Putins Nachtwölfe heulen auch in der Schweiz

In Regensdorf üben Systema-Kampfsportler unter dem Logo der russischen Rockergruppe mit Fäusten und Messern. Dahinter steht ein gut ausgebautes Netz.

PS und Propaganda: Die Nachtwölfe wurden durch ihre Putin-Nähe zum politischen Faktor. Foto: Maksim Blinov (RIA Novosti, Keystone) In der Schweiz benutzte Systema-Logos.

PS und Propaganda: Die Nachtwölfe wurden durch ihre Putin-Nähe zum politischen Faktor. Foto: Maksim Blinov (RIA Novosti, Keystone) In der Schweiz benutzte Systema-Logos.

Mario Stäuble@mario_staeuble

Aufwärmübung: Zehn Männer formen einen Kreis, legen sich auf den Rücken, die Füsse zur Mitte. Langsam heben sie ihre Beine an. Auf Kommando erhebt sich einer, rennt rundherum – und steht dabei den anderen neun auf den Bauch. Unterdrücktes Ächzen und Stöhnen erfüllt den Dojo.

Der Kampfsport, der an diesem Dienstagabend in einem Regensdorfer Judo-Keller trainiert wird, heisst Systema und ist im russischen Militär verwurzelt. Die zehn Männer tragen schwarze Cargo­hosen und T-Shirts. Auf Letzteren prangen die Lettern «SYSTEMA» und ein Wolfskopf. Derselbe Tierschädel findet sich auch auf den Kutten und Flaggen der Nachtwölfe – jenes russischen Motorradclubs, der zurzeit mit einer Gedenkfahrt nach Berlin für eine Kontroverse sorgt. Die russischen Rocker planen für morgen Samstag Konvois in der deutschen Hauptstadt. Am sowjetischen Ehren­mal im Treptower Park wollen sie zur Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren Kränze niederlegen.

Nun sind die Wölfe auch in der Schweiz präsent. Die ersten Spuren ­finden sich auf Facebook: Auf einer ­Fan-Seite prangt der Wolfskopf, zusammen mit der Adresse des Systema-Trainings­­lokals in Regensdorf. Selbstbeschreibung: «Community Page About Night Wolves.» Kommentar: «JEDER MOTORRAD­FAHRER DER IM HERZEN ETWAS PRO-RUSSISCHES HAT IST WILL­KOMMEN!» Dazu eine Mobiltelefon­nummer.

Objektschutz, Überwachungen

Sind die Wölfe gefährlich? Was wollen sie? Und wie passt das zusammen, militärischer Kampfsport-Drill einerseits, Motorrad-Freiheitsdrang andererseits?

Zentrale Figur ist der Deutsche Dimitri Zaiser. Der 33-Jährige diente laut eigenen Angaben während acht Jahren im russischen Militär, zeitweise in einer Spezialeinheit. Er präsidiert den Kampf­sportverein «SYSTEMA Security Center Akademie» seit 2013, zudem gibt er Schiess-, Messer- und Nahkampfunterricht. Die Wolf-Welt unterteile sich in drei Ebenen, die es auseinander­zuhalten gelte, sagt er dem TA.

Ebene eins: der Motorradclub Nachtwölfe, der nach strengen Regeln funktioniert, wie etwa die Hells Angels. Ebene zwei: Die Russische Motorradvereinigung, ein Ableger der Nachtwölfe. Dort könnten Leute mittun, die gemeinsam Reisen unternehmen, sich aber nicht den strengen Gesetzen des Clubs unterwerfen wollten – eine Art Nachtwölfe Light. Das betreibe er in der Schweiz. Ebene drei ist die «Wolf-Holding», eine Mischung aus Sicherheitskonzern und Kampfsportschule, beheimatet in Moskau. Das Unternehmen bietet Objektschutz, Wertsachentransporte, Überwachungen, Bodyguards für VIP, schickt aber auch russische Systema-Instruktoren nach Westeuropa. Die Schweizer Akademie sei ein Ableger der Holding, sagt Zaiser.

Gegen aussen verschwimmen dessen Wolf-Unterteilungen. Die Namen lauten ähnlich, der VR-Präsident der Holding, Gennadi Nikulow, ist gleichzeitig Mitglied beim Motorradclub, das Unternehmen vermittelt Aufträge an die Rocker. Man kennt und besucht sich, teilt Logos und Werte.

Die zehn Männer in Regensdorf haben unterdessen Handschuhe angezogen. Geübt wird Ellenbogenabwehr. Schmatzend prallen gepolsterte Fäuste auf rot anlaufende Unterarme. Wenn ein Treffer versehentlich am Kopf landet, folgt ein entschuldigendes Grinsen und ein Handschlag.

Tote Nachtwölfe in der Ukraine

Nachtwolf-Anführer Alexander Saldostanow, genannt «der Chirurg», gilt als Vasall Putins; der Präsident lud den Rocker zu mehreren Treffen ein, es existieren Fotos, auf denen die beiden Seite an Seite einen Motorrad-Corso anführen. Die Nachtwölfe sind patriotisch, orthodox, gegen den Westen und gegen Homosexuelle. Sie organisieren politisch aufgeladene Party-Nächte und Motorrad-Akrobatik-Shows. Und sie sind in den Ukrainekonflikt verwickelt: In einem Interview mit CNN sagt Saldostanow, drei Nachtwölfe seien bisher im Kampf getötet worden.

Auch Dimitri Zaiser steht hinter Putin: «Ich finde positiv, was der Mann macht.» Die Annexion der Halbinsel Krim befürwortet er – «die Krim war immer russisch». Zaiser pendelt zwischen der Schweiz und Deutschland, um in Regens­dorf und in Ludwigsburg die Systema-Filialen aufzubauen. Den «Chirurgen» hat er mehrmals getroffen. Morgen Samstag will er ebenfalls an der Gedenkfeier in Berlin sein.

In der Schweiz gibt es heute laut Zaiser kein formelles «Chapter» des Motorradclubs. Gerüchte, wonach ein solches geplant sei, dementiert er.

Im Regensdorfer Übungskeller sind die meisten Anwesenden Schweizer oder Secondos, sie arbeiten als Tür­steher, Gleisarbeiter und bei der Migros. Insgesamt trainieren «knapp zwanzig Leute» regelmässig. Instruktor Lukas Frei, der den Kurs leitet, ist Bauingenieur. Er sagt: «Die meisten sind wegen der Kampftechniken dabei.» Den Nachtwölfen fühlen sie sich trotz des gemeinsamen Auftritts nicht direkt zugehörig, «ich besitze auch kein Motorrad», sagt Frei. Zu spüren ist aber Respekt: «Das sind Patrioten, die für etwas einstehen. Sie haben im russischen Volk einen sehr guten Ruf.»

Und Putins Politik? Frei sagt, er habe als Scherz im Büro ein Bild des Präsidenten aufgehängt, um seinen Chef «echli zu provozieren». Im Gespräch mit anderen Trainierenden kriegt man prorussische Positionen zu hören: Da wird Kritik an den «einseitigen westlichen Medien» geübt und die russischen Ausbilder für ihre «Bescheidenheit» bewundert.

Schweizer auf der Krim

Einige der Schweizer haben im August 2014 an einem Kampfsport-Trainingslager auf der Krim teilgenommen. Auf der Halbinsel im Schwarzen Meer, die kurz zuvor von Russland einverleibt worden war, sei es friedlich gewesen, «wir trafen vor allem auf Russen in den Badeferien», sagt Frei. Für die Ausbilder und Nachtwölfe, die sie dort kennen lernten, haben sie nur lobende Worte: «Das sind gastfreundliche und ehrliche Männer, soweit wir das beurteilen konnten.»

Am Ende des Trainings in Regensdorf stehen freiwillige Klimmzüge auf dem Programm. Die meisten winken ab und gehen duschen. Aber ein junger Mann bleibt, obwohl er wenige Minuten zuvor im Nahkampf mit hochrotem Kopf unter einem 100-Kilo-Gegner begraben lag. Wieder und wieder zieht er sich hoch, als wäre sein Körper nicht schwerer als eine Einkaufstüte. Er muss trainieren. Er will Berufssoldat werden.

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