Es ist schön, Schweizer zu sein

In Zeiten der Hysterie braucht es Gelassenheit. Mancher sucht in diesem Gewirr der politischen Überreizung Halt – Gedanken zum 1.August.

Gottfried Keller: «Achte jedes Menschen Vaterland, aber das deinige liebe.» Am Säntis wird die Schweizer Fahne aufgehängt. Foto: Keystone

Gottfried Keller: «Achte jedes Menschen Vaterland, aber das deinige liebe.» Am Säntis wird die Schweizer Fahne aufgehängt. Foto: Keystone

Serkan Abrecht

Hysterie, sogar Panik hat sich in unserem Land breitgemacht. Seit längerem schon. Aber wir scheinen heute auf dem Höhepunkt zu sein. Das Klima, die Umwelt, die Ausländer, die EU. Jede Partei bewirtschaftet verständlicherweise ihr politisches Gärtchen, aber alle drohen sie uns mit dem Untergang der Nation, ja, der Welt.

Die Grünen prophezeien uns die Apokalypse und kennen als Lösungen in der Umweltpolitik nur Verbote – wie hier in Basel, wo sie die Werbung für Fleisch verbieten möchten. Keine Innovation. Die SP springt auf den Zug auf. Die SVP verbreitet noch immer Angst vor der Zuwanderung, obwohl die grosse Flüchtlingswelle an uns abgeprallt ist, und die FDP wird von den Wirtschaftsverbänden in Richtung EU gepeitscht und beschwört den Wohlstandsverlust, sollten wir nicht mit den grossen Zentralisten Europas paktieren.

Ständig werden einschneidende Veränderungen verlangt. Mehr Einschränkungen, mehr Verbote oder eine komplette staatspolitische Tabula rasa.

Ein offenes Land, eine Heimat

Manch ein Schweizer sucht in diesem Gewirr der politischen Überreizung Halt. Diesen findet er in Bewährtem: in Pragmatismus, Vernunft, Kompromissfähigkeit, Respekt, Dialog und – eidgenössischer Gelassenheit.

Der Bundesfeiertag gibt Anlass, sich wieder an die Worte des grossen Schweizer Denkers und Dichters Gottfried Keller zu erinnern, dessen Geburtstag die Nation dieses Jahr zum 200. Mal feiert: «Lasst uns am Alten, so gut es ist, halten. Doch auf altem Grund Neues schaffen zu jeder Stund.» Lasst in der Politik wieder mehr Vernunft walten. Der Diskurs um die Zukunft ­unseres Landes, des grössten unter den kleinen Ländern, sollte ein Diskurs des «Wollens» und nicht des «Sollens» sein.

Die Politik soll das Volk fragen, was es will, und ihm nicht sagen, was es tun soll. Politiker sollen nicht ständig nach fundamentalen Reformen schreien, obwohl es uns in unserer individuellen, vielfältigen und politisch emanzipierten Gesellschaft prächtig geht. 2019: Es ist schön, Schweizer zu sein. Denn wie der Schriftsteller Adolf Muschg sagte: «Es ist kein absurder Gegensatz, in einem offenen Land zu leben und in einem Land, das Heimat ist.» Und Gottfried Keller sagte den tiefgründigen Satz: «Achte jedes Menschen Vaterland, aber das deinige liebe.»

Basler Zeitung

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