In die Notaufnahme wegen jeder Bagatelle

Anstatt den Hausarzt zu konsultieren, gehen immer mehr Patienten direkt ins Spital – sei es auch nur wegen eines kleinen Wehwehs. Dieser Trend verursacht hohe Kosten.

Patienten gehen immer häufiger direkt in die Notaufnahme: Ein Arzt kümmert sich in der Notaufnahme um einen Patienten, aufgenommen im flugmedizinischen Zentrum auf dem Francois-Xavier Bagnoud, FXB, Flugplatz in Sion. (10. Januar 2015)

Patienten gehen immer häufiger direkt in die Notaufnahme: Ein Arzt kümmert sich in der Notaufnahme um einen Patienten, aufgenommen im flugmedizinischen Zentrum auf dem Francois-Xavier Bagnoud, FXB, Flugplatz in Sion. (10. Januar 2015)

(Bild: Keystone Olivier Maire)

Dominik Balmer@sonntagszeitung

Immer mehr Leute gehen bei Beschwerden direkt ins Spital – ohne vorher einen Hausarzt zu konsultieren. Wegen jedem Bobo und Wehweh. Eine fatale Tendenz im Gesundheitswesen. «Unsere Zahlen explodieren», sagt Rolf Gilgen, Spitaldirektor von Bülach. Fast 30'000 Notfälle zählte sein Betrieb 2015. Im laufenden Jahr werden es voraussichtlich 15 Prozent mehr sein. Noch nie war die Wachstumsrate so gross.

Bei fast 60 Prozent aller Besuche in Bülach handelt es sich nicht um Notfälle, sondern um Bagatellen. «Der Andrang bringt uns in die Bredouille», sagt Gilgen, «Unser Wartezimmer ist oftmals zu klein. Unser Schalter auch.»

Jeder dritte Patient leidet an Bagatelle

Die grösseren Spitäler spüren diesen Druck genauso. Das Unispital Basel verzeichnete zwischen 2006 und 2015 einen Anstieg der Patienten auf der Notfallstation von 37'733 auf 50 115. Das ist eine Zunahme von über 30 Prozent. Ähnliche Raten weist das Unispital Zürich auf. 2015 wurden dort 42 637 Patienten betreut. «Wir sehen eine Zunahme der leichten Fälle, die direkt auf unsere Notfallstation kommen», sagt Sprecherin Martina Pletscher. Jeder dritte Patient im Unispital-Notfall leidet bloss an einer Bagatelle.

Die Folgen sind in der Summe aber verheerend. Lässt sich ein Patient mit einer Bagatelle im Spital behandeln, kostet das viel mehr, als wenn er zuerst zum Hausarzt gehen würde. Das zeigen Zahlen des Krankenkassenverbands Santésuisse für die Grundversicherung im Jahr 2015.

Doppelt so teuer als beim Hausarzt

Eine ambulante Behandlung in einem Spital schlägt pro Konsultation mit 427 Franken zu Buche. Als ambulant gilt eine Behandlung, wenn der Patient nicht im Spital übernachtet. Bei einem Hausarzt kostet eine Konsultation im Schnitt allerdings nur gerade 196 Franken, also weniger als die Hälfte. Laut Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse, sind vor allem die teurere Infrastruktur und die 24-Stunden-Einsatzbereitschaft für die höheren Kosten verantwortlich.

Wie teuer solche Bagatellfälle insgesamt sind, lässt sich nur schätzen. Diese Woche publizierte das Bundesamt für Statistik erstmals Zahlen. Demnach verursachten alle Notfallzentren der Spitäler im Jahr 2014 Kosten von über 80 Millionen Franken. Alle schweren Notfälle, die eine Hospitalisierung mit sich bringen, sind nicht eingerechnet. Von diesen 80 Millionen Franken dürfte ein wesentlicher Teil auf Bagatellen in Spitälern zurückzuführen sein. Gingen diese Patienten alle zum Hausarzt, würden die Kosten markant sinken.

Viele Migranten besuchen Notfallzentren

Die Gründe, warum immer mehr Patienten direkt ins Spital gehen, sind vielfältig. Martin Jordan, Sprecher des Unispitals Basel, glaubt, dass es viel mit Bequemlichkeit zu tun hat. «Wir haben 24 Stunden offen und nehmen Patienten ohne Anmeldung.» Hausärzte hingegen seien nur zeitlich beschränkt verfügbar, und man müsse mit ihnen einen Termin vereinbaren.

Eine Studie des Gesundheitsobservatoriums Obsan zeigt zudem, dass überdurchschnittlich viele Migranten Notfallzentren besuchen. Auch weil sie das Hausarztmodell nicht kennen. Auch nutzen auffällig viele junge Patienten die Spital-Notfälle. Gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik beträgt das Durchschnittsalter nur gerade rund 30 Jahre. Jüngere Patienten haben in der Regel keinen Hausarzt – und gehen meist direkt ins Spital.

(Artikel aus der SonntagsZeitung)

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