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Flüchtlinge stranden im Tessin

Im September sind im Tessin mehr illegale Einwanderer abgefangen worden als in jedem anderen Monat dieses Jahres. Neun von zehn «Clandestini» versuchen es in Chiasso.

19.30 Uhr. Antonio Voci und sein Team treten ihren Dienst an. Der 44-jährige Unteroffizier ist der Gruppenleiter der drei mobilen Patrouillen, die in dieser Nacht den Grenzraum in Chiasso überwachen. Unterstützung erhalten sie aus der Einsatzzentrale. Dort verfolgen zwei Grenzwächter die Bilder von 30 Kameras, die im rund drei Kilometer langen Grenzabschnitt installiert sind. Quasi zur Einstimmung zeigt man uns Aufnahmen aus einer der vorigen Nächte: Zwei illegale Einwanderer übersteigen die beiden Grenzzäune, werden von den alarmierten Grenzwächtern jedoch sofort in Empfang genommen.

Dann gehts auf Patrouille, in einem äusserlich unscheinbaren, aber voll ausgerüsteten Einsatzfahrzeug.

20.45 Uhr. Eine Patrouille meldet die Kontrolle einer verdächtigen Person. Voci fährt hin und stellt fest: «Ah, ein alter Bekannter!» Er ist ein so genannter «Nem» (Non entrato in materia), ein Asylbewerber, auf dessen Gesuch die Behörden nicht eingetreten sind, der aber die Schweiz nicht verlassen hat. Bevor der Mann aus Guinea zur Personenkontrolle auf den Posten geführt wird, tasten ihn die Grenzwächter ab. «Ich glaube nicht, dass er gefährlich ist», erklärt Voci, «aber wir tun das trotzdem, auch zu unserer eigenen Sicherheit. Schliesslich haben wir alle Frauen und Kinder.»

Der Abgleich des digitalen Fingerabdrucks mit der zentralen Datenbank bestätigt wenig später die Identität des Mannes. Obwohl er sich illegal in der Schweiz aufhält, lässt man ihn wieder laufen. Bis zur nächsten Kontrolle. Und zur übernächsten. «Was sollen wir sonst tun?», fragt Voci, «ihn der Polizei übergeben, die ihn auch nicht will?» Für ihn ist völlig klar, dass die in Bern beschlossene Verschärfung des Asylgesetzes in der Praxis nicht funktioniert. Ist er deswegen frustriert? «Nein, diese Kontrollen gehören zu meiner Arbeit», sagt er nach einem Zögern. Mehr beschäftige ihn, «dass mit den vielen Nems ein soziales Problem entstanden ist, das es früher nicht gab».

21.30 Uhr. Voci und sein Kollege überprüfen einen Grenzabschnitt, der von keiner Kamera erfasst wird. Auf dem steilen, einem Flüsschen entlang führenden Waldweg liegen Kleider und Rucksäcke herum - Spuren der «Clandestini», die hier die Grenze überschritten haben. Er staune immer wieder, durch welch unwegsames Gelände diese ortsunkundigen Menschen sich bewegten, sagt der Grenzwächter.

22 Uhr. Eine weitere Patrouille schlägt Alarm. Passanten wollen in einer Fabrik ausserhalb Chiassos einen Dieb beobachtet haben. Voci spricht gerade mit einer Frau aus Somalia oder Eritrea, die aus Angst vor einem gewalttätigen Mann auf die Strasse gerannt ist. Ganz ruhig bestellt er die lokale Polizei, befiehlt der Frau, auf deren Ankunft zu warten, setzt das Blaulicht aufs Auto und rast zum vermeintlichen Tatort. Gemeinsam mit zwei Polizisten und der zweiten Patrouille suchen Voci und sein Kollege das Gelände ab. Zwar finden sie Spuren, die auf einen Einbruch hindeuten könnten, aber der Dieb - wenn es ihn gegeben hat - ist weg.

«In Chiasso leisten wir viel Polizeiarbeit», erzählt Voci. In solchen Momenten sind die süditalienische Insel Lampedusa und das ganze Elend der dort eintreffenden Flüchtlinge weit weg - in den Köpfen der Grenzwächter sind sie aber immer präsent. Was lösen bei ihnen die Bildern aus, die täglich in unsere Stuben flimmern? «Sie sind zur Gewohnheit geworden», sagt Voci. Manchmal denke er, dass es jetzt wieder Arbeit an der Grenze geben werde, ergänzt er. Manchmal sei er aber auch einfach froh, in der Schweiz geboren zu sein und nicht in solcher Not leben zu müssen. Kürzlich habe er eine Frau mit zwei Kindern zurückweisen müssen. Das sei hart zu verdauen.

Den Effekt von Lampedusa auf die Schweiz zeigt ein Blick auf die Zahlen. Bereits 85 illegale Einwanderer haben die Grenzwächter im September angehalten, mehr als in jedem andern Monaten dieses Jahres. «Wir haben mit vermehrten Grenzübertritten gerechnet und die Kontrollen verstärkt», erklärt Fabio Ghielmini, der Operationschef des Grenzwachtkorps im Tessin. Nicht in diesen Zahlen erscheinen jene fünf bis sechs Personen pro Tag, welche seine Truppe in den Zügen entdeckt und gar nicht ins Land lässt.

Ghielmini will die Situation nicht dramatisieren. Zwar nähmen der Druck auf die Grenze und auch die Zahl der Asylbewerber zu. Aber von einem Notstand wie zu Zeiten der Balkankriege «sind wir weit entfernt». Damals hätten die Grenzwächter bis zu 1200 Personen pro Monat aufgegriffen. Um etwas mehr Personal wäre er dennoch froh. Vor allem im Grenzstreifen von Chiasso, wo 90 Prozent der illegalen Grenzübertritte stattfänden.

1.30 Uhr. Am Bahnhof trifft der letzte Zug aus Mailand ein. Ausser einer Ukrainerin, die versehentlich nach Chiasso statt Chivasso gefahren ist, hat es jedoch keine auffälligen Passagiere im Zug. Während der Nacht fahren die Grenzwächter dann immer wieder hier vorbei. Denn um Mitternacht haben die fest stationierten Kollegen ihren Posten geräumt.

3.30 Uhr. Bald geht der Dienst von Antonio Vocis Team zu Ende. Kein einziger «Clandestino» bisher. Fast entschuldigend bilanziert er, dass es eine ruhige Nacht gewesen sei. Und was ist ihm lieber, lautet die letzte Frage, wenn viel läuft oder wenig? «Natürlich ist die Arbeit spannender, wenn wir Action haben», antwortet er, «aber niemanden zurück in die Not schicken zu müssen, ist doch auch nicht schlecht, oder?»

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