Im Zuckermantel

Die Baselbieter Bundesratskandidatin Elisabeth Schneider-Schneiter (CVP) setzt sich geschickt in Szene – nicht nur mit Inhalten.

«Es finden mich nicht alle toll.» CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter.

«Es finden mich nicht alle toll.» CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter.

(Bild: Keystone)

Alessandra Paone

Es ist ein Freitagmorgen im November 2010. Schnee bedeckt Biel-Benken. Elisabeth Schneider-Schneiter sitzt in einem weissen Sessel vor dem Kamin in ihrer grosszügigen Stube. Sie hat an diesem Tag mehrere Termine. Die Presse, sagt sie. Es klingt aber nicht nach Stress – sie geniesst die Aufmerksamkeit. In wenigen Tagen wird sie zusammen mit ihrem Mann, den beiden Kindern und ihren Eltern in den Zug nach Bern steigen, begleitet von Fotografen. Um dort im Nationalrat in den Reihen der CVP Platz zu nehmen. Zum Fenster blickend sagt sie: «Ich bin wie ein Baum, der die Wurzeln braucht, um Nahrung aufzunehmen, und der Wind und Wetter als Herausforderung annimmt und die schwere Last des Schnees von den Ästen abschüttelt.»

Die starke Frau, die Bauerntochter, die sich als drittes von fünf Kindern behaupten musste, die zwar Respekt hat vor grossen Aufgaben, aber keine Angst – dieses Bild zeichnet Elisabeth Schneider-Schneiter gerne von sich. Auch acht Jahre nach ihrem Einzug ins Bundesparlament. Und vor allem jetzt, da sie die Baselbieter CVP als Nachfolgerin von Doris Leuthard im Bundesrat nominiert hat.

Am Parteitag in Zwingen am Donnerstagabend unterstreicht sie denn auch ihre Fähigkeit, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erfüllen, als Ehefrau und Mutter, die immer berufstätig war. Als mutige Politikerin, die auch aneckt. «Es finden mich nicht alle toll. Aber das gehört dazu», sagte sie. Eine Person, die sagt, was sie denkt, das Herz auf der Zunge, so sieht sie sich. Elisabeth Schneider-Schneiter kann in der Tat unpopuläre Positionen vertreten. Sie sprach sich für das Burka-Verbot aus. Oder lehnte es als Bürgerliche ab, den Baselbieter SVP-Nationalrat Thomas de Courten als Regierungsratskandidat zu unterstützen.

Zu Gast auf jeder Bühne

Trotzdem – man will ihr die Ehrlichkeit nicht ganz abkaufen. Weil alles, was sie sagt, wie im Zuckermantel daherkommt. Elisabeth Schneider-Schneiter begegnet selbst Gegnern mit einem strahlenden Lächeln und lieblichen Worten. Eine Szene in der Wandelhalle des Bundeshauses vor ein paar Jahren: «Hallo Sebastian! Oh mein Gott, bist du erkältet? Du Armer. Soll ich dir einen Tee holen?» Was der Basler SVP-Nationalrat Sebastian Frehner von der überschwänglichen Fürsorge hielt, bleibt sein Geheimnis. Sie verabschiedete sie sich, das süsse Lächeln unverändert im Gesicht.

Der Drang nach Aufmerksamkeit ist seit ihrem Einzug ins Bundeshaus noch stärker geworden. Ob als Festrednerin in der Tracht am Nordwestschweizer Schwingfest in Therwil oder als Gast in der «Arena», Elisabeth Schneider-Schneiter nimmt jede Einladung dankend an. Sie ist immer erreichbar, wenn sie mit der Familie in Island in den Ferien weilt oder mit der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats auf Staatsbesuch ist. Auf Medienanfragen reagiert sie immer; nur in ganz seltenen Fällen will sie sich zu einem Thema nicht äussern. Journalisten sind nicht ihre Freunde, aber unverzichtbare Akteure auf ihrem Weg nach oben.

Elisabeth Schneider-Schneiters Bedeutung ist gross, misst man sie ausschliesslich an ihrer Präsenz in der Öffentlichkeit. Doch über ihren tatsächlichen Einfluss innerhalb der eigenen Fraktion und allgemein im Bundesparlament gehen die Meinungen auseinander. Sie werde überschätzt und vor allem überschätze sie sich selbst, sagen viele. Eine, die an jedem Apéro anzutreffen sei und ausser Worthülsen nichts zu bieten habe. Andere wiederum halten sie für «eine Kosmopolitin mit Weitsicht und gesamtwirtschaftlichem Verständnis».

Der richtige Moment

Immerhin ist sie Mitglied des Parteipräsidiums der CVP Schweiz und präsidiert die Aussenpolitische Kommission des Nationalrats. Als der Freiburger Ständerat Urs Schwaller 2013 seinen Rücktritt als Fraktionspräsident der CVP bekannt gab, galt die Juristin aus Biel-Benken von Anfang an als Mitfavoritin. Damals war sie erst seit drei Jahren im Nationalrat. Strategisch geschickt verzichtete sie auf eine Kandidatur und sagte in der Basler Zeitung: «Eigentlich würde mich das Amt sehr reizen. Jetzt schon für das Fraktionspräsidium zu kandidieren, wäre aber etwas vermessen und würde als sehr ehrgeizig erscheinen.» Selber habe sie sich deshalb auch nie für das Amt aufgedrängt, sondern sei immer nur von anderen genannt worden.

Ob jetzt der richtige Zeitpunkt für eine wichtige Kandidatur ist? Elisabeth Schneider-Schneiter ist davon überzeugt. «Weil so viele Leute gesagt haben, ich solle es tun.» Und weil ihre Chancen wegen den vielen Absagen intakt seien – gestern hat auch einer der Favoriten für das Amt, der Solothurner Ständerat Pirmin Bischof, seinen Verzicht erklärt.

Sie dürfte recht haben, und es gibt noch weitere Gründe, die für eine Kandidatur sprechen: Die CVP kann es sich nicht leisten, keine Frau aufs Ticket zu setzen. Zudem hat Elisabeth Schneider-Schneiter nichts zu verlieren. Auch im Fall, dass ihre Ambitionen scheitern sollten, kann ihr eine Bundesratskandidatur Schub verleihen, um ihren gefährdeten Nationalratssitz im kommenden Herbst zu verteidigen.

Und wer könnte es ihr verübeln, wenn man bedenkt, dass der letzte Baselbieter Bundesrat 123 Jahre zurückliegt. Als Präsidentin der Handelskammer beider Basel fühlt sie sich geradezu prädestiniert zur Kandidatur. Sie setze sich in Bern auch stark für die Region ein, sagt sie. Obwohl laut der parlamentarischen Datenbank Curia Vista nur gerade zwei der rund 30 eingereichten Vorstösse die Region Basel betreffen: eine Interpellation zum Bahnanschluss Euro-Airport und ein Antrag zur Stilllegung des Atomkraftwerks Fessenheim. Aber egal: Eine Baselbieterin in den Bundesrat – als Werbeslogan funktioniert es.

Basler Zeitung

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