Rom vertraut Bischof Huonder mehr als der Schweizer Kirche

Der Vatikan erlaubt dem Churer Bischof, seine Nachfolge weitgehend selbst zu steuern.

Michael Meier@tagesanzeiger

Rom verlängert Vitus Huonders Amtszeit abermals, bis zur Wahl des neuen Bischofs. Das wurde am Montag bekannt und verheisst nichts Gutes. Rom vertraut offenbar dem 77-jährigen Hirten so sehr, dass es ihn die Wahl seines Nachfolgers selber organisieren lässt.

Der Vatikan sieht davon ab, bis zum Amtsantritt des neuen Bischofs einen Administrator einzusetzen, der die Wahl vorbereitet und das Bistum vorübergehend leitet. Er lässt auch den Appell der Basis ungehört, einen integrierend wirkenden apostolischen Administrator zu bestellen, der während ein paar Jahren das Bistum beruhigen und den Boden für einen Neuanfang bereiten könnte. Auch diese Option ist offenbar vom Tisch. Sonst hätte Rom wohl den Administrator am Montag bekannt gegeben.

Dass der Vatikan Huonder schätzt und ihm de facto grünes Licht gibt, in der Bischofsnachfolge für Kontinuität zu sorgen, gibt zu denken. Umso mehr, als dieser daran festhält, nach seinem Rücktritt im Knabeninstitut der Piusbrüder in Wangs zu wohnen, also bei einer schismatischen Gruppierung. Selbst wenn es stimmen sollte, dass Huonder noch immer einen römischen Auftrag hat, mit den Traditionalisten Kontakt zu halten, müsste er nicht gleich bei ihnen wohnen. Verlangt der Heilige Stuhl wirklich solche Distanzlosigkeit?

Religionsfreiheit als Argument

Huonder ist es offenbar gelungen, in Rom die Eigenheiten der Schweizer Kirche und ihr duales System von innerkirchlich-hierarchischen und kantonalkirchlich-demokratischen Instanzen schlechtzureden. Er und sein Generalvikar Martin Grichting haben dort stets beklagt, dass die Schweizer Bischöfe nicht über die Gelder der Gläubigen verfügen können und dass damit sogar ein Verein unterstützt wird, der abtreibungs­willige Frauen berät.

Grichtings Hauptargument gegen die duale Struktur ist die Religionsfreiheit, wonach sich jede Religions­gemeinschaft nach ihrem eigenen Selbstverständnis organisieren dürfen muss. Nur gründet das Selbstverständnis der römischen Kirche just auf der hierarchisch-patriarchalen und antidemokratischen Verfassung, die den epidemischen Kindsmissbrauch ermöglicht hat.

Es erstaunt aber auch, wie wenig Protest die neuerliche Amtsverlängerung hervorruft. Überhaupt äussert sich die Kritik im Vorfeld dieser völlig intransparenten Bischofswahl kaum vernehmbar. Warum sagen die Exponenten der Kantonalkirchen nur hinter vorgehaltener Hand, dass für sie ein Bischof Martin Grichting nicht infrage kommt, ebenso wenig ein Alain de Raemy, zurzeit Weihbischof in Freiburg?

Kritik aus der Urschweiz

Gerade Katholisch-Zürich, zu Zeiten des umstrittenen Churer Bischofs Wolfgang Haas das Epizentrum des basiskirchlichen Protests, gibt sich kleinlaut und bemängelt aktuell nur das unverbindliche Communiqué des Bistums. Gewiss, der über 30-jährige Bistumskonflikt hat müde und mürbe gemacht. Aber auch der ängstliche Zürcher Generalvikar Joseph Annen hält das Personal zur Zurückhaltung an.

Im Unterschied zu ihm gehört der Urschweizer Generalvikar Martin Kopp zu den wenigen Unerschrockenen, die das Malaise benennen. Wenn überhaupt kommen heute die kritischen Töne aus der Urschweiz. In einem klugen «Manifest zum Bischofswechsel» warnt das Ob- und Nidwaldner Dekanatsforum vor infantilem Gehorsam und appelliert an das Wahlgremium der Domherren, lieber auf eine Wahl zu verzichten und die Liste zurückzuweisen, sollten die drei Kandidatenvorschläge aus Rom nicht für eine integrierende Bischofspersönlichkeit sprechen.

Eine vage Hoffnung bleibt: Der Präfekt der römischen Bischofskongregation, Kardinal Marc Ouellet, der letztlich die Dreierliste zuhanden des Churer Domkapitels zusammenstellt, wird am 8. Juni 75 Jahre alt. Das heisst, er erreicht das kanonische Rücktrittsalter und muss beim Papst seine Demission einreichen. Ist Franziskus personalpolitisch tatsächlich so offen, wie man meint, müsste er die Chance nutzen und den ultrakonservativen Ouellet durch einen fortschrittlichen Bischofsmacher ersetzen. Wie bei Huonder könnte der Papst aber auch bei ihm die Amtszeit verlängern. Oder die Churer Bischofswahl könnte noch vor Ouellets allfälligem Rücktritt über die Bühne gehen, also im Mai.

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