Eine neue Stadt Lugano

Im vergangenen Jahr stieg die Bevölkerung der Schweiz um 62'600 Personen.

Dicht besiedelt. Lugano, die grösste Stadt des Kantons Tessin, zählt knapp 64'000 Einwohner.

Dicht besiedelt. Lugano, die grösste Stadt des Kantons Tessin, zählt knapp 64'000 Einwohner.

(Bild: Keystone)

Beni Gafner@Tamedia

Seht her, alles halb so schlimm. Nach dem Ja einer Ständemehrheit und einem knappen Volksmehr zur SVP-Zuwanderungsinitiative von 2014 und deren Nichtumsetzung im Parlament wirken die offiziellen Mitteilungen zum Bevölkerungswachstum regelmässig wie Rechtfertigungen fürs Nichtstun. Das Bevölkerungswachstum erfolge deutlich weniger stark als bisher, lautet auch die neuste Meldung aus Neuenburg, dem Sitz des Bundesamts für Statistik. Sie kam am Freitag. Ursache für den geringen Zuwachs im Jahr 2017 von nur gerade 0,7 Prozent sei eine massiv rückläufige Zuwanderung, liessen die Bundesstatistiker wissen. So sei die Einwanderung um zehn Prozent zurückgegangen. Der Wanderungssaldo habe gar um 28 Prozent abgenommen und erreiche den tiefsten Wert seit 2006.

Die Sorgen einer knappen Mehrheit der abstimmenden Bevölkerung im Februar 2014 und von 14,5 Ständen über eine 10-Millionen-Schweiz, sie wirken wie weggeblasen. Wäre da nur nicht die neue Rekordzahl von 8'482'200 Personen. So viele lebten Ende 2017 offiziell in der Schweiz; eine Gesamtzahl, die Leser der offiziellen Medienmitteilung aus dem Bundesamt für Statistik zuerst selber errechnen müssen. 8'482'200 Männer, Frauen und Kindern ergibt im Vergleich zu Ende 2016 ein Plus von 62'600 Personen. Das Bevölkerungswachstum in der Schweiz erreichte somit auch im vergangenen Jahr die Grösse einer Stadt wie Lugano.

Geringer Effekt durch Geburten

Dieses Plus ergibt sich nicht alleine aus der Zuwanderung, wohl aber zur Hauptsache. Denn der Geburtenüberschuss, für den 2017 vorab ausländische Bevölkerungsschichten sorgten, sank letztes Jahr um 19,7 Prozent. Er trug nur geringfügig zum Wachstum insgesamt bei. Hinzu kommt, dass die derzeit deutlich wachsende Wirtschaft bereits ab dem laufenden Jahr für eine klar höhere Zuwanderung in den Schweizer Arbeitsmarkt sorgen dürfte als in den letzten Jahren. Davon geht jedenfalls die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich aus. Die Schweiz am Wochenende wertet dies mit Verweis auf Aussagen von KOF-Arbeitsmarktspezialist Michael Siegenthaler als Trendwende. Zwischen 2013 und 2017 sank die Nettozuwanderung nämlich auf noch gut 53'000 Menschen. In diesem Jahr dürften nun netto wieder deutlich mehr einwandern. Siegenthaler nennt fürs laufende Jahr eine Plus-Spanne von 5000 bis 15'000 Menschen. Das wären beim unteren Szenario 58'000, beim oberen 68'000, netto.

Die KOF der ETH Zürich geht davon aus, dass im laufenden Jahr bis zu 75'000 neue Stellen geschaffen werden. Von 2002 bis 2017 kamen mehr als 850'000 Erwerbstätige dazu. Mit diesem Jobwachstum steche die Schweiz im internationalen Vergleich hervor, beobachtet die Schweiz am Wochenende. Erstaunlich erscheint dabei, dass sich die massive Zunahme an neuen Arbeitsplätzen keineswegs positiv auf die Arbeitslosenquote auswirkt. Im Gegenteil. 2002 lag diese bei 3,5 Prozent, 2017 betrug die Quote 4,8 Prozent. Über 220'000 Menschen waren Ende 2017 ohne Arbeit, zählten die Statistiker von Neuenburg.

Damit zeichnet sich ab, dass die in manchen Medien als Wundermittel gefeierte Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiave bald einmal auf den Prüfstand kommt. Deren Väter, die FDP-Politiker Kurt Fluri (Nationalrat, SO) und Philipp Müller (Ständerat, AG), versprechen sich mit ihrer Meldepflicht offener Stellen an Arbeitsämter ab einer Arbeitslosenquote von über fünf Prozent bei betroffenen Berufen eine klare Reduktion der Zuwanderung.

Die Rückkehr der Zuwanderungsdebatte auf die politische Agenda ist sicher. Dafür sorgt die SVP mit ihrer laufenden Unterschriftensammlung zur Begrenzungs-Initiative. Die neuen Schlagworte sind dabei die alten: «masslose Zuwanderung» oder «Zuwanderung eigenständig regeln».

Von besonderem Interesse dürfte demgegenüber der bevorstehende Lackmustest für die Parlamentarier Müller und Fluri sein und ihre «pragmatische Umsetzung» der EinwanderungsInitiative. Bringt diese nichts, dürfte die Auswirkung auf die Entscheidfindung des Souveräns offen sein.

Basler Zeitung

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