Flüchtiger Verwahrter: Sein Ausgang war von Bern abgesegnet

Der äusserst gefährliche und nicht therapierbare Vergewaltiger und Mörder Jean-Louis B. durfte mehrmals begleitet spazieren gehen. Mit dem Segen der zuständigen Berner Behörde. Zuvor hatte der Amtsvorsteher das Gegenteil behauptet.

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Monica Fahmy@fahmy07

Seit Montagnachmittag ist Jean-Louis B. auf der Flucht. Der verwahrte Vergewaltiger und Mörder verbrachte gut vierzig Jahre seines Lebens hinter Gittern. In den 1970er-Jahren hatte der wegen mehrfacher Vergewaltigung verurteilte B. auf seinem ersten unbegleiteten Freigang eine 17-Jährige vergewaltigt und brutal getötet. Jahre später, wieder auf Hafturlaub, hatte er seine Psychologin, die sich für Hafterleichterungen eingesetzt hatte, vergewaltigt. B. gilt als nicht therapierbar.

Dass B. überhaupt begleitete Ausflüge bewilligt wurden, wird immer unverständlicher. Die Behörden werden auch nach seiner Flucht nicht müde, gegenüber den Medien zu betonen, wie gefährlich der Mann ist. Die Verantwortung für das Debakel übernehmen mag aber niemand. Seit 2009 sass B. im Gefängnis Bellevue in Gorgier NE. Da er im Kanton Bern verurteilt worden war, ist aber der Straf- und Massnahmenvollzug des Kantons Bern für ihn zuständig.

Bern: «Keine Vollzugsöffnungen bewilligt»

Sein Amt habe «im vorliegenden Fall keine Vollzugsöffnungen bewilligt und auch keine ins Auge gefasst», sagte Amtsvorsteher Christian Margot am Dienstag gegenüber den Medien. Beim begleiteten Ausgang am Montag sei es um einen humanitären Akt gegangen, den die geschlossene Anstalt bewilligen könne. «Die Vollzugsanstalt bewilligt einen solchen begleiteten Ausgang in eigener Kompetenz und Verantwortung», so Margot. Gegenüber «10 vor 10» sagte Margot zudem, man habe das Gefängnis gewarnt: «Vorsicht, gefährlicher Insasse. Er ist ungeheuerlich gefährlich.»

«Wie jemandem so Gefährlichem, dem keine Vollzugslockerung gewährt werden sollte, zwei Ausflüge bewilligt werden, entzieht sich meinem Verständnis», sagte heute der Neuenburger Justizdirektor Jean Studer an einer Medienkonferenz. Anders als es Margot darstellt, war aber Bern laut Studer informiert. Dies ergebe sich auch aus Mails, die ihm vorlägen. «Wenn die zuständige Behörde (im Fall von B. der Straf- und Massnahmenvollzug des Kantons Bern) einen Ausflug nicht genehmigt, dann findet er nicht statt», so Valérie Gianoli, Vorsteherin der Neuenburger Strafvollzugsbehörde.

Neuenburg: Bern hat doch bewilligt

Am 23. September 2010 hat die Berner Behörde, laut Jean Studer, einen Plan bewilligt, der für B. sechs begleitete Ausgänge vorsah und gleichzeitig auf die «besondere Gefährlichkeit» des Verwahrten hinwies. Am 14. Januar 2011 widerrief Bern die Bewilligung, weil sich jegliche therapeutische Massnahme bei B. als erfolglos erwiesen hatte. «Es ist dagegen zulässig, aus humanitären Gründen bis zu zwei Ausgänge pro Jahr zu gewähren», zitierte Studer aus einem Schreiben der Berner Behörde. Die beiden Ausgänge fanden am 23. Februar und am 27. April 2011 statt.

An einer gemeinsamen Sitzung der Gefängnisleitung und der Berner Behörde am 5. Mai, sei vereinbart worden, weitere Ausgänge in Betracht zu ziehen. Bern sei über den geplanten Ausflug vom Montag am Freitag informiert worden. baz.ch/Newsnet hätte beim Amtsvorsteher Christian Margot gerne eine Stellungnahme eingeholt. Er sei heute unter keinen Umständen erreichbar, hiess es beim Amt. Dies, obwohl Erklärungsbedarf besteht und ein gemeingefährlicher Verwahrter noch immer auf der Flucht ist.

Fatales Missverständnis?

Justizdirektor Jean Studer hat an der Medienkonferenz jedenfalls «volle Transparenz» versprochen und eine administrative Untersuchung in Aussicht gestellt. Sie dränge sich auf, weil noch viele Fragen offen seien. Etwa, ob der Föderalismus in diesem Fall für ein fatales Missverständnis verantwortlich sei. Im Westschweizer Polizeikonkordat steht zum Beispiel, dass ein Häftling beim Ausgang keine Handschellen trägt und die Begleiter unbewaffnet sind. Nicht klar ist laut Studer nun, ob der Kanton Bern, der einem anderen Konkordat angehört, dies wusste.

Unklar ist zudem, warum die Berner Behörden, die im Vorfeld auf die Gefährlichkeit des Mannes hingewiesen und sich anfänglich auch gegen die von der Neuenburger Strafanstalt vorgeschlagenen sechs Freigänge pro Jahr gestellt hatten, später dann doch begleitete Ausgänge guthiessen. Was konkret schiefgelaufen sei, müsse abgeklärt werden, so Studer, der immer wieder betonte, wie «frustriert» er über die Angelegenheit sei.

baz.ch/Newsnet

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