Fünf Minuten, um zu sterben

Spender riskieren, dass ihnen schon kurz nach dem Herztod Organe entnommen werden. Eine neue Form der Organspende sorgt für Unmut.

«Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss.» Im Kinderspital in Zürich wird eine Box mit einem Spenderherz geöffnet.

«Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss.» Im Kinderspital in Zürich wird eine Box mit einem Spenderherz geöffnet.

(Bild: Keystone)

Alex Reichmuth

Wie lange dauert das Sterben eines Menschen? Eine Viertelstunde, eine Stunde oder gar einen Tag? Geht es nach dem Bundesrat, sollen Organspender künftig nach einem Herzstillstand nur noch fünf Minuten Zeit haben, um vom Leben in den Tod zu kommen. Vor wenigen Tagen hat die Regierung das neue Transplantationsgesetz abgesegnet. Dieses überlässt es der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), wie der Tod eines Organspenders festzustellen ist. Laut den neuen Richtlinien dieses Gremiums genügen fünf Minuten, bis nach einem Herzstillstand der Tod eines spendewilligen Patienten festgestellt werden kann. Bisher waren es zehn Minuten.

Es geht um eine Form der Organspende, die in der Schweiz erst seit Kurzem überhaupt zulässig ist. Vorher gab es nur Transplantationen nach dem Hirntod: Alle Funktionen des Gehirns sind erloschen, selbst wenn der Körper wegen Beatmung noch warm ist, und das Herz schlägt. Seit 2011 ist auch die Spende nach einem Herzstillstand möglich. Dieser Fall sieht typischerweise so aus, dass ein Patient so schwer krank oder verletzt ist, dass er keine Chance auf ein würdiges Weiterleben mehr hat. Ärzte und Angehörige entscheiden, wegen Aussichtslosigkeit alle lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten. Das bringt das Herz des Patienten sofort zum Stillstand. Durch dessen Hirn fliesst kein Blut mehr. Dadurch stoppen innerhalb einiger Minuten die Gehirnfunktionen. Nach dem Herztod folgt der Hirntod.

Jede Minute zählt

In diesem Fall, bei der Spende nach Herzstillstand, gibt es ein Problem: Auch Organe wie Leber, Lunge oder Nieren werden nicht mehr durchblutet. Das schadet ihnen. Es zählt darum jede Minute: Je rascher nach dem Kreislaufkollaps die Entnahme von Organen beginnt, desto eher funktionieren diese im Körper eines Empfängers noch. Der Zeitdruck aber steht den Interessen des Sterbenden entgegen: Dieser hat das Recht, sein Leben würdig zu beschliessen – ohne dass schon an ihm herumoperiert wird. Bei der SAMW versichert man, dass kein Spender befürchten müsse, beim Sterben beeinträchtigt zu werden. In der Tat sehen die Richtlinien vor, dass nach Ablauf der Fünf-Minuten-Frist zwei Ärzte den Ausfall aller Gehirnfunktionen überprüfen. Sie testen dazu unter anderem, ob die Pupillen nicht mehr auf Licht reagieren, und ob die Schmerzreaktion verschwunden ist.

«Die medizinische Community ist sich einig, dass die Zellen im Gehirn nach einer fehlenden Sauerstoffzufuhr von drei Minuten irreversibel geschädigt sind», schreibt Jürg Steiger auf Anfrage. Er ist Präsident der Zentralen Ethikkommission der SAMW und Chefarzt am Universitätsspital Basel. Die Wartefrist sei unter anderem darum auf fünf Minuten verkürzt worden, weil der Durchblutungsstopp mittels Ultraschall kontrolliert werde. So bestehe Sicherheit, «dass absolut kein Fluss mehr vorhanden ist, der das Hirn mit Sauerstoff versorgen kann.» Es gibt zudem laut Steiger «keinerlei Hinweise, dass eine Wartezeit von zehn Minuten sicherer ist als zum Beispiel elf Minuten, acht Minuten, fünf Minuten oder 15 Minuten.»

«Strikt abzulehnen»

Gewisse Kollegen von Steiger sehen das aber anders: So haben die neuromedizinischen Fachgesellschaften Deutschlands 2014 erklärt, die Organspende nach Kreislaufstillstand sei «strikt abzulehnen». Es bestehe «ein höheres Risiko von Fehldiagnosen». Wissenschaftlich sei unklar, «wann nach einem Herzstillstand die Irreversibilität eintritt und wann die Gesamtfunktion des Gehirns irreversibel erloschen ist, auch wenn sich die klinischen Ausfallsymptome des Gehirns nach zehn Minuten immer nachweisen lassen». Wolfgang Heide, Neurologe im sächsischen Celle, wies 2016 in einem Fachaufsatz auf Fälle hin, «bei denen zehn und mehr Minuten nach dem akuten Ausfall der Herzleistung begonnene Reanimationsmassnahmen zumindest vorübergehend erfolgreich waren, auch bei normaler Körpertemperatur».

Auch die Bundesärztekammer Deutschland hat sich mehrfach gegen die Organspende nach Kreislaufstillstand ausgesprochen. Entsprechend ist diese Art der Transplantation in Deutschland verboten. Andere Länder hingegen erlauben sie – mit unterschiedlichen Wartezeiten: In Frankreich, Spanien und den Niederlanden gelten fünf Minuten, in Australien nur zwei Minuten, in Österreich und Tschechien dagegen zehn Minuten, in Italien sogar zwanzig Minuten. «Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss», sagte Matthias Claudius vor 200 Jahren. Der Satz des deutschen Dichters bekommt eine neue Bedeutung.

Basler Zeitung

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