Die SVP machts wie Fidel Castro

Die Kampagnenleiter der Volkspartei sind nicht die Ersten, die ihre Gegner mit Gewürm vergleichen.

«Die Revolution weiss, wie man die Würmer vernichtet»: Fidel Castro am 2. Januar 1961 auf dem Platz der Revolution in Havanna. Foto: PD

«Die Revolution weiss, wie man die Würmer vernichtet»: Fidel Castro am 2. Januar 1961 auf dem Platz der Revolution in Havanna. Foto: PD

Sandro Benini@BeniniSandro

Ein von Würmern zerfressener Apfel. Wie mittlerweile hinlänglich bekannt, hat die SVP mit ihrem skandalumwitterten Wahlkampfsujet auf die Bildsprache des Nationalsozialismus zurückgegriffen. Denn im Nazi-Hetzblatt «Der Stürmer» erschien 1931 eine Zeichnung, auf der als Würmer dargestellte Juden aus einem Apfel kriechen. Als SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi in der Diskussionssendung «SonnTalk» damit konfrontiert wurde, sagte er: «Das habe ich nicht gewusst.»

Das mag auf Aeschi zutreffen. Aber dass sich kein an Gestaltung, Auswahl und Billigung der Zeichnung beteiligter SVP-Exponent, nicht einmal der historisch versierte Christoph Blocher, bewusst gewesen sein soll, aus welcher Kloake man da ikonografisch schöpfte – das ist sehr unglaubwürdig.

«Deshalb tun die Würmer mithilfe des Imperialismus alles, um das Vaterland zu zersetzen (...), sie mühen sich, dass aus dem Vaterland Fäulnis und Schlick wird.»Fidel Castro, kubanischer Revolutionär

Die Kampagnenleiter der Schweizer SVP sind allerdings nicht die Ersten, die den Wurmvergleich trotz dessen Nazivergangenheit einsetzen. Der kubanische Revolutionär Fidel Castro hat das auch getan, und zwar exzessiv und systematisch. In einer Rede zum zweiten Jahrestag der kubanischen Revolution sagte Castro im Januar 1961 auf der Plaza de la Revolución in Havanna: «Aber die Würmer konnten sich nicht ergeben. Deshalb tun die Würmer mithilfe des Imperialismus alles, um das Vaterland zu zersetzen (...), sie mühen sich, dass aus dem Vaterland wieder Fäulnis und Schlick wird. Die Würmer, die Privilegierten, die Parasiten und Söhne der Parasiten, welche die schändliche Flagge des Verbrechens und des Landesverrates hissen wollen, werden nicht gegen Weicheier kämpfen, sondern gegen Männer.» Insgesamt brauchte Castro das Wort «gusanos» (Würmer) während der Rede 24-mal.

Der freie Wurm

«Gusanos», «gusanera» (etwa: Wurmwesen) sowie «escoria» (Abschaum) waren die gebräuchlichen Wörter, mit denen Castro und andere Anführer der kubanischen Revolution jahrzehntelang all jene verunglimpften, die vor der Diktatur nach Miami ins Exil geflüchtet waren und sich dort konterrevolutionär betätigten. Schon bald jedoch wurde aus «gusano» etwas, was man in der Linguistik «Trotzwort» nennt. Vielleicht wurde dies durch die kubanischen Nationaltugenden Humor und Selbstironie beflügelt, oder dadurch, dass die Erinnerung an Nazideutschland in jener Weltregion weniger präsent ist. Jedenfalls wandelten die Geschmähten Castros Beleidigung in ein Kompliment um und begannen, «gusano» für sich selber zu verwenden.

Eine 1962 von Exilkubanern und der CIA lancierte konterrevolutionäre Geheimaktion auf der Insel – eine jener vielen, die noch folgen sollten – trug den Codenamen «el gusano libre», der freie Wurm. Der in Miami angesiedelte anticastristische Propagandasender par excellence, Radio Martí, beschrieb in einem Beitrag den Einfluss der kubanischen Exilgemeinde als «Macht der Würmer». Eine Anti-Castro-Gruppierung in Miami schuf ein Signet mit einem Wurm in den kubanischen Nationalfarben und der Aufschrift «Gusano 100%». Und der amerikanische Filmemacher und Schriftsteller John Sayles betitelte seinen in der kubanischen Exilgemeinde von Miami angesiedelten Roman mit «Los Gusanos».

Dass man es im deutschsprachigen Raum weniger locker nimmt, wenn eine Partei ihre Gegner mit Gewürm gleichsetzt, ist berechtigt. Aber Linke, die das SVP-Sujet verurteilen und früher Fidel Castro bejubelt haben oder ihm noch heute ein ehrendes Andenken bewahren, setzen sich dem Vorwurf der Heuchelei aus.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt