«Es besteht ein deutlich erhöhtes Rückfallrisiko»

Zweiter Prozesstag gegen Peter Hans Kneubühl: Die Gutachterin hält ihn für schuldunfähig und spricht sich für eine Therapiemassnahme in einer geschlossenen Umgebung aus. Auch Kneubühl will wissen, warum.

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Chantal Hebeisen

Als Peter Hans Kneubühl mit seinem Verteidiger den Gerichtssaal betritt, wirkt er richtig gelöst. «Guten Morgen miteinander», grüsst er alle freundlich und setzt sich. Dabei sagt heute eine Gutachterin aus, deren Befund Kneubühl rundweg ablehnt. Denn die psychiatrische Sachverständige, Anneliese Ermer, Professorin für Forensische Psychiatrie an der Universität Bern, ist der Meinung, dass Kneubühl von einem Wahn besessen ist und darum nicht zurechnungsfähig.

Anfänge einer Verschwörungstheorie: Die Schwester habe ihn denunziert

Schon in der Schule habe er als «unauffälliger Junge einzelgängerische Tendenzen gezeigt», habe er ihr erzählt. In Zürich habe Kneubühl verschiedene Therapiegruppen besucht. «Darin ging es darum, die Beziehung zwischen den Menschen zu verbessern», so die Worte des Angeklagten. Kneubühl interessiert sich in dieser Zeit für diverse Hilfsprojekte, arbeitet nicht mehr als Ingenieur, sondern als Lehrer. Aber mit einer Verhaftung 1992 endet, so sieht er es auch selber, «sein altes Leben». Von da an fühlt er sich verfolgt, lebt «mehr oder weniger im Untergrund», auch wenn er sich weiterhin an «Projekten» beteiligt.

Die Festnahme sei ihm lange unerklärlich gewesen. Heute aber wisse er, dass er schon 1985 von seiner Schwester denunziert worden sei. Sie habe im Rahmen einer Psychotherapie herausgefunden, dass sie von ihren Eltern und einem Bekannten sexuell missbraucht wurde. «Aus meiner Sicht stimmt das nicht», sagt er. Doch die Eltern seien natürlich verunsichert gewesen durch die Aussage der Schwester. Es folgt eine Entfremdung. Die Schwester zieht in den 1990er-Jahren nach Frankreich. Sie habe sich so gut wie gar nicht mehr um die Eltern gekümmert, so Kneubühl. Nach dem Tod der Eltern wohnt er im Haus, das an beide vererbt worden ist. Er habe sich um alles gekümmert, die Schwester habe nur gefragt, wie es um die Finanzen stehe. 2005 folgt dann die Erbschaftsklage durch die Schwester.

«Er sprach zunächst von Mord»

Für sie besteht kein Zweifel: Kneubühls Welt sei ein «psychopathologisch wahnhaftes Erleben». Anneliese Ermers Eindruck: «Sein Bewusstseinszustand in unseren Gesprächen war klar und wach. Seine Orientierung voll erhalten, Aufmerksamkeit, Auffassungsvermögen und Konzentrationsfähigkeit ungestört. Es gibt keine grundlegenden Gedächtnisstörungen.» Und schon aufgrund seiner schulischen Ausbildung liege seine Intelligenz im oberen Normbereich. Das zeigten auch seine Schriften.

Aber Kneubühl sei darauf eingeengt, die Hintergründe der Ereignisse vom 8. bis 17. September 2010 aufzuzeigen. «Aus seiner Sicht lassen sie sich bis in die 90er-Jahre zurückverfolgen. Es beginnt mit der Psychotherapie seiner Schwester. Mit ihrem Vorwurf, es sei über Jahre hinweg in der Familie zu inzestuösen Handlungen gekommen. Das habe dazu geführt, dass die Eltern und ein Freund der Familie sowie im Rahmen des Erbschaftsprozesses Kneubühl selbst beschuldigt worden sei.

Kneubühl führt die ganze Katastrophe zurück auf jene Psychotherapie-Technik zurück, die zum Ziel hat, verdeckte Erinnerungen wach zu rufen – vor allem Erinnerungen an sexuelle Übergriffe. Diese Therapie-Bewegung verknüpft er mit der Frauenbewegung. Sein Freund sei wegen dieser Bewegungen gestorben. Professorin Ermer: «Er sprach zunächst von Mord. Doch dann gab er zu, dass sich der Freund selbst umbrachte.»

25 Jahre ein «Verfolgter»

Seit Mitte der 80er-Jahre sieht Kneubühl sein Leben als kafkaesken Albtraum: Denunziation, Verhaftungen, Flucht, «Untergrund», Kündigung. Das meiste ist eingebildet. Er spricht davon, dass man ihm die Stelle weggenommen habe, dabei kündigte er sie selber. Und dass er von der Polizei festgenommen, schlecht behandelt und dann in Burgdorf ohne Grund vor Gericht gestellt worden sei – davon findet die Gutachterin nichts in den Akten.

«Kneubühls Aussagen machen ein Denken deutlich, das inhaltlich von Wahn gekennzeichnet ist», erklärt Ermer. «Er sieht sich verfolgt durch eine korrupte Polizei und Justiz. Er ist felsenfest von der Richtigkeit seiner Aussagen überzeugt und nicht in der Lage, eine andere Sichtweise einzunehmen. Allfällige Hinweise auf ein Leben, das anders sein könnte, werden von ihm als nicht zutreffend abgetan.»

Dazu passt etwa, dass er glaubt, sein Haus sei am Tag des Polizeieinsatzes durch den zur Beobachtung eingestzten Roboter zerstört worden. Und nicht durch die Sprengung der Tür und seine Schüsse. Anneliese Ermer: «Als man ihm Fotos zeigte, die ein anderes Bild zeigten, äusserte er zwar Verwunderung, hielt aber an seinen Wahrnehmungen fest. Das Verkennen der Realität hat zwar eine reale Quelle, die aber den Wahnwahrnehmungen angepasst wird.»

«Denkbar, dass er einst Schuldgefühle hatte»

Überhaupt ist Kneubühls Zustand verhältnismässig beherrscht. «Zum Zeitpunkt der Begutachtung war die Wahndynamik schwach ausgeprägt», so Ermer. Angst habe er beim Polizeieinsatz keine gehabt. Er befand sich ja in einem Krieg, in dem es galt, sein Leben zu verteidigen. Keine Halluzinationen, keine Ich-Störungen, die Stimmung weitgehend ausgeglichen, weder Euphorie, noch depressive Stimmung oder Selbstmordabsichten. Der Mann ist offenbar die Ruhe selbst.

Entsprechend ist die Diagnose der Professorin: wahnhafte Störung. Ein Wahnsystem, das keine völlig unmöglichen oder kulturell inakzeptablen Vorstellungen beinhaltet. «Aus meiner Sicht ist die Wahnentwicklung auf die frühen 1990er-Jahre, wenn nicht früher, zu datieren. Das Ausmass ist schwer zu beschreiben, da es durch die Wahnwahrnehmungen zu einer Beeinträchtigung des sozialen und privaten Lebens gekommen ist.» Kneubühl musste die Wohnung aufgegeben, lebte in Armut, musste auf ein normales Alltagsleben verzichten.

Die Psychiaterin vermutet einen realen Ausgangspunkt für den Wahn. «Ein Erlebnis von Schuld, Kränkung, Ausgrenzung.» Tatsächlich habe die Schwester Inzestvorwürfe erhoben, wie ein Einvernahmeprotokoll zeige. Ob der sexuelle Missbrauch stattgefunden habe, sei unklar. «Es ist denkbar, dass diese Behauptungen Kneubühl in einen tiefen Konflikt gestürzt haben, dass er Schuldgefühle hatte. Vor allem dafür, dass er sich nicht früher für seine Eltern eingesetzt habe.»

«Wenn nicht ein Wunder geschieht, ist das der letzte Tag meines Lebens»

Doch was sagt das über Kneubühls Schuldfähigkeit in diesem Prozess, in dem ihm immerhin versuchte vorsätzliche Tötung von Polizisten vorgeworfen wird? Kneubühl bestätigt, dass er im Vorfeld über die Besichtigung informiert gewesen sei, auch dass diese notfalls mit Hilfe der Polizei durchgesetzt würde. Er schrieb Briefe, in denen er warnt: Wenn nicht ein Wunder geschehe, werde der 8. September 2010 der letzte Tag seines Lebens sein.

Seine psychische Verfassung sei zu jenem Zeitpunkt geprägt von Verbitterung und Resignazion, so Ermer. Er rechnet mit einem «Angriff» und seinem Tod. Er hat nichts mehr zu verlieren. Verbarrikadiert und mit einsatzbereiten Schusswaffen sitzt er in seinem Haus. Und als die Polizei die Türe gewaltsam zu öffnen versuchte, schiesst er. Dass die Polizisten – «gefährliche Typen, übernervös und aggressiv», wie er findet – seine Fenster zerstört und mit Maschinenpistolen geschossen hätten, trifft laut Polizeiberichten nicht zu. Trotzdem sieht Kneubühl sein Haus am Abend jenes Tages wie eine zerstörte Ruine nach einem kriegerischen Angriff.

«Er zeigt keinerlei Therapiebereitschaft»

Nun aber sitzt Kneubühl vor Gericht. Was soll mit ihm geschehen? «Er kann grundsätzlich Recht von Unrecht unterscheiden, und seine Taten lassen einen hohen Planungsgrad wahrnehmen», erklärt Ermer. «Allerdings sind in seiner eigenen, irrealen Welt die normativen Wahrnehmungen ausser Kraft gesetzt. Er leidet unter fehlender Einsichtsfähigkeit, damit ist er aus forensisch-psychiatrischer Sicht schuldunfähig.»

Besteht ein Rückfallrisiko? «Ungünstig ist, dass die Wahnvorstellungen schon lange anhalten. Ungünstig ist auch, dass er keinerlei Einsicht zeigt. Und auch keine Therapiebereitschaft.» Ihr Fazit ist klar: «Es besteht ein deutlich erhöhtes Rückfallrisiko, wenn sich Herr Kneubühl erneut in ähnlicher Situation befindet. Wenn er sich in irgend einer Form bedrängt fühlt.»

Darum schlägt sie eine stationäre Massnahme vor, die unter geschlossenen und gesicherten Bedingungen durchgeführt werden müsse. «Die Motivierung zu einer Behandlung werde aber alleine schon eine Menge Zeit in Anspruch nehmen.» Richter Gross wendet ein, dass Kneubühl bereits eine körperliche Untersuchung und eine Computertomographie verweigert habe: «Hat er dies begründet?» – «Er fand es nicht nötig», antwortet die Expertin.

Doch ist die wahnhafte Störung schon auf dem Zenit oder wird sie noch schlimmer, fragt das Gericht. Ermer ist überzeugt: «Sie hat ihr Maximum schon erreicht.» Ob Kneubühl in diesem Zustand überhaupt in der Lage sei, sich selbst zu verteidigen, fragt der Staatsanwalt. «Vom Intellekt her ja», glaubt die Gutachterin. «Das Problem ist, dass er aufgrund der wahnhaften Störung den Prozessgegenstand nicht realitätsgerecht erkennt. Er kann daher seine Rechte aus meiner Sicht nicht adäquat wahrnehmen.»

«Wie erklären Sie die Panikattacken meiner Schwester?»

Jetzt schaltet sich der Angeklagte selbst ein: «Das, was Sie jetzt gesagt haben, ist schon ein bisschen dürftig», tadelt er Anneliese Ermer – und wird vom Richter zurechtgewiesen: «Sie kommentieren. Es geht hier darum, Fragen zu stellen.» Kneubühl richtet sich wieder an Ermer: «Ich wurde von meiner Schwester angeklagt, dass ich sie vergewaltigt habe. Ich habe das in einem Arztzeugnis gelesen.»

Psychiaterin Ermer korrigiert: «Im Arztzeugnis steht nur etwas von Panikattacken. Wir haben das doch zusammen angeschaut. Das muss nicht mit einer Vergewaltigung zusammenhängen.» – Kneubühl: «Wenn meine Schwester mit mir zusammen in einem Raum sitzt, erleidet sie wegen meiner Anwesenheit Panikattacken. Wie erklären Sie das anders, als dass ich sie vergewaltigt habe?» – «Das kann mit anderen Ängsten zusammenhängen», sagt die Psychiaterin.

«Aber fast alle Menschen sind doch schuldfähig?»

Als suche er Entlastung, fragt Kneubühl weiter: «Das stimmt. Doch wenn der Inzestvorwurf da ist, muss man bei den Panikattacken nicht von Vergwaltigung auszugehen?» Ermer antwortet: «Das wäre spekulativ, da müsste man Ihre Schwester befragen.» Da ist Kneubühl bereits bei der nächsten Verschwörung: «Wer hat meine Diagnose gestellt: Sie oder jemand anders? Dieselbe Diagnose wurde mir einst von meiner Schwester und dann von einem Richter gestellt. Haargenau gleich. Gab es eine Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Frank Urbaniok? Schrieb er das Gutachten?»

Ermer antwortet ruhig: «Ich schrieb das Gutachten allein», erklärt sie. «Wenn Ihre Schwester oder ein Anwalt sagten, dass Sie wahnhafte Vorstellungen hätten, ist das noch kein Gutachten. Offensichtlich hat die Beschreibung dessen, was vorgefallen ist, den Anschein gehabt, dass Ihr Verhalten nicht als normal zu klassifizieren ist. Frank Urbaniok vom Psychiatrisch-Psychologischen Dienst in Zürich kenne ich, aber fachlich habe ich mit ihm nichts zu tun.»

Kneubühl zögert: «Jetzt muss ich überlegen, was ich sagen soll.» Er lacht. Dann sagt er: «Sie attestieren mir Schuldunfähigkeit – aber fast alle Menschen sind doch schuldfähig?» Anneliese Ermer erklärt ihm: «Jeder, der volljährig ist, ist schuldfähig. Aber das kann infolge von Störungen beeinträchtigt oder aufgehoben sein. Wenn bei einer Straftat das Handeln nicht realitätsbezogen ist, wenn die Einsicht aufgehoben ist, fragt man nicht nach der Steuerungsfähigkeit.»

«Warum bin ich der Psychopath, aber meine Schwester nicht?»

«Ich habe doch noch Tausende Fragen», macht Kneubühl weiter. «Warum haben viele Täter die genau identische Diagnose wie ich, Wort für Wort?» – «Das liegt daran, dass die Psychotherapeuten mit Manuals arbeiten», sagt Ermer. Kneubühls Frust steigt: «Ich habe Mühe zu verstehen, dass ich der Psychopath bin und meine Schwester die Normale. Wenn eine sagt, sie werde von der halben Welt vergewaltigt. Warum ist Kritik an ihrer Therapie eine Wahnidee, aber sie, die aufgrund dieser Therapie Anschuldigungen aufstellt, leidet nicht unter Wahnideen?» – «Die Kritik an der Therapie ist kein Wahn», gesteht ihm die Psychiaterin zu. «Man weiss, dass sie zu falschen Erinnerungen führen kann. Ich kann einfach nicht beurteilen, ob Ihre Schwester an Wahnideen leidet.»

Kneubühl fragt weiter, Kneubühl schweift weiter ab. Es sei eben ein grosses Thema, sagt er dem mahnenden Richter immer wieder. Irgendwann ist auch Kneubühl zermürbt. Auf eine Frage des Richters murmelt er etwas Unverständliches und sagt dann deutlich: «Ich brauche jetzt eine Pause.»

baz.ch/Newsnet

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