Kritik um der Kritik willen?

Angesichts der 1.-August-Reden stellt sich BaZ-Kolumnist Eric Sarasin auf den Standpunkt, dass wir Schweizer viel zu selbstkritisch sind anstatt stolz auf das Erreichte zu sein.

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Eric Sarasin

Der 1. August 2019 mit seinen politischen Reden landauf und landab ist Geschichte. Es gab langweilige, humorvolle, gestelzte, nichtssagende, vor allem aber kritische. Kritik ist nicht neu, wie diese zwei historischen Zitate grosser Intellektueller zeigen: «Der grösste Feind der Unschuld ist die Wahrheit. Und dieses Land ist das Land der Unschuldigen...» (Peter Bichsel, 1975) sowie «Wir wollen die Schweiz nicht als Museum, als Tresor, sondern als ein kleines, aktives Land, das zur Welt gehört» (Max Frisch, 1955).

Doch wie gerechtfertigt ist diese Kritik – damals wie auch heute – eigentlich? Die Schweiz ist ein weltoffenes Land, das im Zentrum Europas die Wirren der letzten hundert Jahre ziemlich gut überstanden hat. Wir haben den grössten Ausländeranteil Europas (25 Prozent) und eines der höchsten Bruttosozialprodukte der Welt, unser politisches System ist stabil und beispielhaft für viele Länder, und wir haben eine ausgezeichnet funktionierende Wirtschaft und Infrastruktur. Warum also lieben wir es, uns immer selbst zu kritisieren?

Migranten bereichern das Leben

Es gäbe nämlich auch viel zu sagen über die positiven Seiten. Zum Beispiel über die in der Schweiz lebenden Migrantinnen und Migranten, die unser aller Leben bereichern. Die meisten sind integriert und leisten ihren Anteil an die Volkswirtschaft und im sozialen Leben.

Oder das erwachende Interesse der Jugendlichen an der Politik: Laut dem neuen Easyvote-Politikmonitor von 2018 ist das politische Interesse der Jungen im Vergleich zum letzten Messzeitpunkt 2014 gestiegen, obwohl immer noch ein grosser Teil dieser sogenannten Generation Z nicht an die Urne geht.

Jugend mit immer mehr Einfluss

Vielleicht wird dieser Anteil im Jahr 2019 noch einmal steigen, berücksichtigt man, wie viele Jugendliche sich in diesem Jahr bereits an den Klimademonstrationen beteiligt haben. Sie üben immer mehr Einfluss auf die Politik unseres Landes aus. Auch wenn sich laut dem Politikmonitor knapp die Hälfte eher für die Politik im Ausland interessiert, so folgen gleich nationale politische Themen wie Migrations- und Asylfragen, Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie die Umwelt- und Energiepolitik.

Für mich sind das erfreuliche Entwicklungen. Ich denke, wir Schweizer sind viel zu selbstkritisch anstatt stolz auf das Erreichte zu sein. Dieses schrumpft mit ständiger Kritik nämlich wieder auf Schweizer Dimensionen: Kleinheit und Mittelmass.

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