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Rheintaler Atomwaffen-Techniker verurteilt

Ein Ingenieur aus dem Kanton St. Gallen erhält eine Freiheitsstrafe, weil er zum Atomwaffen-Programm Libyens beitrug.

Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte den Maschinenbauer Gotthard Lerch gestern wegen der Förderung der Entwicklung von Atomwaffen zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft. Der in Grabs SG wohnhafte Deutsche soll zwischen 1999 und 2003 an der Produktion von Bauteilen zur Urananreicherung beteiligt gewesen sein. Die Teile der Anlage sollten im Auftrag des Vaters der pakistanischen Atombombe, Abdul Qadeer Khan, nach Libyen geliefert werden. Mit dem Urteil hielt sich das Gericht an eine Absprache mit der Bundesanwaltschaft und Lerchs Verteidigern. Darin war dem Angeklagten gegen ein Teilgeständnis eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als sechs Jahren zugesagt worden. Der 65-Jährige hatte zuvor 3,5 Millionen Euro an den deutschen Staat bezahlt. Das entspricht seinem mutmasslichen Gewinn aus den Geschäften mit Khan.

Bei dem Verfahren gegen Lerch sei die Justiz an ihre Grenzen geraten, sagte der Vorsitzende in der Urteilsbegründung. Die wichtigsten Zeugen standen dem Gericht nicht zur Verfügung: neben Khan selbst auch der Schweizer Friedrich Tinner und dessen in der Schweiz inhaftierten Söhne Urs und Marco, die ebenfalls im St. Galler Rheintal heimisch sind. Gegen die Mitglieder der Tinner-Familie läuft in der Schweiz ein Verfahren wegen des libyschen Atomprogramms. Alle drei weigerten sich, in Stuttgart auszusagen. Laut ihren Anwälten kennen die Tinner-Brüder Lerch nicht.

Vorbildliche Rechtshilfe

Lobend erwähnte der Richter die vorbildliche Rechtshilfe durch die Schweiz und Liechtenstein. Sogar Libyen habe sich kooperativ gezeigt, indem es mitteilte, wie viel Geld es wem für das 2003 eingestellte Atomprogramm bezahlt hatte. Die Wahrheitsfindung sei jedoch durch die Rolle der Geheimdienste erschwert worden. Die amerikanische CIA und der britische MI 6 hätten «ersten Zugriff» auf Informationen gehabt. Deshalb sei es «nahezu unmöglich zu recherchieren, was wirklich geschehen ist». Der Verteidiger erwähnte in seinem Plädoyer die Vernichtung von Akten zum Atomschmuggler-Netz, die der Schweizer Bundesrat auf Ersuchen der USA befahl.

Das Gericht war weitgehend auf das angewiesen, was Lerch selbst einräumte. Das war erheblich weniger, als in der Anklage steht. Erwiesen sei lediglich, dass der Ingenieur in mehreren Fällen «technische und praktische Hilfe» bei der Produktion von Bauteilen für eine Gasultrazentrifugenanlage in Südafrika gewährt habe. Er habe Tipps für die Materialbeschaffung gegeben und Hilfestellung bei der Zahlungsabwicklung geleistet. Das Gericht hielt fest, es lasse sich nicht beweisen, dass Lerch Mitglied einer «Bande» sei, die Libyen zur Atombombe verhelfen wollte. Wegen der langen Verfahrensdauer und den 21 Monaten Untersuchungshaft kommt Lerch wohl bald frei.

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