Kein Ende im Triengener Kruzifixstreit

Die Schule von Triengen LU hängt zwei Kruzifixe in Schulzimmern ab und hängt Kreuze auf. Der Vater, der ein Kruzifixverbot erwirkt hatte, akzeptiert das nicht.

War einmal: In den Schulzimmern von Triengen hängt nur noch das Kreuz ohne Jesus.

War einmal: In den Schulzimmern von Triengen hängt nur noch das Kreuz ohne Jesus.

(Bild: Keystone)

Die grundsätzlichen Fragen im Kruzifixstreit könnten die Laienbehörden einer 4500-Seelen-Gemeinde nicht lösen, sagte der Triengener Gemeindepräsident Martin Ulrich (FDP) vor den Medien. Schulpflege und Gemeinderat hätten nun eine salomonische Lösung gefunden: Die umstrittenen Kruzifixe würden aus den Schulzimmern entfernt und durch zwei schlichte Steinkreuze ersetzt. Das seien die Behörden der Bevölkerung, die sich über das «Diktat eines Einzelnen» ereifert habe, schuldig.

Nur die Landesfahne darf hängen

Damit sei der Wunsch eines Vaters erfüllt, dass seine Kinder nicht mehr «unter dem Kreuz mit einem zu Tode gequälten Menschen» lernen müssten, sagte Ulrich. Und auch dem Urteil des Bundesgerichts, das Kruzifixe in einer Schule in Cadro TI 1990 als religiös nicht neutral erachtete und verbot, sei Genüge getan. «Anderseits fordern wir den vom Vater verlangten Respekt auch der Mehrheit gegenüber.» Triengen wählt damit einen Ausweg, den auch die Luzerner CVP vorgeschlagen hatte.

Der Deutsche David Jan Schlesinger, 41-jähriger Freidenker und Vater von zwei Primarschülern (TA von gestern), empfindet den Entscheid als Versuch, geltendes Recht zu umgehen. Auch das Symbol der evangelischen Christen habe in Schulzimmern nichts verloren. Als Kompromiss kommt für ihn nur das Aufhängen der Landesfahne mit dem Schweizer Kreuz infrage, wie es Stefan Mauerhofer von der Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS) vorgeschlagen hatte.

Bis vor Bundesgericht

Für die Freidenker sind sowohl Kruzifix als auch Kreuz christliche Symbole, die an öffentlichen Orten die religiöse Neutralität verletzen. Es gebe keinen Hinweis darauf, «dass die Gerichte im Fall eines Kreuzes anders geurteilt hätten», teilte Geschäftsführerin Reta Caspar gestern mit.

Angesichts der aktuellen Fälle Triengen und Stalden VS, wo ein freidenkerischer Lehrer wegen seiner Kruzifixverweigerung fristlos entlassen worden ist, fordert die FVS die Kantone zur Klärung auf. Damit könnten sie «den Gemeindebehörden die öffentliche Blamage und den Privaten den medialen Pranger ersparen». Dem FVS-Zentralvorstand will Caspar am nächsten Samstag vorschlagen, die Triengener Lösung anzufechten und beim Bundesgericht ein Piloturteil zu erwirken.

Ob die Bundesrichter auch ein schlichtes Kreuz verbieten würden, ist allerdings ungewiss. Für den Luzerner Theologen Lukas Niederberger ist es kein christliches Logo, sondern ein konfessionell neutrales Symbol, das schon die Höhlenbewohner benutzt hätten. Der Luzerner Rechtsanwalt und CVP-Präsident Martin Schwegler könnte sich vorstellen, dass die Richter anders urteilen würden als beim Kruzifix: «Bei Bundesgerichtsurteilen spielt auch der politische Zeitgeist mit, und seit 1990 hat eine deutliche Säkularisierung stattgefunden.»

Tages-Anzeiger

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