Schweizer lösen Kosovaren als Schlepper ab

Die südosteuropäische Republik zählte seit längerer Zeit zu den wichtigsten Herkunftsländern von Schleppern. Nun stehen Schweizer Bürger an der Spitze der Menschenschmuggel-Liste.

Anlässlich einer Militärübung wird in der Nähe von Rafz ZH die Festnahme einer Gruppe von Asylsuchenden und einem Schlepper simuliert. (Archiv)

Anlässlich einer Militärübung wird in der Nähe von Rafz ZH die Festnahme einer Gruppe von Asylsuchenden und einem Schlepper simuliert. (Archiv)

(Bild: Keystone Steffen Schmidt)

Im Herbst 2015 kamen Tausende Flüchtlinge über die Balkanroute nach Europa. Mehr als jeder zehnte mutmassliche Schlepper, der vom Schweizer Grenzwachtkorps aufgegriffen wurde, stammte aus dem Kosovo. Gemäss einem Bericht der «SonntagsZeitung» haben Schweizer Bürger in diesem Jahr die Südosteuropäer punkto Menschenschmuggel abgelöst.

Statistisch erfasst werden mutmassliche Schlepper seit 2015. Im letzten Jahr registrierte das Grenzwachtkorps 464 Fälle von Verdacht auf Menschenschmuggel. Rund 13 Prozent davon (59) gingen aufs Konto von Kosovaren, gefolgt von Personen aus Syrien, Eritrea und der Schweiz (33 Fälle).

Kosovo nur noch auf Platz 4

In den Monaten Januar bis September 2016 verzeichnete das Grenzwachtkorps noch 13 Fälle mit Schleppern aus dem Kosovo. In 23 Angelegenheiten stammen die Schlepper aus der Schweiz. Dass die Kosovaren auf den vierten Platz verdrängt wurden, lässt sich mit der Schliessung der Balkanroute begründen; es erkläre aber nicht, weshalb die Schweiz die aktuelle Nummer eins dieser Top-Ten-Liste ist, schreibt die «SonntagsZeitung».

Die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) führt diese Verschiebung auf die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden zurück. Diese habe Einfluss auf das Vorgehen der Schleppernetzwerke.

Doch das Täterspektrum ist weit gefächert: Sowohl das Schleusertum als auch die Fluchthilfe fliesst in die Statistik der Grenzwachtkorps ein – es reicht von grossen kriminellen und international vernetzten Organisationen, über Einzelpersonen, die Familienangehörige über die Grenze bringen, bis zu Personen, die aus humanitären Gründen handeln.

Wichtiges Herkunftsland von Schleppern

Zudem wird die Statistik durch Mehrfach-Erfassungen verzerrt: Aufgelistet wird nicht die Anzahl Personen, sondern die Anzahl Anhaltungen. Eine Person, die beispielsweise aus humanitären Gründen einzelne Flüchtlinge zum Grenzwachtkorps in Chiasso begleite, kann demnach mehrmals angehalten werden. Zudem entgingen viele Täter der Kontrolle, weshalb die Zahlen des Korps laut Tessiner Kantonspolizei nur einen Teil des Schlepperwesens bilde.

Dennoch bleibe der Kosovo aufgrund der wirtschaftlichen Misere vor Ort und der grossen kosovarischen Diaspora in der Schweiz gemäss «SonntagsZeitung» ein wichtiges Herkunftsland von Schleppern. Die Republik wird auch in den nächsten Monaten auf der unrühmlichen Liste des Grenzwachtkorps landen – ebenso Schweizerinnen und Schweizer, die aus Idealismus handeln.

nag

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt