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Die Schweiz muss aufrüsten

Warum uns das Attentat auf «Charlie Hebdo» in Paris über den eidgenössischen Wehrwillen nachdenken lassen sollte. Ein Kommentar.

Wehrhaft für die eigenen Werte: Wenn es brenzlig wird, sollte die Schweiz Angreifern etwas entgegenzusetzen haben. Hier sprengen Schweizer Grenadiere beim Häuserkampf eine Türe.
Wehrhaft für die eigenen Werte: Wenn es brenzlig wird, sollte die Schweiz Angreifern etwas entgegenzusetzen haben. Hier sprengen Schweizer Grenadiere beim Häuserkampf eine Türe.
Keystone

Vor neun Jahren, als ich in Aarau den Infanterie-Leutnant abverdiente, trainierten wir in der Verlegung auf dem Hauenstein Tag und Nacht dasselbe Szenario: Eine paramilitärische Guerilla-Truppe stürmt ein Dorf, besetzt es, unterdrückt die Bevölkerung, richtet Trainingscamps ein. In Europa, so die simulierte Grosswetterlage, waren soziale Unruhen ausgebrochen, die auch auf unser Land überschwappten. Weil sich die Polizeikräfte ausserstande sahen, die Lage unter Kontrolle zu bringen, wurde die Armee zur Hilfe gerufen.

Unzählige Male sassen wir also in unseren Schützenpanzern und warteten auf den Befehl, die schwer bewaffneten «Artroc», wie sie damals genannt ­wurden, aus unserem Territorium zu vertreiben. Der Kampf fürs Vaterland, geführt zwischen offenem Gelände, Waldstücken und verwinkelten Häuserzügen, endete jedes Mal mit hohen Verlusten. Zum Glück handelte es sich nur um eine Übung. Und ich hoffe zutiefst, dass es immer nur eine Übung bleiben wird.

Seelenruhige Terroristen

Die blutige Attacke von Paris diese Woche, die einen Angriff auf die fundamentalen Werte der westlichen Gesellschaft bedeutet, stimmt mich leider pessimistisch. Die Einschläge kommen immer näher: Der schlachtende IS an der Grenze zur Türkei, Annexion der Krim, Krieg in der Ost-Ukraine und jetzt dieser skrupellose Kalaschnikow-Wahnsinn im Nachbarland. Wer die Amateuraufnahmen des Pariser Massakers betrachtet, dem fällt auf, wie selbstsicher und seelenruhig die Terroristen bei ihrem Morden vorgingen. Das macht Angst.

Was haben wir gegen diese massive Gewalt in der Hand? Was folgt als Nächstes? Und: Wann ist die Schweiz an der Reihe? Mit einem mulmigen Gefühl denke ich an den Hauenstein zurück. Wenn ich in den letzten Jahren im Kollegenkreis, einer Runde von Dienstverweigern, von der militärischen Ausbildung berichtete und versuchte, auf potenzielle Gefahren hinzuweisen, befand ich mich jeweils in der totalen Opposition. Man belächelte und belehrte mich: So etwas sei hierzulande «unmöglich», «ausgeschlossen». Man dozierte vom globalen Handel, vom Unsinn, Krieg zu führen. Gefährlich war nur eines: Der Schweizer, der eine Waffe zu Hause hat. Als wären wir ein Volk von Amokläufern.

Die Dekadenz feierte Hochkonjunktur

Stolz wurde das Glas erhoben auf die Leistung, sich der Pflicht entzogen zu haben. Wer will schon das Land verteidigen? «Das sollen die tun, die das wollen», so das abschätzige Plädoyer für die Berufsarmee. Pubertär hielt man fest: «Ich werfe mich doch nicht in den Dreck und lasse mich anbrüllen.» Wer tatsächlich so blöde war und weitermachte, musste sich rechtfertigen. Die Dekadenz feierte Hochkonjunktur.

Vor einigen Wochen, der IS hatte die Weltöffentlichkeit mit Massenexekutionen geschockt und wir mussten ohnmächtig feststellen, dass offenbar keine Grossmacht die Gräuel stoppen will oder – noch bedrohlicher – kann, schrieb mir einer dieser armeekritischen Kollegen eine E-Mail. Er arbeitet mittlerweile in Asien für einen Schweizer ­Konzern und ist verheirateter Familienvater. Seine Nachricht war bemerkenswert: «Vielleicht hätte ich doch ins Militär gehen sollen.»

Die Grundhaltung hinterfragen

Dieser Satz markiert einen Gesinnungswandel. Er ist das Eingeständnis, einem Irrglauben aufgesessen zu sein: Das totgesagte Böse, es existiert eben doch. Und zwar nicht fern unserer friedlichen Heimat, sondern unmittelbar vor unserer Haustür. Vielleicht ist der Feind auch bereits unter uns. Paris ist nahe. Wir dürfen nicht überrascht sein, wenn es so ist.

«Vielleicht hätte ich doch ins Militär gehen sollen»: Ich hoffe, dass sich alle Schweizer, die sich aus welchen Motiven auch immer von der Armee ferngehalten haben, in ihrer Grundhaltung hinterfragen. Der Terrorakt von Paris: Er muss auch den letzten Pazifisten aus seinem Traum herausreissen. Demokratie, Unabhängigkeit, Freiheit: Diese Errungenschaften werden derzeit mit Waffen bekämpft. Wenn wir sie und den Wohlstand, der darauf aufbaut, behalten wollen, müssen wir uns verteidigen: Das Feuer muss erwidert werden. Friede schafft nicht, wer einseitig abrüstet. Er begibt sich vielmehr in die Gefahr, zur Zielscheibe zu werden.

Den Zivildienst abschaffen

Darum ist es grundfalsch, die Armee weiter kaputtzusparen, wie es die letzten Jahre geschehen ist. Der Beschluss, den Wehrmännern die Munition wegzunehmen, sendete ein komplett falsches Signal aus. Er muss rückgängig gemacht werden. Der Truppenbestand darf nicht verkleinert, er muss vergrössert werden. Jeder Mann hat einzurücken.

Betagte Menschen in Altersheimen im Rollstuhl herumzuschieben ist gewiss ein wertvolles soziales Engagement. Aber das hat mit dem Auftrag, wie er in der ­Verfassung steht, nichts zu tun. Mit ­solchen Einsätzen wird die Schweiz nicht geschützt. Den Zivildienst gilt es deshalb abzuschaffen und die Bestände in bestehende Einheiten zu integrieren. Ein «Zivi» kann genauso gut bei den militärischen Rettungstruppen ein­gesetzt werden. Das ist sinnvoller.

Die Schweiz: Sie braucht eine Renaissance des Wehrwillens.

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