Die Suva ist das falsche Vorbild

Die Initianten der Einheitskasse erhoffen sich vom Wegfall des Kassenwettbewerbs tiefere Verwaltungskosten. Dass sie allerdings mit dem Beispiel der Suva werben, erscheint fragwürdig.

Die umstrittene Frage: Wie stark sinken die Gesundheitskosten mit einer Einheitskasse? Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die umstrittene Frage: Wie stark sinken die Gesundheitskosten mit einer Einheitskasse? Foto: Christian Beutler (Keystone)

Markus Brotschi@derbund

Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) dient den Initianten der Einheitskasse als Vorbild. Die Suva, die für die Industriebranche und das Bau­gewerbe ein gesetzliches Monopol hat, könne sich um die gute und effiziente Behandlung der Patienten kümmern, statt sich wie die Krankenkassen einen teuren «Pseudowettbewerb» mit Konkurrenten zu liefern. Mit einer öffentlichen Krankenkasse liessen sich pro Jahr 300 bis 350 Millionen Franken sparen, sagt SP-Vizepräsidentin Jacqueline Fehr. Das entspricht einem Viertel der Verwaltungskosten, die die rund 60 Krankenkassen heute für die Grundversicherung aufwenden. Insgesamt belaufen sich die Verwaltungskosten der Krankenkassen auf 1,24 Milliarden oder rund 5,5 Prozent der Nettoprämien (2012).

Die Verwaltungskosten der Suva sind jedoch fast doppelt so hoch. Der Mittelwert für Berufs- und Nichtberufsunfallversicherung liegt bei 10,8 Prozent. Für Stefan Felder, Professor für Gesundheits­ökonomie an der Uni Basel, ist die Suva deshalb kein Vorbild. Felder hält deren Verwaltungskosten für hoch. Die Tatsache, dass die Suva – im Gegensatz zur Krankenversicherung – nur 30 Prozent ihrer Leistungen für Heilungskosten aufwenden müsse, liesse tiefere Verwaltungskosten erwarten, sagt Felder. Denn das Ausrichten von Renten, Taggeldern und Kapitalleistungen – 70 Prozent der Suva-Leistungen – erfordere weniger ­administrativen Aufwand als das Begleichen von Heilungskosten.

Die Krankenkassen müssen ausschliesslich für Heilungskosten aufkommen. Dazu kommt laut Felder, dass die Kassen mit einem viel höheren Schadensrisiko konfrontiert seien. Sie hätten mehr administrativen Aufwand als die Suva, da sie mehr Fälle zu bearbeiten hätten. Die Suva habe 2012 nur bei einem Viertel der Versicherten einen Schadensfall verzeichnet. Hingegen hätten 80 Prozent aller Versicherten der Krankenkasse mindestens einen Schadensfall gemeldet.

Suva besser als Private?

Die Suva weist darauf hin, dass sich die Aufgaben einer Krankenkasse und einer Unfallversicherung grundlegend unterschieden. Die Suva diene deshalb «weder als Beispiel für eine Einheitskasse noch dagegen». Die Aufgabe der Krankenkassen bestehe darin, Rechnungen für Heilungskosten zu kontrollieren und den Patienten das Geld zurückzuerstatten. Gesetzliche Unfallversicherer wie die Suva betreuten Verunfallte sowie an Berufskrankheiten Leidende bei Heilung, Wiedereingliederung und Rehabilitation. Zudem müssten die Unfallversicherer für ihren Bereich Invalidenrenten ausrichten. Deshalb sei es falsch, zu meinen, die Verwaltungs­kosten müssten bei der Suva tiefer sein als bei der obligatorischen Krankenversicherung, sagt Suva-Sprecher Takashi Sugimoto.

Zumindest gegenüber den privaten Unfallversicherern, die in den Branchen ausserhalb des Suva-Monopols tätig sind, schneidet die Suva gut ab. Die ­Privaten weisen einen Verwaltungskostenanteil von rund 18 Prozent aus. Allerdings sind auch die Versicherungs­prämien bei den Privaten tiefer, weil die versicherten Branchen ein geringeres Unfallrisiko aufweisen. Dies relativiert laut Felder den höheren Verwaltungskostenanteil gegenüber der Suva.

Franz Steinegger als Kronzeuge

Felder hält die Hoffnung, mit dem Wegfall der Konkurrenz sänken die Verwaltungskosten der Krankenversicherung, für verfehlt. Er erklärt die seiner Ansicht nach zu hohen Verwaltungskosten der Suva damit, dass beim Teil­monopolisten kein echter Druck auf effiziente Verwaltung bestehe. «Der ­paritätische Verwaltungsrat weiss, dass es sich im Teilmonopol gut leben lässt.» Noch problematischer wäre es laut Felder bei der Einheitskasse. Dort sässen laut Initiativtext die Leistungserbringer – Ärzte, Spitäler – mit im Verwaltungsrat.

Auch Gesundheitsminister Alain Berset bezweifelt, dass eine Einheitskasse die Verwaltungskosten massgeblich senken könnte. So bezifferte er die heutigen Ausgaben der Krankenkassen für Werbung und Kundenaquisition auf gut 80 Millionen Franken pro Jahr. «Das Sparpotenzial bei den Verwaltungskosten dürfte also relativ gering sein», sagte der SP-Bundesrat im Juni.

Den Initianten dient als Kronzeuge der frühere FDP-Präsident Franz Stein­egger. Dieser sagte 2009 als Suva-Präsident, das «Suva-System» könnte Vorbild für die Krankenversicherung sein. Die Kassen veranstalteten einen «Pseudowettbewerb». Steinegger, bis Ende 2013 Suva-Präsident, steht weiter hinter diesen Aussagen. Daraus lasse sich aber nicht ableiten, dass er die Initiative für eine öffentliche Krankenkasse unterstütze, sagt Steinegger. Die beiden Sozialversicherungen seien zu verschieden.

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