Muss das wirklich sein?

An der Bundesfeier hält man landauf, landab Reden. Weshalb eigentlich? Weil es Pflicht ist – Gedanken zum 1. August.

«Wenn einer spricht», sagte einst Kurt Tucholsky, «müssen die anderen zuhören – das ist deine Gelegenheit: Missbrauche sie!»

«Wenn einer spricht», sagte einst Kurt Tucholsky, «müssen die anderen zuhören – das ist deine Gelegenheit: Missbrauche sie!»

(Bild: Keystone)

Martin Furrer

Du redest, endlich hast du das Wort. Endlich ans Rednerpult. Endlich im Rampenlicht. Dutzende, Hunderte Augenpaare schauen zu dir hinauf.

Was wirst du sagen? Dass du dich freust, eine Rede halten zu dürfen, an diesem besonderen Ort, an diesem besonderen Tag, in diesem ­besonderen Land, und dass du der Einladung gerne gefolgt bist. Das sagen alle, die eine 1.-August-Rede halten. Das sagst auch du, nachdem du das Publikum begrüsst hast, wobei du die Honoratioren zuerst nennen wirst und erst dann die kommunen Bürger, die lieben Baslerinnen und Basler. Demokratie, die viel beschworene, hin oder her, Hierarchie muss sein.

Du redest nicht, weil du etwas zu sagen hast, sondern weil es das Datum befiehlt. Am 1. August hält man nun mal landauf, landab Reden, in Basel-Stadt ebenso wie in Bauma, Beckenried oder Buttisholz. Warum eigentlich? Ketzerische Frage. Die Antwort lautet: Das Halten von Reden hat am 1. August Tradition, und Traditionen hält man hoch, gerade am Nationalfeiertag. Deine Rede am 1. August ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Du zogst im Nebelfloor daher, suchtest für dein Manuskript Stichworte im Wolkenmeer.

Du redest. Muss das sein? Du wirst dir diese Frage in einer stillen Stunde selber gestellt und sie gleich wieder verdrängt haben. Denn gedanklich warst du bereits am Formulieren. Du zogst im Nebelfloor daher, suchtest für dein Manuskript Stichworte im Wolkenmeer: Zukunft, Vergangenheit, Freiheit, Verantwortung. Der Begriff Patriotismus muss nicht ausdrücklich vorkommen, er schwingt ohnehin in jeder Silbe deiner Rede mit.

Du kommst im Abendglühn daher, und deine fromme Seele ahnt, dass dir die Leute zuhören, weil sie hoffen, deine Rede möge einen Funken in ihnen zünden oder wenigstens ein bengalisches Feuer in ihrem Herzen entfachen. Aber es sind nur die Raketen, die ringsum explodieren, während du ankündigst, dass du nun zum Schluss kommen wirst.

Jetzt endlich werden die Augen der Zuhörer zu leuchten beginnen wie Lampions.

«Wenn einer spricht», sagte einst Kurt Tucholsky, «müssen die anderen zuhören – das ist deine Gelegenheit: Missbrauche sie!»

Basler Zeitung

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