Leibstadt-Panne: Externer Arbeiter «verwechselte Armatur»

Erhöhte Strahlung, gefälschte Protokolle: Die Atomaufsicht des Bundes beanstandet die Sicherheitskultur im Atomkraftwerk Leibstadt. Die Mängel bestehen seit Jahren.

Qualitätssicherung «teilweise versäumt»: Die Atomaufsicht des Bundes kritisiert die Leibstadt-Betreiber scharf.

Qualitätssicherung «teilweise versäumt»: Die Atomaufsicht des Bundes kritisiert die Leibstadt-Betreiber scharf.

(Bild: Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

Was ist los in Leibstadt? Die Atomaufsicht des Bundes (Ensi) hat innerhalb weniger Tage zwei Vorfälle publik gemacht, die laut ihrer Darstellung die Sicherheit der Bevölkerung und des Personals nicht gefährdet haben, jedoch Mängel in der Sicherheitskultur der jüngsten Atomanlage der Schweiz (Jahrgang 1984) belegen. «Aufgrund einer fehlerhaften Bedienung einer Armatur» erhöhte sich am 20. September 2018 bei der Lagerung des sogenannten Wasserabscheiders die Strahlenbelastung; das Messgerät gab kein akustisches Warnsignal.

Das Ensi ordnet das Vorkommnis nicht der Stufe 0 der internationalen Ereignisskala zu, wie dies die Leibstadt-Betreiber getan haben, sondern der Stufe 1 («Anomalie»). Die Atomaufsicht begründet das mit dem «Auftreten mehrfacher menschlicher Fehler im gesamten Arbeitsprozess». Das Kraftwerk, dessen Hauptaktionär die Axpo ist, habe die Qualitätssicherung seiner Arbeiten «teilweise versäumt».

Der zweite Vorfall betrifft einen Mitarbeiter, der es mindestens seit 2016 unterlassen hatte, gewisse Strahlenmessgeräte auf ihre Funktionstüchtigkeit hin zu testen. Stattdessen trug er fingierte Daten in die Prüfprotokolle ein. Ob er weiter manipuliert hat, ist unklar. Der Mitarbeiter wurde freigestellt. Nähere Angaben machen die Betreiber aus Datenschutzgründen nicht.

Fälschungen schon 2001

Das Ensi spricht von einem «schweren Fall von menschlichem Fehlverhalten» – es ist nicht der erste. Bereits 2001 hatten zwei Operateure im Kraftwerk Arbeiten ausgelassen und die entsprechenden Protokolle gefälscht. 2008 wollte ein Monteur zwei neue Handfeuerlöscher aufhängen und bohrte dazu sechs kleine Löcher in die Schutzhülle des Atomkraftwerks. Der Fehler, der sicherheitstechnisch keine Folgen hatte, blieb jahrelang unentdeckt. Bereits damals gab es Hinweise auf Probleme bei organisatorischen Fragen, etwa der Betreuung von externem Personal. Die Kraftwerksbetreiber gelobten Besserung. Und sie tun es auch jetzt wieder: Solche Vorfälle seien nicht tolerierbar, die Prozesse würden analysiert und «im Sinne einer Erhöhung der Sicherheit weiterentwickelt».

Die atomkritische Schweizerische Energie-Stiftung (SES) bezeichnet die Vorfälle als «besorgniserregend». «Leibstadt», sagt SES-Experte Nils Epprecht, «gehört vom Netz, bis die Betreiber die Probleme in den Griff gekriegt haben.» Das Ensi sieht das anders. Es fordert nun eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle. Auch wird die Atomaufsicht die Kraftwerksleitung sowie das Axpo-Management einbestellen und das Werk verstärkt kontrollieren. Zur Debatte steht schliesslich eine internationale Überprüfung der operationellen Sicherheit. Eine solche Osart-Mission fand zuletzt 2012 in Mühleberg statt.

«Leibstadt gehört vom Netz, bis die Betreiber die Probleme in den Griff gekriegt haben.»Nils Epprecht, Schweizerische Energie-Stiftung

Unklar bleiben die Ursachen für die skizzierten Probleme. Sparen die Betreiber bei der Sicherheit und der Personalschulung? Sie verneinen: «In sicherheitsrelevanten Bereichen wurde und wird nichts abgebaut.» Setzen die Betreiber verstärkt auf externes Personal? Zumindest beim Vorfall vom 20. September 2018 war es ein «externer Auftragnehmer, der die Armatur verwechselte», wie die Betreiber auf Nachfrage offenlegen. Ohne Fremdpersonal komme jedoch kein Kernkraftwerk aus, Leibstadt werde jährlich von rund 1000 externen Fachkräften unterstützt. Die betroffenen Armaturen habe man nun «vereinfacht und verbessert».

Dass externes Personal problematisch sein kann, deutet der Ensi-Bericht zum Vorfall an. Aufgelistet sind dort Massnahmen, die Leibstadt-Betreiber nun eingeleitet haben. Demnach soll die Einsatzplanung so «optimiert werden, dass radiologisch anspruchsvolle Arbeiten vorzugsweise durch Eigenpersonal betreut werden».

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