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«Ich flehe die EU und die USA an»

Die Tessinerin Carla Del Ponte war es, welche die Untersuchungen Dick Martys zum angeblichen Organhandel im Kosovo verursachte. Nun nimmt die frühere Chefanklägerin in Den Haag Stellung. Und wie!

«Wenn es zum Prozess kommt, werden die Beweise im Gerichtssaal zur Sprache kommen»: Carla del Ponte.
«Wenn es zum Prozess kommt, werden die Beweise im Gerichtssaal zur Sprache kommen»: Carla del Ponte.
Keystone

«Ich bin dem Europarat dankbar für seine Arbeit. Was im Kosovo und Nordalbanien passiert ist, ist so grausam, dass man das gründlich untersuchen muss», sagt Carla del Ponte im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger»*. Die frühere Anklägerin am internationalen Strafgerichtshof in Den Haag äusserte sich, nachdem Dick Marty seine Vorwürfe im Zusammenhang mit dem angeblichen Organhandel im Kosovo Ende des Krieges an einer Pressekonferenz in Paris darlegte. Der Marty-Bericht bestätige und erweitere das, was sie in ihrem Buch geschrieben habe.

Beschrieben hatte del Ponte in ihrem 2008 publizierten Buch «Im Namen der Anklage: Meine Jagd nach Kriegsverbrechern und die Suche nach Gerechtigkeit» Schockierendes. «In diesem gelben Haus (...) sei ein Raum in einen provisorischen Operationssaal verwandelt worden, wo die Ärzte den Gefangenen Organe entnommen hätten (…) Opfer, denen man eine Niere entnommen hatte, seien zugenäht und wieder in eine Baracke gesperrt worden, bis man ihnen schliesslich auch die anderen lebenswichtigen Organe entnommen habe.»

«Wir hatten Hinweise erhalten auf ein Massengrab»

Del Ponte wurde immer wieder der Vorwurf gemacht, sie hätte keine Beweise für ihre Anschuldigungen geliefert. Dazu die heutige Botschafterin in Argentinien: «Wir hatten Hinweise erhalten auf ein Massengrab in der Nähe des gelben Hauses in Nordalbanien. Wir wollten uns auf die Suche machen nach diesem Grab. Es wäre ein wichtiges Beweisstück gewesen, um am Kriegsverbrechertribunal Anklage erheben zu können. Doch die albanischen Behörden wollten nicht mit uns kooperieren.»

Marty habe sie während seinen Untersuchungen einmal gesehen: «Wir haben uns einmal getroffen, und er hat mich interviewt. Ich konnte ihm seine Fragen aus meiner Erinnerung heraus beantworten. Zusammengearbeitet haben wir aber nicht, denn ich war damals schon Botschafterin in Argentinien.» In Martys Arbeit hatte sie offenbar grosses Vertrauen. «Ich brauchte ihm keine Ratschläge zu erteilen. Dick Marty wusste selber, wie er arbeiten musste.»

«Wenn es zum Prozess kommt»

Dass Marty zwar von «handfesten Beweisen» spricht, diese aber nicht vorlegt, erklärt del Ponte gegenüber dem «Tages-Anzeiger» so: «Jede Ermittlung läuft im Geheimen ab. Man würde das Verfahren gefährden, wenn man die Beweise öffentlich diskutieren würde. Wenn es zum Prozess kommt, werden die Beweise im Gerichtssaal zur Sprache kommen.»

Ermittlungen sind das, was jetzt auch von der Rechtskommission des Europarats gefordert werden. Die Schweiz ruft den Kosovo zur Klärung der Vorwürfe von Dick Marty auf. Und hier verliert del Ponte jegliche diplomatische Zurückhaltung. «Ich flehe die Europäische Union, die USA, andere interessierte Länder und die UNO an, der Eulex in Kosovo jegliche politische Unterstützung sowie das nötige Material zu gewähren, um die Strafuntersuchung durchzuführen und alle Personen gerichtlich zu verfolgen, die verdächtigt sind, in diese Verbrechen verwickelt zu sein», sagt del Ponte gegenüber swissinfo.ch.

Martys Anschuldigungen sollen sich in einen «Schrei verwandeln»

Neben der bisher untätigen Justiz klagt del Ponte auch die Medien an: «Die Weigerung der Leute zu glauben, dass Kriminelle sogar zur Tötung unschuldiger Menschen fähig sind, um ihnen Organe zu entnehmen und diese zu verkaufen, widerspiegelt vielleicht die Zurückhaltung von Medien und Justiz, diese Probleme ans Licht zu bringen.» Die Tessinerin wünscht sich, «dass sich die Anklagen des Europarats in einen Schrei verwandeln, damit die internationale Gemeinschaft alles unternimmt, um dieses Problem zu lösen».

* Lesen Sie das ganze Interview mit Carla del Ponte in der Freitags-Ausgabe des «Tages-Anzeigers».

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