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Halunken, Ganoven, Manager

Die Abzocker-Initiative ist Ausdruck tiefen Misstrauens gegenüber der Wirtschaft. Das macht es nicht besser.

Sieht so ein Wirtschaftskapitän aus? Marlon Brando in der Rolle von Don Corleone, dem Paten (r.).
Sieht so ein Wirtschaftskapitän aus? Marlon Brando in der Rolle von Don Corleone, dem Paten (r.).
Keystone

Als Frau Steiner beim Musiklehrer klingelte, öffnete niemand. Erst die Polizei vermochte die Tür zu sprengen und fand in der Wohnung den armen Musiker gefesselt vor – vom Schüler aber, dem neunjährigen Benjamin Steiner, der von seiner Mutter hätte abgeholt werden sollen: Von ihm fehlte jede Spur. Man hatte ihn entführt.

Es ist Sonntagabend und es beginnt eine Folge von «Tatort», der berühmten Krimi-Reihe des Ersten Deutschen Fernsehens, wo seit den frühen Siebzigerjahren jedes Wochenende ein Verbrecher auftaucht, um gejagt und überführt zu werden. Wir sitzen vor dem Bildschirm und erleben – wie so oft – eine weitere Unterrichtsstunde über das Unwesen des Kapitalismus.

Rächer der Enterbten

Bald nämlich stellte sich heraus, warum der kleine Bub nicht mehr zu seinen Eltern durfte – nach Hause in die behagliche Villa in Berlin-Grunewald. Offenbar hatte der Vater des Jungen, ein reicher Bankier, einst dem Entführer einen Kredit gestrichen, weswegen dieser in den Bankrott abstürzte. Seither sann Uwe Braun auf Rache am Bankier Steiner, der selbstverständlich – auch das gehört zur Standardausstattung – nicht aus nachvollziehbarer Vorsicht das Darlehen gekündigt hatte, sondern allein aus Profitstreben. Heute ist er Vorstandsvorsitzender einer grossen Bank. ­Seiner Karriere kam die Gier zustatten.

Zwar kommt beim Betrachten des Krimis ab und zu etwas Mitleid mit dem schwer geprüften Ehepaar Steiner auf, das alles tut, um sein Kind zu retten, – vor allem mit der Mutter, die ja nichts kann für das unanständige Geschäftsgebahren ihres Mannes, – aber fast so viel Mitgefühl empfindet der Zuschauer mit dem Entführer, dem Opfer des modernen Finanzplatzes. Fehlgeleitet ist er gewiss, niemand heisst solch drastische Massnahmen wie Kidnapping gut, – aber wer versteht ihn nicht?

Anti-kapitalistische Messe

Diese etwas langfädige Folge des «Tatorts», die vor zwei Wochen ausgestrahlt wurde und die zwei Kommissare zeigt, die dauernd gähnen und in ihren Kleidern schlafen, weil sie so müde werden vom Warten und Verhören: Dieser Krimi ist keine Ausnahme. Wer den «Tatort» regelmässig schaut, und viele Schweizer tun dies wie in einer Art säkularen Messe zum Wochenschluss, sollte einmal darauf achten, wie oft Unternehmer und Bankiers, Reiche und Erfolgreiche als Verbrecher entlarvt werden. Im Fernsehen treten sie viel häufiger als Täter auf als in der Realität.

Vielleicht mag es ja stimmen: Aus Sicht eines Drehbuchschreibers bieten Geschäftsleute, wenn nicht die Oberschicht überhaupt, sicher etwas reizvollere Figuren als die üblichen Ganoven, die in trostlosen Zweizimmerwohnungen in der Agglomeration hausen.

Warum aber stammen auf dem Bildschirm der öffentlich-rechtlichen Sender die Kriminellen vorwiegend aus den Eliten des privaten Sektors, während der öffentliche selten als Sumpf des Verbrechens inszeniert wird? Selten mordet ein Chefbeamter oder ein Richter, kaum je tötet ein Professor, ein Diplomat oder ein Politiker, – es sei denn, er gehört einer konservativen Partei an.

Amerika, du hast es besser?

Was in Deutschland auffällt, einem inzwischen ziemlich Kapitalismus-skeptischen Land, lässt sich selbst in Amerika diagnostizieren: Die Bad Guys in den Filmen und im Fernsehen sind reich und meistens haben sie sich in der Marktwirtschaft durchgesetzt, dank halb-kriminellen Methoden, bevor sie schliesslich zu richtigen Mördern wurden, was beim Publikum das Vorurteil bestätigt, auf dem Markt gehe es eigentlich nie mit rechten Dingen zu. Wenn dann ein gigantischer Betrüger wie Bernard Madoff auffliegt oder ein paar Banker in London den Libor, einen Zinssatz, manipulieren: Wer glaubt noch, es handle sich um Ausnahmen? Ist nicht der Kapitalismus an sich ein verbrecherisches System? Die Realität scheint sich der Fiktion anzupassen.

Im Jahr 2006 hat das Business & Media Institute, ein amerikanischer Think Tank, eine Studie veröffentlicht, in dem die Forscher ausgewertet hatten, wie Geschäftsleute im Fernsehen dargestellt werden: «Unternehmer begingen im Fernsehen mehr Verbrechen als jede andere demographische Gruppe. Wenn es nach den TV-Programmen zur besten Sendezeit geht, ist es 21-mal wahrscheinlicher, dass ein Amerikaner von einem Geschäftsmann entführt oder ermordet wird als von der Mafia. Unternehmer verübten auf dem Bildschirm fünfmal mehr Verbrechen als Terroristen, und sie waren für viermal mehr kriminelle Taten verantwortlich als Strassenbanden.»

Als die Forscher Grant Tinker, den ehemaligen Chef von NBC, einer der grössten Fernsehketten der USA, damit konfrontierten, entgegnete er: «Die Business-Leute verdienen, was sie bekommen. Verdammt noch mal, es gibt so viele Halunkenin der Geschäftswelt!»

Schizophrenie in Beverly Hills

Selbst Hollywood, dessen Unterhaltungsindustrielle Millionen von Dollars mit ihren Filmen auf dem freien Markt erzielen, hält es nicht anders mit den bedauernswerten Geschäftsleuten und Bankiers: Wer erinnert sich an einen einzigen Film der jüngsten Vergangenheit, in dem der Unternehmer der Held gewesen wäre? «The Aviator» als rares Exemplar kommt mir in den Sinn, wo Leonardo DiCaprio einen Luftfahrt-Pionier spielt: Howard Hughes, einen charismatischen, durchaus gewinnend dargestellten Mann zwar, der am Ende aber dem Wahnsinn verfällt. Ein Vorbild für unsere Kinder?

Weder ein Steve Jobs noch ein Bill Gates, die wahren Hauptdarsteller der Wirklichkeit, die Magier des real existierenden Kapitalismus, die mit ihrem Genie und ihren Produkten Millionen von Menschen glücklich gemacht haben und sich selbst unermesslich reich, – nicht sie prägen das Bild der Marktwirtschaft in den Filmen und im Fernsehen, sondern Vito Corleone, der Pate, der Patron einer Mafia-Familie, ein trauriger Verbrecher und feiger Mörder, wie ihn der grosse Marlon Brando so meisterhaft und fast einfühlsam interpretiert hat.

Der Abzocker, ein Schuft

Am 3. März stimmen wir über die Abzocker-Initiative ab. Noch ist es zu früh für Prognosen, doch in weiten Kreisen der Bevölkerung kommt das Anliegen des Schaffhauser Eigenbrötlers Thomas Minder sehr gut an. Vielleicht hat er sogar Erfolg. Das wäre bedauerlich. Denn die Initiative bringt zahllose neue Regulierungen, die dem Wirtschaftsstandort Schweiz Schaden zufügen dürften, ohne dass die Initiative ihr Ziel erreicht: Die Löhne der Manager werden deswegen nicht tiefer. Warum das im Detail der Fall ist, möchte ich ein anderes Mal ausführen.

Was mich mehr beschäftigt, ist die Tatsache, dass allein mit dem Begriff «Abzocker», einem hässlichen, ja denunziatorischen Wort, die Stimmbürger gegen eine ganze Berufsgruppe aufgebracht werden, eine Gruppe, die für den Wohlstand und das Gedeihen dieses Landes so viel tut. Man muss die Reichen und Erfolgreichen nicht lieben. Das erwartet niemand. Doch sie so zu pflegen, dass sie sich hier wohl fühlen, ob sie nun aus dem Ausland kommen oder aus der Schweiz: Das ist eine Frage der praktischen Vernunft. Ohne die Ehrgeizigen und Tüchtigen, ohne die Karrieristen und die Millionäre verarmt das Land.

Dass man mich nicht falsch versteht: Es trifft zu, dass der eine oder andere Manager zu viel verdient, – viel zu viel. Und sicher haben einige gut davon gelebt, dass sie sich faktisch selber entlöhnen konnten, ohne dass dies formell sichtbar gewesen wäre. Ob jeder gescheiterte Chef eine Abgangsentschädigung verdient hat, darüber lässt sich ebenfalls streiten. In erster Linie müssten solche Fragen aber die Aktionäre kümmern – nicht die ganze Bevölkerung. Ihr hat ein hoch bezahlter Manager keinen einzigen Rappen genommen. Wenn ein Spitzenmanager weniger Einkommen nach Hause trägt, geht es keiner Lehrerin und keinem Handwerker besser.

Vor allem ist das Gegengift so stark, dass damit das ganze Land auf Jahre hinaus belastet wird. Wenn ich von Gegengift rede, meine ich nicht bloss diese Initiative, sondern die wirtschaftsfeindliche Stimmung, die damit einhergeht, ein selbstzerstörerisches Misstrauen, das seit Jahren, nicht erst seit Minder, aufgebaut worden ist: In Filmen, im Fernsehen, ja, auch in den Zeitungen.

Inzwischen scheinen sehr viele Leute wirklich zu glauben, dass die überwiegende Mehrheit der Unternehmer, Manager und Bankiers genau solche Schurken und Halunkensind, wie das Hollywood oder der «Tatort» seit Jahrzehnten behauptet haben.

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