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Hauptsache, die Modelle stimmen

Die jüngste Energiestudie der ETH warf hohe Wellen. Und gibt Anlass, auch einen Blick auf all die Expertisen zur Finanzkrise, Immobilienblase, AHV und Zuwanderung zu werfen.

Je schlüssiger die Modelle, desto praxisferner die Schlussfolgerungen: Mathematiker erläutert eine Formel.
Je schlüssiger die Modelle, desto praxisferner die Schlussfolgerungen: Mathematiker erläutert eine Formel.
AFP

Vom deutschen Dichter Friedlich Maximilian von Klinger stammt der Ausspruch: «Man findet tausend Gelehrte, bis man auf einen weisen Mann stösst.» Das bewahrheitet sich einmal mehr beim aktuellen Streit zu den Auswirkungen der Energiestrategie 2050 des Bundesrates. Gegner und Befürworter berufen sich auf Studien, die, gelinde gesagt, je länger, je mehr von der gesellschaftlichen Wirklichkeit entfernt sind – wie zum Beispiel die von der Konjunkturforschungsstelle der ETH in Auftrag von Economiesuisse erstellten Wirtschaftsszenarien als Folge eben dieser neuen Energiestrategie.

Die ETH-Forscher haben unter anderem ausgerechnet, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) wegen der Energiewende um 25 Prozent schrumpfen und die Arbeitslosigkeit sich verdoppeln könnte. Angenommen wurde auch, dass es zum Beispiel bei den erneuerbaren Energien keine technologische Entwicklung bis zum Jahr 2050 mehr geben werde. Auch wegen solcher Annahmen fielen die Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Studie nicht sehr schmeichelhaft aus. Sofort betonten Forscher aus allen politischen Lagern, Economiesuisse habe die Studie überinterpretiert.

Schlüssige Modelle, willkürliche Annahmen

Sie sei aber wissenschaftlich sauber und seriös. Sie verwende ein in der wissenschaftlichen Literatur anerkanntes Modell, so Professor Beat Hotz, Dozent für Volkswirtschaft an der Universität Zürich, in einem Gastkommentar für Redaktion Tamedia. Steckt aber nicht genau in diesen Modellen der Teufel? Oder anders gesagt: Verbeissen sich die Ökonomen heute nicht zu stark in ihre Ökonometrie, um mit mathematischen Methoden wirtschaftstheoretische Modelle zu überprüfen? Und entfernen sie sich dabei nicht immer mehr vom tatsächlichen Wirtschaftsalltag?

Je schlüssiger die Modelle der Ökonomen würden, desto willkürlicher seien die Annahmen und desto praxisferner fielen ihre Schlussfolgerungen aus, hat der deutsche Wirtschaftspublizist Stefan Baron schon vor Jahren einmal gesagt. Das war wohl noch nie so wahr wie heute: Man muss sich nur einmal die Zeit nehmen, das nachzulesen, was uns die Wirtschaftsexperten seit der Finanzkrise 2008 an düsteren Szenarien für die kommenden Monate und Jahre ankündigten – unter anderem Arbeitslosenquoten von 5 Prozent. Natürlich traf das nie ein, und die Schweiz schlug sich wirtschaftlich eigentlich seit der Finanzkrise ganz gut. Die Finanzkrise selber sah jedoch kaum einer dieser Experten voraus.

Studien führten zu falschen Entscheidungen

Oder wie ist das mit der Immobilienblase? Seit zwei Jahren warnen die Ökonomen der Nationalbank davor, inzwischen gibt es Untersuchungen von der ETH, in welchen bloss von einem «Immobilienbläschen» in einzelnen Regionen die Rede ist. Wem sollen wir denn jetzt glauben – der ETH oder der Nationalbank? Die Wachstumsprognosen wiederum werden beinahe im Dreimonatsrhythmus geändert. Gemäss Wirtschaftsexperten hätte die Zuwanderung aus den EU-Staaten in Krisenjahren zurückgehen müssen, die AHV müsste seit 2009 tiefrote Zahlen schreiben. Beides traf aber nicht ein, führte jedoch trotzdem zu teilweise falschen Entscheidungen in der Politik.

Ist vielleicht das Problem, dass Wirtschaftstheoretiker sich mit anderen Wirtschaftstheoretikern über den Finanzmarkt, Strommarkt, Immobilienmarkt, Exportmarkt, Tourismusmarkt usw. streiten – aber keiner von ihnen unternehmerische Verantwortung tragen muss? Wenn Architekten und Ingenieure pfuschen, werden sie dafür zur Rechenschaft gezogen. Die Ökonomen können eine Falschprognose nach der anderen abliefern, Verantwortung übernehmen müssen sie dafür selten. Hauptsache, die Modelle sind hieb- und stichfest, die Berechnungen seriös und gemäss der wissenschaftlichen Literatur.

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