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Reifeprüfung für Wohlstandsbürger

Corona ist überall, vor allem aber in unseren Köpfen. Im Umgang mit ihm zeigt sich die Reife einer Gesellschaft.

Die Mortalitätsrate ist gering. Und doch scheinen wir gegen das Coronavirus wehrlos zu sein. Eine Frau im Libanon rüstet sich mit Handschuhe aus. Foto: Nabil Mounzer (Keystone)
Die Mortalitätsrate ist gering. Und doch scheinen wir gegen das Coronavirus wehrlos zu sein. Eine Frau im Libanon rüstet sich mit Handschuhe aus. Foto: Nabil Mounzer (Keystone)

Nein, es ist nicht die Pest, die im Mittelalter je nach Gegend bis zu zwei Drittel der Bevölkerung auslöschte. Es ist auch nicht die Spanische Grippe, die 1918/19 erheblich mehr Opfer forderte als der Erste Weltkrieg. Das Coronavirus ist viel harmloser. Aber unsere Gesellschaft auch viel komplexer, vernetzter, anfälliger.

China schien weit weg, die Bilder «toter Städte» wirkten exotisch. Aber jetzt tauchen täglich, ja stündlich in neuen Ländern Krankheitsfälle auf. In der Schweiz hat der Bundesrat die «besondere Lage» ausgerufen, Veranstaltungen mit über 1000 Teilnehmern sind verboten. Der Basler Morgestraich fällt aus, Fussballspiele und andere Massen-Events werden abgesagt.

Italien riegelt ganze Städte ab. In Deutschland sagt der bekannteste Virologe: «Es wird schlimm werden.» In unseren Köpfen ist das Virus schon lange. Da ist sein Name nicht Corona, sondern: Angst. Was löst sie aus?

1. Die Mortalitätsrate ist zwar niedrig, 1 bis 2 Prozent. Aber das ist mehr als bei einer üblichen Grippe, und eine sehr hohe Infektionsrate führt zu entsprechend hohen Todeszahlen.

2.Das Virus verbreitet sich mit beängstigender Geschwindigkeit. Auch wer keine Symptome zeigt, kann schon ansteckend sein. Der Feind ist unsichtbar, das macht ihn besonders unheimlich.

3. Unsere Spitzenmedizin zeigt sich hilflos: Es gibt kein Medikament, auf lange Sicht noch keinen Impfstoff. Also: keinen Schutz, kein Heilmittel. Die Empfehlungen für die noch ­Gesunden wirken seltsam schlicht: sorgfältig Hände waschen, in die Ellenbeuge niesen.

4.Die Abwehrdämme halten nicht. Die Ansteckungswege sind nicht mehr zu verfolgen. Man kann die Epidemie nicht mehr aufhalten, höchstens verlangsamen.

5. Ein recht hoher Anteil der Erkrankungen, 15 bis 20 Prozent, verläuft schwer und erfordert Intensivmassnahmen. Die zu erwartende Menge dürfte auch ein hoch entwickeltes Gesundheitssystem überfordern.

6. Den Behörden bleiben nur Isolations- und Schliessungsanordnungen. In chinesischen, in italienischen Städten steht das öffentliche Leben schon still. Die Schweiz hat nun die ersten Schritte dazu getan.

7.Lieferketten reissen, die Wirtschaft bricht ein. Die Globalisierung, die die Verbreitung des Virus begünstigt, zeugt Abhängigkeiten, die sich jetzt rächen.

Von den Büchern lernen

Ein winziger, vergleichsweise harm­loser Erreger, gegen den die Staaten offensichtlich machtlos sind, gar der Eindruck des Kontrollverlusts entsteht: Das führt zu einer Besorgnis, die in ihren Spitzen panische Züge zeigt. Hamsterkäufer räumen Supermärkte leer, Reisende aus «gefährlichen» Ländern werden ausgegrenzt, Misstrauen grassiert. Ein Klima des Verdachts: War X nicht letztens in Italien? Und hustet Y nicht so komisch? Bald muss man seine Unschuld respektive seine Virenfreiheit beweisen. Aber wer heute gesund ist, kann sich morgen anstecken.

Es ist nicht die Pest. Aber die steckt doch tief in unserem kollektiven Gedächtnis, und die gegenwärtigen Entwicklungen lösen schwarze Fantasien an: Was, wenn nichts mehr funktioniert, wenn alles zusammenbricht?

Die Literatur hat das immer wieder durchgespielt, von Boccaccios «Decamerone» über Manzonis «Verlobte» zu Camus’ «Pest» und Saramagos «Stadt der Blinden». In diesen Büchern bricht die Gesellschaft unter dem Druck der Epidemie auseinander, gehen Solidarität und Mitgefühl verloren, kommt es zum Kampf aller gegen alle.

Unsere Aufgabe ist es, unser Verhalten nicht von Angst diktieren zu lassen, sondern die Beeinträch­tigungen mit Ruhe, Gelassenheit und Anstand durchzustehen.

Das ist bei der Corona-Pandemie – und von einer solchen muss man wohl jetzt sprechen – nicht zu befürchten. Aber eine Art Reifeprüfung für die Gesellschaft ist der kleine Erreger schon. Auch für die Schweiz, ein reiches, gut organisiertes Gemeinwesen, das seit ewigen Zeiten keinen Krieg, keine Hungersnot, keine Naturkatastrophen erlebt hat. Deren Bürger Sicherheit und Wohlstand für selbstverständlich halten – und die vom Staat, dem sonst gern als aufgebläht oder verfettet geschmähten Staat, erwarten, dies weiterhin auf hohem Niveau zu garantieren.

Aber Garantien gibt es vielleicht auf elektrische Geräte, aber nicht auf ein ungestörtes Leben. Und je höher das Niveau an Sicherheit und Wohlstand ist, je mehr wir daran gewöhnt sind, dass alles reibungslos funktioniert, desto empfindlicher sind wir für Störungen.

Das Coronavirus kann tatsächlich zu höchst empfindlichen Beeinträch­tigungen unseres Alltags, unserer Ansprüche führen. Unsere Aufgabe ist es, unser Verhalten nicht von Angst diktieren zu lassen, sondern die Beeinträch­tigungen mit Ruhe, Gelassenheit und Anstand durchzustehen. Ganz gleich, wie lange und wie gravierend sie sein werden.

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