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Höchster Lehrer: Die Atomlobby manipuliert unsere Schüler

Die Energiewirtschaft greift tief in die Kasse, um die Kundschaft schon im Kindesalter mit ihrer Sicht der Dinge vertraut zu machen. Swissnuclear etwa stellt Schulen Lehrmittel zur Verfügung. Das stösst auf Kritik.

«Swissnuclear unterschlägt wichtige Informationen»: Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands.
«Swissnuclear unterschlägt wichtige Informationen»: Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands.

Die BKW schickt eigene Lehrer in die Klassenzimmer, um mit Schulkindern über Energie zu reden. Das Programm heisst «Watt's up?» und richtet sich an Schulen in den Kantonen Bern und Jura, dem Versorgungsgebiet der BKW. Auf Einladung der Lehrer bestreiten die «Animatorinnen» und «Animatoren» der BKW in Zweierteams Halbtage mit den Klassen. Bearbeitet werden je nach Alter die Themen «Strom als Energieform», «Kraftwerke und Energieträger» und «Energieeffizienz».

Dabei werden den Kindern vom BKW-Personal unter anderem «Vor- und Nachteile der einzelnen Energieträger und Stromproduktionsarten» vermittelt, wie es in der Broschüre zu «Watt's up» heisst. Das Programm ist ein grosser Erfolg: Jedes Jahr nutzen Hunderte von Klassen das Angebot des lokalen Energieversorgers.

«Nach bestem Wissen und Gewissen»

Gegenüber der Nachrichtenagentur SDA betonte BKW-Sprecher Antonio Sommavilla, dass es sich um ein allgemein gehaltenes Programm handle. Ziel sei es, Grundkenntnisse der Energieproduktion zu vermitteln. Alle Energieträger würden mit ihren Vor- und Nachteilen dargestellt - auch die Probleme der Kernenergie. Die Fragen der Kinder beantworteten die Lehrkräfte der BKW «nach bestem Wissen und Gewissen», sagte Sommavilla.

Nicht weit her mit der objektiven Darstellung ist es beim Unterrichtsmaterial von Swissnuclear, über welches der «Sonntags-Blick» in seiner letzten Ausgabe berichtet hat. Strom aus Windkraft sei zwar sauber, die Windräder machten jedoch Lärm und störten im Landschaftsbild, heisst es dort etwa.

Einsatz fossiler Brennstoffe berge grosse Risiken

Für die Produktion grosser Mengen von Solarstrom scheine die Sonne in der Schweiz zu wenig, und das Pilotprojekt für ein Geothermiekraftwerk habe in Basel ein Erdbeben ausgelöst. Auch der Einsatz fossiler Brennstoffe birgt gemäss der Atom-Organisation grosse Risiken.

Nuklearenergie hat gemäss den Unterlagen viele Vorteile, Nachteile jedoch sind im Modul «Energiequellen und Energieträger» nicht erwähnt. «Radioaktivität und Umwelt» geht zwar auf die schädigende Wirkung von Strahlen ein, stellt Radioaktivität aber gleichzeitig als allgegenwärtiges natürliches Phänomen dar. Swissnuclear wollte auf Anfrage der SDA zu dem Unterrichtsmaterial nicht Stellung nehmen.

«Offensichtlich manipulativ»

Umso deutlicher äussert sich Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands. Swissnuclear unterschlage wichtige Informationen, sagte er auf Anfrage. «Das ist offensichtlich manipulativ, und das geht nicht.» Themen, die gesellschaftlich umstritten seien, dürften in der Schule nicht einseitig dargestellt werden. Für die Energieproblematik gelte dies besonders. Zemp weist jedoch auch darauf hin, dass die Verantwortung letztlich beim einzelnen Lehrer und bei der Schulleitung liege.

Dieser Meinung ist auch Erwin Sommer, Fachstellenleiter Schulaufsicht der Berner Erziehungsdirektion, welche das Unterrichtsmaterial der BKW abgesegnet hat. Es sei klar, dass ein Stromkonzern nicht in erster Linie auf die Nachteile seines Produkts hinweise, sagte er auf Anfrage. Für einen ausgewogenen Unterricht vertraut Sommer auf die Schüler und ihre Eltern. «Die Kinder sind nicht blöd, die merken, wenn etwas fehlt», sagte er. Und Eltern beschwerten sich jeweils sofort, wenn in der Schule etwas einseitig dargestellt werde.

Verantwortung bei den Lehrern

Die Hauptverantwortung sieht Sommer aber bei den Lehrerinnen und Lehrern. «Wenn sie die Schüler einseitig informieren, nehmen sie ihre Pflicht nicht wahr», sagte er. Gegen den Unterricht der BKW sei nichts einzuwenden, darauf müsse aber eine Diskussion folgen oder die Gegenseite eingeladen werden.

Solche Angebote existieren nämlich auch. Der WWF etwa oder Greenpeace bieten ebenfalls Module an, in welchen Themen wie Umwelt und Energie in den Klassen bearbeitet werden. Der WWF hat letztes Jahr im Kanton Bern etwa 100 Schulbesuche absolviert. Im gleichen Zeitraum hat die BKW mit rund 500 Klassen das «Watt's up?»-Programm durchgeführt.

SDA/pbe

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