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Immerhin ein historisches Ereignis

Im Tessin feierten ein paar Dutzend Personen die Blitzwahl ihres neuen Bundesrats. Politisch bleibt der Kanton in Bezug auf Ignazio Cassis gespalten.

Hier flippen die Tessiner in Bern nach Cassis' Wahl aus: Im Restaurant Äusserer Stand feiern die Südschweizer ihren neuen Bundesrat. (Video: TA)

Gerade mal ein Dutzend Personen. Keine Massen. Es sind vorab Pensionäre, die sich am Mittwochmorgen in der Aula Magna des Schulhauses von Montagnola eingefunden haben, als um 8 Uhr die Sitzung der Bundesversammlung beginnt. Sie verfolgen die Wahl auf einer Grossleinwand. Viele kennen Ignazio Cassis persönlich. Seit etlichen Jahren wohnt er gemeinsam mit seiner Frau Paola als Zuzüger in Montagnola, berühmt als einstiges Domizil des Schriftstellers Hermann Hesse und inzwischen Teil der fusionierten Gemeinde Collina d’Oro.

«Es ist höchste Zeit, dass wieder ein Vertreter der italienischen Schweiz in den Bundesrat kommt», sagt Bruna Bernasconi, die in der ersten Reihe Platz genommen hat. «Ich bin ein wenig aufgeregt», fügt sie an. Die Aufregung legt sich bald. Denn es geht alles so schnell, dass praktisch keine Zeit zum Fiebern bleibt.

Gegen 9 Uhr füllt sich der Saal, vor allem dank dreier Primarschulklassen, der Lärmpegel steigt entsprechend. «Unsere Lehrerin hat uns erklärt, was passiert», sagt die 10-jährige Julia. Ein neuer Bundesrat werde gewählt. Und wohl ein Ticinese. Immerhin ein historisches Ereignis. Fast 31 Jahre liegt es zurück, dass der letzte Tessiner Bundesrat, Flavio Cotti, gewählt wurde. Das war im Dezember 1986. Und seit seinem Rücktritt 1999 war die italienischsprachige Schweiz nicht mehr in der Landesregierung vertreten.

«Eigentlich zu früh für Champagner»

Als um 9.16 Uhr das Ergebnis des zweiten Wahlgangs bekannt wird, sind die Emotionen und der Tumult gross. Auch Tränen werden vergossen. Journalisten stürzen sich auf die anwesenden Behördenvertreter und Bürger. Die Antrittsrede von Ignazio Cassis mit seiner Aussage, «ein Schmied der Schweiz» sein zu wollen, geht dabei praktisch unter. Die Schülerinnen und Schüler ziehen ab.

Flaschen werden entkorkt. «Eigentlich viel zu früh für Champagner», meint Giorgio Cattaneo (FDP), «aber es ist ja auch ein aussergewöhnlicher Tag.» Der stellvertretende Gemeindepräsident von Collina d’Oro hat selbst über Jahre mit Cassis zusammengearbeitet, als dieser Gemeinderat war – das einzige politische Amt, das er je in seinem Heimatkanton besetzt hat. «Er ist eine fabelhafte Person, eine Person, die auch gut zuhören kann», lobt Cattaneo.

Der stellvertretende Bürgermeister Giorgio Cattaneo und Grossrätin Maristella Polli jubeln in der Mittelschule von Montagnola. (Keystone/Samuel Golay)
Der stellvertretende Bürgermeister Giorgio Cattaneo und Grossrätin Maristella Polli jubeln in der Mittelschule von Montagnola. (Keystone/Samuel Golay)

«Ich bin glücklich und stolz», überschlägt sich ihrerseits Maristella Polli, Grossrätin und Präsident der FDP-Sektion Collina d’Oro. Und sie verteidigt die umstrittene Strategie der Tessiner Freisinnigen, auf eine Einerkandidatur zu setzen. Dies habe sich bewährt.

Cassis repräsentiert nicht alle

Ein kurzes Raunen geht durch den Saal, als Lega-Nationalrätin Roberta Pantani am Fernsehen RSI interviewt wird. Dass ausgerechnet die beiden Lega-Vertreter in der Bundesversammlung einen leeren Stimmzettel eingelegt haben, stösst vielen sauer auf. Andererseits zeigt dieses Verhalten deutlich, dass Cassis zwar ein Bundesrat aus dem Tessin ist, aber keineswegs alle Tessiner hinter ihm stehen.

Die Lega stört sich insbesondere an seiner Position zur Personenfreizügigkeit mit der EU und zur Strategie bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative; die Linke stört sich an seinen Positionen in der Sozial- und Wirtschaftspolitik. «Cassis repräsentiert mich nicht», sagte diese Woche noch SP-Kantonalpräsident Igor Righini in einer TV-Debatte.

Die Bundesratswahl in Bildern

«Es ist mir eine Ehre»: Ignazio Cassis übernimmt von seinem Vorgänger Didier Burkhalter das Aussendepartement.
«Es ist mir eine Ehre»: Ignazio Cassis übernimmt von seinem Vorgänger Didier Burkhalter das Aussendepartement.
Peter Klaunzer, Keystone
Gestikuliert vor den Medien: Der neu gewählte Bundesrat Ignazio Cassis spricht an der Medienkonferenz in Bern (12.30 Uhr).
Gestikuliert vor den Medien: Der neu gewählte Bundesrat Ignazio Cassis spricht an der Medienkonferenz in Bern (12.30 Uhr).
Peter Klaunzer, Keystone
War zu später Stunde noch in der Bellevue-Bar anzutreffen: Favorit Ignazio Cassis.
War zu später Stunde noch in der Bellevue-Bar anzutreffen: Favorit Ignazio Cassis.
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Gleichwohl: An diesem Mittwoch überwiegen quer durch alle Parteien generell Freude und Stolz, dass ein Tessiner und damit ein Repräsentant der italienischen Schweiz in den Bundesrat eingezogen ist. «Die Wahl der Bundesversammlung ist ein politischer Akt der Achtung gegenüber den sprachlichen und kulturellen Komponenten der Schweiz», teilt die Kantonsregierung offiziell in einer Medienmitteilung mit. «Ein grosser Tag für das Tessin», so Regierungspräsident Manuele Bertoli (SP).

Die Fahnen werden vertauscht

Deutlich zu spüren ist dieser Stolz in Sessa. Und dies ist kein Zufall. In der 700-Seelen-Gemeinde im Malcantone, nur wenige Schritte von der Grenze zu Italien entfernt, ist der neue Bundesrat mit seinen drei Geschwistern aufgewachsen. Hier sind seine Wurzeln. «Mein Vater soll hupend durchs Dorf gefahren sein, um den ersten Jungen zu feiern», schreibt Cassis in seinem Lebenslauf. Mutter Mariarosa und Schwester Mirna, die für die FDP im Municipio einsitzt, leben nach wie vor dort.

In der Dorfbeiz weiss man, dass die Ursprünge der Familie väterlicherseits in der italienischen Region um Bergamo liegen. Rund 100 Personen kamen auf den kleinen Dorfplatz, um die Wahl im Public Viewing zu verfolgen. Das ganze Dorf ist mit Schweizer Flaggen übersät. «Ich ging mit ihm zur Schule – das ist kaum zu glauben, einfach fantastisch», sagt der sichtlich aufgewühlte Vizegemeindepräsident Giuliano Zanetti. Die Verbundenheit von Ignazio Cassis zu seiner Heimatgemeinde Sessa sei gross, als Musikfreund unterstütze er die Blaskapelle.

Video: «Ignazio ist mein Freund»

Der Tessiner Fabio Käppeli freut sich sichtlich über Cassis Wahl zum Bundesrat. (Video: Lea Koch)

Eher ruhiger geht es in der Kantonshauptstadt Bellinzona zu. Die gesamte politische Elite, darunter vier Regierungsräte, sind nach Bern gereist. Allein die kantonale FDP hat 150 Personen für den Transfer mobilisiert. Um 11.40 Uhr werden von der Burg 26 Kanonenschüsse abgefeuert, danach läuten Kirchenglocken zu Ehren des achten Tessiner Bundesrats.

Vor dem Regierungsgebäude vertauschen zwei Weibel die Tessiner und die Schweizer Fahne. «Die wichtigere Fahne muss gemäss Protokoll rechts hängen, und heute ist die Eidgenossenschaft wichtiger als der Tessin», erklärt ein Weibel.

Video: So wurde Ignazio Cassis Bundesrat

Hoffen, warten, feiern: die Wahl in der Übersicht.

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