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Herzlich willkommen in der Holzklasse

Eine Studie des Bundesamts für Verkehr schlägt der SBB vor, eine dritte Klasse einzuführen. 1956 wurde diese Holzklasse noch erfolgreich abgeschafft.

So sah 1940 die Holzklasse der SBB aus.
So sah 1940 die Holzklasse der SBB aus.
Keystone

Laut einer Studie, die das Bundesamt für Verkehr (BAV) in Auftrag gegeben hatte und die kürzlich publiziert wurde, sollten die SBB eine dritte Klasse einführen. Adressaten für die neue Reisekategorie wären Passagiere mit schmalem Budget. Diese hätten sich dann easyjetmässig in Fünferbänke zu drücken.

Schön und gut. Doch wie es scheint, sind die Studienautoren schon längere Zeit nicht mehr Zug gefahren. Jedenfalls blenden sie mit ihrer Empfehlung an die Bahn die Tatsache aus, dass die «dritte Klasse» schon seit längerer Zeit wieder Realität ist. Sie umfasst all jene, die in den heutigen Zügen stehen müssen – und dies ganz ohne Preisermässigung und nicht nur zu Stosszeiten. Diese Reisenden mit Stehplatz würden dann wohl zur vierten Klasse. Ganz zu schweigen von denjenigen, die eines Tages gar keinen Eingang mehr finden, wenn der Rollmaterialnotstand der SBB einerseits und der Zustrom an Passagieren anderseits weiterhin anhalten, und in Gottes Namen auf den nächsten Zug warten müssen. Wir hätten dann ein neues Klassenwesen bei den Zugreisen und damit so ziemlich das Gegenteil dessen, was die Juso im vergangenen Jahr gefordert haben – nämlich die Abschaffung der Fahrklassen.

Behindertenuntaugliche Treppen

Dass die SBB den Vorschlag alles andere als begeistert aufgenommen haben, ist daher verständlich. Warum soll man auch etwas einführen, das man seinerzeit erfolgreich abgeschafft hat – 1956 nämlich, drei Jahre nachdem der internationale Eisenbahnverband eine Reduktion der Bahnklassen auf zwei beschlossen hatte. Ich habe die dritte Klasse der SBB, die Holzklasse, selber nicht mehr erlebt. Das heisst, eigentlich doch, denn infrastrukturmässig hat sich mit dem Wechsel zum Zweiklassensystem gar nicht so viel verändert. Die sogenannte Luxusklasse mit 0,6 Prozent Passagieranteil fiel dahin, die bisherige zweite Klasse wurde zur ersten beziehungsweise zur Klasse für komfortables Reisen. Und die dritte Klasse erfuhr schlicht und einfach eine Umbenennung beziehungsweise sie wurde zur zweiten Klasse aufgewertet. Eine Tariferhöhung für das Reisen auf den Holzbänken konnte so wohl kaum begründet werden.

Unterwegs war das «aufgewertete» Rollmaterial dann noch viele Jahre. Auf der Läufelfingerli-Linie zwischen Sissach und Olten traf man SBB-Wagen mit hohen, von Behindertentauglichkeit noch Lichtjahre entfernten Treppen und Holzbänken noch in den frühen Siebzigerjahren an. Sie wurden von uns damals gering geschätzt und nicht gerade schonend behandelt – auch wenn man noch nicht von Vandalismus sprechen konnte. Dabei waren sie wesentlich gemütlicher als die heutigen. Aber dafür hatten wir damals noch keinen Sinn.

Für die Passagiere der 1956 aufgehobenen Luxusklasse bot sich damals als Alternative das Auto an. Nach der Alternative zu den überfüllten Zügen halten wir derzeit immer noch vergeblich Ausschau.

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