Physiker und frühere Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) und des Nuklearforschungszentrums (Cern) in Genf – in Frankreich auch der «Islamist vom Cern» genannt – ein politischer Gefangener. Seine Inhaftierung erinnere an Guantánamo, finden sie. Und ausgerechnet jetzt, da er vor Gericht gestellt werde, sei das Klima nach den Serienattentaten von Mohammed Merah in Toulouse und Montauban aufgeheizt.

Das Drama mit islamistischem Hintergrund wirft einen Schatten auf Hicheurs Prozess. Seine Geschichte hat nichts mit Merah zu tun, in keiner Weise. Dennoch ist es so, wie es das Nachrichtenmagazin «L’Express» schreibt: «Hicheur steht vor dem unbarmherzigsten aller Richter: dem eiskalten Zeitgeist.» Hicheurs Anwalt, Maître Patrick Baudouin, sagt: «Man kann nicht behaupten, dass der Kontext für meinen Klienten besonders günstig wäre.»

Kollegen in der Schweiz befragt

Wird ein Exempel an ihm statuiert, egal, wie stichhaltig das Belastungsmaterial ist? Galt Hicheur nicht schon seit seiner vom französischen Inlandgeheimdienst spektakulär inszenierten Verhaftung 2009 als «idealer Schuldiger» – der vermeintliche Idealtypus eines Islamisten ohne Vorgeschichte und hochgebildet, der sich selber im Internet zum potenziellen Attentäter formte? Und wie stark wiegt im Prozess wohl die bevorstehende Präsidentschaftswahl? Für Adlène Hicheurs Bruder Halim ist die Sache klar. Hier habe die Justiz ihre Geschichte konstruiert: die Geschichte des Dr. Jekyll und Mr. Hyde, des gutmütigen Wissenschaftlers mit einem versteckten, monströsen Teil in seiner Persönlichkeit. «Die Realität ist eine andere», sagte Halim Hicheur gestern in einem Telefongespräch. Die 35 angeblich proislamistischen E-Mails, die sein Bruder einem Algerier und mutmasslichen Mitglied der al-Qaida geschickt habe, seien tendenziös übersetzt worden. Der Richter hat jetzt eine zweite Übersetzung angeordnet.

Auch der Lausanner Physikprofessor Aurelio Bay ist von der Unschuld seines ehemaligen Mitarbeiters überzeugt. Das sagte er auch den Ermittlern der Schweizer Bundesanwaltschaft. Diese kamen Tage nach der Verhaftung im Auftrag der französischen Justiz ins Laboratorium, führten Befragungen durch, beschlagnahmten Dokumente und Gegenstände.

Geld nicht für Terroreinheit sondern für Grundstückkauf

Bay erinnert sich: «Die Ermittler fragten mich: ‹Sehen Sie in Adlène Hicheur einen Salafisten?› Ich antwortete: ‹Adlène war religiös, aber er war Wissenschaftler, das ist eine klarer Widerspruch.›» Die Ermittler bohrten weiter: Ob er denn nichts über ein geplantes Attentat wisse. «Im Gegenteil», antwortete der Labordirektor. «Adlène wollte seinen Vertrag an der ETH Lausanne und am Cern verlängern.» Der Schweizerische Nationalfonds, der Hicheurs Stelle finanzierte, habe bereits eingewilligt. Im Übrigen sei sein Mitarbeiter ein Familienmensch. Seine Mutter verehre er wie eine Nationalheldin. Adlène würde die Familienehre nie beschmutzen.

Was Aurelio Bay dann in den Medien las, verwunderte ihn sehr. Der französische Innenminister Brice Hortefeux tat so, als wäre der Justiz bei der Verhaftung am 8. Oktober 2009 ein dicker Fisch ins Netz gegangen – und Frankreich vor einem Terrorakt bewahrt worden. Die Antiterroreinheit war in einer spektakulären Aktion in Vienne eingefahren, einer Stadt bei Lyon, und hatte den unter einer Diskushernie leidenden Physiker und dessen Bruder in der elterlichen Wohnung verhaftet. Die Polizisten beschlagnahmten bei Hicheur nebst den E-Mails einige Tausend Euro und ein Flugticket nach Algerien. Den Verdacht, er habe mit dem Geld das Terrornetzwerk al-Qaida unterstützen wollen, konnte der Angeklagte inzwischen aus der Welt schaffen. Er wollte ein Grundstück erwerben, um später ein Haus darauf zu bauen.

Jean Ziegler im Pro-Hicheur-Komitee

Die Zeitung «Le Figaro» aber titelte: «Nuklearexperte arbeitete für die al-Qaida». Das suggerierte, dass Adlène Hicheur die Stelle am Cern und der EPFL dazu missbraucht hatte, an einer Atombombe zu bauen. «Kompletter Unsinn», ärgert sich Aurelio Bay. «Die gefährlichste Waffe am Cern ist ein Hammer.» Hicheur sei ein «exzellenter Physiker», der Karriere machen wolle. Seine Verhaftung bezeichnet Bay als «völlig unverhältnismässig und brutal».

Ähnlich beurteilte Jean-Pierre Lees, Adlène Hicheurs Doktorvater und Leiter des Physiklabors Le Lapp im französischen Städtchen Annecy, das Vorgehen. Er gründete ein Pro-Hicheur-Komitee, dem sich Hunderte Forscher und Intellektuelle wie der Genfer Soziologe Jean Ziegler anschlossen. Auch der Cern-Physiker und Nobelpreisträger Jack Steinberger gehört diesem an.

Guter Posten als Wissenschaftler in weiter Ferne

EPFL-Physiker Olivier Schneider sagt: «Mir war sofort klar, wer der Mann war, über den die Medien schrieben. Es war ein Schock. Die Anschuldigungen halte ich für eine Illusion.» Privat habe er Adlène, der als Einjähriger mit der Familie von Algerien nach Frankreich eingewandert war, als kultivierten, gut integrierten, liebenswürdigen Kollegen kennen gelernt, beruflich habe er sich zu 100 Prozent eingesetzt.

Der Teilchenphysiker kümmerte sich während der Vorbereitungen für ein Experiment, das die EPFL im Teilchenbeschleuniger des Cern durchführen wollte, um die Charakterisierung der Magnetfelder. Dafür schrieb er an einem Computerprogramm, um die Ergebnisse zu analysieren. Für Olivier Schneider stand ausser Frage, dass Hicheur eines Tages einen guten Posten als Wissenschaftler haben würde. Angesichts des Prozesses sei das jetzt natürlich in weite Ferne gerückt.

Öffentlichen Prozess verlangt

Jean-Pierre Lees, der den Prozess in Paris mitverfolgt, beschreibt Adlène Hicheur als «sympathischen, brillanten und leidenschaftlichen Physiker». Zwar habe er mit Aussenstehenden nie viel geredet, was diese als arrogant empfanden, aber im Forscherteam habe er dafür umso mehr diskutiert. Für die Beteiligten sei das manchmal ermüdend gewesen.

Adlène Hicheur hätte einen Aufschub des Verfahrens beantragen können, bis sich der Schatten von Toulouse etwas verzogen und die politischen Pressionen nachgelassen hätten. Doch er wollte endlich reden. Und zwar in einem öffentlichen Prozess. Ein solcher ist ihm schliesslich auch zugestanden worden. Seine Familie will nur eines nicht: einen ideologisch geführten Prozess. Doch genau von einem solchen gehen alle Beobachter aus.

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