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Fall Carlos: Ein Armani-Deo für 47 Franken

Ein bisher unveröffentlichter Bericht einer involvierten Sozialarbeiterin zeigt auf, wie Carlos das Justizsystem ausreizte.

Carlos (vorne), ein 18-jähriger Gewaltstraftäter seit früher Jugend, wird mit Sondermassnahmen unterstützt, die ihn resozialisieren sollen. Darunter fallen eine 4,5-Zimmer-Wohnung und eine Rundumbetreuung durch Sozialarbeiter.
Carlos (vorne), ein 18-jähriger Gewaltstraftäter seit früher Jugend, wird mit Sondermassnahmen unterstützt, die ihn resozialisieren sollen. Darunter fallen eine 4,5-Zimmer-Wohnung und eine Rundumbetreuung durch Sozialarbeiter.
Screenshot SRF
Wurde bereits als 11-Jähriger verhaftet: Carlos (r.) mit seinem Thaibox-Trainer.
Wurde bereits als 11-Jähriger verhaftet: Carlos (r.) mit seinem Thaibox-Trainer.
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Wegen der Entrüstung der Bevölkerung wird der Fall Carlos nun auch Sache der Politik. Regierungsrat Martin Graf (Grüne, Bild) hat einen internen Bericht angefordert und will sich Anfang September zum Fall äussern.
Wegen der Entrüstung der Bevölkerung wird der Fall Carlos nun auch Sache der Politik. Regierungsrat Martin Graf (Grüne, Bild) hat einen internen Bericht angefordert und will sich Anfang September zum Fall äussern.
Nicola Pitaro
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Die ehemalige Betreuerin von Carlos, der wegen umstrittener Therapiemassnahmen in die Schlagzeilen geraten ist, sagt: «Er ist ein Luxusgeschöpf. Nur mit Geld kann man ihn unter Kontrolle halten.» So komme beispielsweise nur Rindfleisch oder Fisch auf seinen Teller. Und er wolle sich bevorzugt mit Markenartikeln kleiden. Im Bericht, welcher der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, steht: «Er ist ein äusserst körperbewusster, muskulöser junger Mann. Er interessiert sich für Kampfsportarten und trainiert täglich mit Gewichten. Sein Idol ist Arnold Schwarzenegger.» Und er sei so «selbstverliebt», dass sogar beim Deodorant nur das Beste gut genug ist. Dieses muss nämlich von Armani sein und kostet 46.90 Franken. Natürlich alles auf Kosten des Steuerzahlers.

Wie viel in Carlos investiert wird, sorgt aber sogar in Sozialarbeiterkreisen für Entsetzen. Denn: Carlos stellt immer neue Forderungen, und die werden erfüllt. Sonst steigt er auf die Barrikaden. «Was er sich in den Kopf gesetzt hat, das will er auf jeden Fall erreichen. Folglich argumentiert er – manchmal stundenlang und nervenaufreibend –, bis er sein Ziel erreicht hat. Sei dies mehr Taschengeld, eine neue Hose, Freizeitaktivitäten wie Gokart, ein Ausflug an einen ganz bestimmten Ort oder die Beschaffung von Cannabis und Marihuana», ist im Bericht über Carlos zu lesen.

Laut Informationen der «Schweiz am Sonntag» war Carlos im Juni 2011, als es zur Messerattacke kam, nicht nur bekifft. Er stand auch unter Obhut einer Institution. Und zwar war er in einem Wohnprojekt der Riesen Oggenfuss GmbH in Zürich betreut. Es ist dieselbe Organisation, die Carlos aktuell in einer Vierzimmerwohnung in Reinach BL untergebracht hat. Gegründet haben die Organisation die Heilpädagogin Anna-Lisa Oggenfuss und ihr Partner, der Sozialpädagoge Rolf Riesen, vor rund drei Jahren. Der Zweck: Dienstleistungen im Zusammenhang mit beruflicher, sozialer und gesundheitlicher Reintegration. «Dabei wird durch systematisches Denken und aktives Zuhören (...) ein massgeschneiderter Plan mit klaren und sorgfältig gewählten Zielvorstellungen erarbeitet», ist auf der Website zu lesen. Besonderes Ziel bei Jugendlichen: «Anschluss an ein Zurechtfinden im Arbeits- und Erwerbsleben erarbeiten.» Riesen Oggenfuss betreut aktuell zehn schwersterziehbare Jugendliche. Die Kosten belaufen sich pro Jugendlichen auf bis zu 900 Franken pro Tag.

Carlos verursachte Velounfall

Der 17-jährige Carlos war vor einigen Monaten zudem in einen schweren Velounfall verwickelt, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Er kollidierte mit einem Fussgänger, worauf dieser einen Schädelbruch erlitt. Carlos fuhr mit hohem Tempo, stand aber nicht unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Das Opfer trug keine bleibenden Schäden davon. Die Zürcher Jugendanwaltschaft will den Vorfall nicht kommentieren. Laut früheren Angaben hat Carlos in den letzten zwei Jahren keine «vorsätzliche Straftat» begangen.

Am letzten Sonntag wurden die diversen Sondermassnahmen für Carlos bekannt, darunter ein tägliches Thaibox-Training. Die Kosten belaufen sich auf 29'000 Franken pro Monat. Die Zürcher Regierung entscheidet demnächst über allfällige Korrekturen am Massnahmenpaket sowie über die Konsequenzen für den zuständigen Jugendanwalt Hansueli Gürber.

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