Doris Fiala boykottiert Roger Köppel

Die Freisinnige hat ein Podium zur Selbstbestimmungsinitiative abgesagt – wegen Köppels «Populismus».

Will «nicht länger Steigbügelhalter für derartigen Populismus sein»: Doris Fiala im Vorzimmer des Nationalrats. (Symbol)

Will «nicht länger Steigbügelhalter für derartigen Populismus sein»: Doris Fiala im Vorzimmer des Nationalrats. (Symbol)

(Bild: Keystone Alessandro della Valle))

Stefan Häne@stefan_haene

Es war wie so oft in den letzten Wochen: ein Kampf um das bessere Argument, ein Ringen um die Lufthoheit in einer demokratiepolitisch gewichtigen Frage. Und doch war etwas anders, als vorletzte Woche je zwei Befürworter und Gegner an einem Podium an der Universität St. Gallen über die Folgen der Selbstbestimmungsinitiative stritten. Auf der gegnerischen Seite fehlte, ohne dass es das Publikum bemerkt hätte, die Wunschkandidatin der Veranstalter: Doris Fiala.

Hassgefühle erlebt

Die Zürcher FDP-Nationalrätin hatte ihren Auftritt frühzeitig abgesagt, wie sie auf Anfrage bestätigt. Der Grund hat auch einen Namen: Roger Köppel. Der SVP-Nationalrat weibelt für ein Ja von Volk und Ständen am 25. November. Wie er das tut, ist umstritten. Köppel – brillanter Debattierer mit hehren Absichten oder finsterer Populist ohne Skrupel? Oder eine Mischung davon?

Fiala jedenfalls erklärte den Veranstaltern, sie wolle «nicht länger Steigbügelhalter für derartigen Populismus sein». Sie verstehe zwar, dass Köppel für solche Anlässe attraktiv sei, da er Säle fülle, sie aber habe Bedenken, Teil solcher Veranstaltungen zu sein. «Ich weiss aus Erfahrung, welche Polemik und Emotionen im Publikum bei schwerwiegenden Debatten entstehen können», sagt Fiala. Bereits mehrmals habe sie extrem negative Schwingungen, ja geradezu Hassgefühle erlebt. Gewiefte Politiker könnten solche Stimmungen zusätzlich schüren. Es gehe ihr gerade bei der Selbstbestimmungsinitiative jedoch darum, «möglichst fundiert zu argumentieren». Sie wolle keine Plattform bieten für verbale Grobheiten, mögen diese auch in noch so brillante Rhetorik verpackt sein.

«Ihr fehlen die Argumente»

Köppel entgegnet, er erlebe das heimische Publikum ganz anders: als sehr mündig und kritisch. Er habe nie das Gefühl gehabt, dass er dort etwas «schüren», also anheizen könne. Fialas Bedenken hält er für eine «vorgeschobene Begründung»: «Es fehlen ihr die Argumente. Also hat sie Angst vor einer offenen Diskussion.» Wie Hans-Peter Portmann habe Fiala eine «niedrige Meinung vom Publikum, sprich Volk», denn dieses sei angeblich empfänglich für «Populismus» und «geschürten Hass».

Köppel spielt auf ein Rencontre zwischen ihm und dem FDP-Nationalrat an. Portmann hatte sich letzte Woche im Nachgang zu einem TV-Duell mit dem SVP-Politiker über Anfeindungen aus der «Gefolgschaft» der SVP beklagt, worauf Köppel dem Freisinnigen vorhielt, er habe diese Reaktionen mit seinem «Nazi-Exkurs» in der Sendung selber provoziert – ein Vorwurf, den Portmann zurückweist.

Fiala lobt Vogt

Fehlt es Fiala an Mut zur grossen Debatte? Sie verneint mit Nachdruck. Ein gut geführtes Streitgespräch belaste sie nicht, es bereite ihr sogar einen gewissen Lustgewinn, «wenn es denn respektvoll geführt wird». Anders als Köppel empfinde sie den Vater der Initiative, SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt, in Debatten als hart, aber fair. Köppels Vorwurf, wonach sie eine niedere Meinung vom Volk habe, kontert Fiala so: «Diese Replik sagt mehr über Nationalrat Köppel als über mich selbst aus.» So zahlreich, wie sie sich öffentlichen Debatten stelle, sei sie zuversichtlich, dass die Bevölkerung sie bestens beurteilen könne.

«Fialas Absage ist nicht optimal. Es ist immer gescheiter, sich den Diskussionen zu stellen.»Michael Hermann, Politologe

Wie beurteilen Politologen den Fall? Michael Hermann hält Fialas Absage für «nicht optimal». «Es ist immer gescheiter, sich den Diskussionen zu stellen», sagt der Politgeograf. Er könne Fiala zwar bis zu einem gewissen Grad verstehen, würden solche Streitgespräche doch nicht selten zu Boxkämpfen stilisiert. «Und das ist zweifelsohne eine Spezialdisziplin von Roger Köppel.» Für Politiker, die einen anderen Stil pflegen und in dieser Disziplin weniger zu punkten wüssten, könne das frustrierend sein, so Hermann. «Doch auch wenn man schon im Voraus ahnt, dass man den Showkampf nicht gewinnen kann, lohnt es sich, sich in den Dienst der Sache zu stellen.»

Der Berner Politologe Marc Bühlmann ergänzt, die Konkordanzkultur in der Schweiz sei sich eher eine deliberative, also konsensorientierte Debatte gewohnt. Entsprechend gebe es immer auch ein Publikum, das von schrillen Tönen eher abgeschreckt werde und sich ernster genommen fühle, wenn Argumente ausgetauscht würden.

Jene, die am 17. Oktober das Podium mitverfolgt haben, kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen. Die einen fanden es überaus engagiert und heben Köppels rhetorische Fähigkeiten hervor, die anderen sprechen von einem unangenehmen Abend, da namentlich Köppel, aber auch sein Mitstreiter Vogt das Auditorium mit einem Bierzelt verwechselt hätten.

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