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«Ich muss Israel verteidigen, obwohl ich gar nicht will»

Der Antisemitismusbericht 2010 registriert 34 Vorfälle. Einen davon schildert die in Zürich aufgewachsene Jüdin D. G. (32) im Gespräch mit Redaktion Tamedia.

Am Rande der Kundgebung wurde eine orthodoxe jüdische Familie beschimpft, wie eine Augenzeugin erzählt: Demonstranten protestieren gegen den Angriff Israels auf ein Hilfsschiff für Gaza, Anfang Juni 2010 in Zürich.
Am Rande der Kundgebung wurde eine orthodoxe jüdische Familie beschimpft, wie eine Augenzeugin erzählt: Demonstranten protestieren gegen den Angriff Israels auf ein Hilfsschiff für Gaza, Anfang Juni 2010 in Zürich.
Keystone

Der Israelitische Gemeindebund registrierte letztes Jahr 34 antisemitische Vorfälle. Einen davon haben Sie gemeldet. Wie lief der ab?

Es war während der «Free-Gaza»-Demonstration am Helvetiaplatz im letzten Sommer. Ich stand mit Kollegen beim Xenix auf dem Kanzleiareal und wir beobachteten die Demonstration. Dann sahen wir eine orthodoxe jüdische Familie auf dem Trottoir daherkommen und ich bin schon nervös geworden. Tatsächlich wurden sie dann auch beschimpft und ausgepfiffen. Ein paar demonstrierende Männer riefen «Scheissjuden» und antiisraelische Parolen. Vis à vis des Volkshauses stand ein Polizeiauto. Aber die Polizisten haben das wahrscheinlich gar nicht gesehen, es ging so schnell.

Sie sind schon nervös geworden, bevor etwas passiert ist?

Allgemein bin ich immer etwas angespannt, wenn Israel in den Schlagzeilen ist, weil dann die emotional sehr aufgeladenen Diskussionen zunehmen. Ich hätte aber nicht erwartet, dass wirklich etwas passiert und war auch überrascht. Ich habe es zum ersten Mal miterlebt.

Antisemitismus sei salonfähig geworden, analysiert der Israelitische Gemeindebund. Sehen Sie das auch so?

Seit dem Libanonkrieg 2006 beobachte ich das. Es wird im Bus laut und hemmungslos über Israel diskutiert und meistens kippt es schnell, die Argumente werden gehässig und israelfeindlich. Es ist immer ganz klar, wer die Guten sind und wer die Bösen. Dabei wissen die meisten sehr wenig über die Hintergründe des Nahostkonflikts, oder sie stützen sich auf oberflächlicher Berichterstattung ab. Ich hätte mich beispielsweise nicht getraut, im Bus so laut über den Kosovokonflikt zu reden, über den ich viel zu wenig wusste.

Wer Israel kritisiert, ist gleich ein Antisemit.

Die Diskussion um den Nahostkonflikt ist leider sehr emotional. Ich frage mich, weshalb sich einige linke Politiker in der Schweiz mit einer solchen Inbrunst für die Sache der Palästinenser engagieren und Israel bei jeder Gelegenheit kritisieren. Es ist ja schön, wenn sich Leute für Benachteiligte einsetzen. Aber es gibt noch weitere Orte auf der Welt, wo Leute unterdrückt und verfolgt werden. Beim Nahostkonflikt sind aber so viel Emotionen im Spiel.

Wann kippt die Diskussion?

Wenn es heisst, dass ausgerechnet Israel die Palästinenser so behandelt, obwohl doch gerade die Juden so Schlimmes erlebt haben, und dann der Bogen zum Zweiten Weltkrieg gemacht wird.

Teilen Sie manchmal die Kritik an Israel?

Ich verfolge die Aktualität und bin nicht immer einverstanden damit, wie die israelische Regierung handelt. Auch viele meiner israelischen Freunde kritisieren die Politik. Aber durch die unterschwellige Kritik meiner Umgebung sehe ich mich manchmal gezwungen, Israel zu verteidigen, obwohl ich das gar nicht will. Die aufgeladene Diskussion drängt mich in eine Rolle, die mir nicht passt.

Man sieht Ihnen die Herkunft nicht an. Trotzdem müssen Sie Israel permanent verteidigen?

Von Bekannten werde ich oft auf die politischen Konflikte angesprochen. Ich mag es langsam nicht mehr hören. Es klingt zynisch, aber ich bin immer froh, wenn andere Ereignisse wie Fukushima die Medien beherrschen und der Nahostkonflikt in den Hintergrund rückt.

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