«Die Sauereien sind immer noch da»

Die Schweizer Jugend kifft wie keine andere, in Bern wird versuchsweise Cannabis verkauft: Die Drogenpolitik ist in Bewegung. SVP-Hardlinerin Andrea Geissbühler gefällts so gar nicht.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Die Stadt Bern erlaubt Apotheken versuchsweise, Cannabis zu verkaufen. Was halten Sie davon? Die Frage kann gar nicht so gestellt werden. Denn die Faktenlage ist die folgende: Es liegt nicht in der Kompetenz der Stadt Bern, Apotheken zu beauftragen, das verbotene Rauschgift Cannabis zu verkaufen. Das Projekt verstösst nämlich gegen mindestens drei Gesetze: Betäubungsmittel-, Ordnungsbussen- und Strassenverkehrsgesetz. Dies hat Bundesrat Berset bei einer Anfrage bestätigt und uns klargemacht, dass eine Ausnahmebewilligung höchstens für den Cannabisgebrauch für medizinische Zwecke erteilt werden könne. Aber auch dafür seien die Hürden sehr hoch, denn die Betäubungsmittelsubstanz Tetrahydrocannabinol, THC, wirkt auf jeden Menschen anders und seine Folgen können nicht zum Voraus abgeschätzt werden. Ausserdem verhöhnt das Projekt die Demokratie: Das Volk hat sich zweimal sehr deutlich gegen eine Cannabis-Legalisierung ausgesprochen, also gegen das Ziel der Initianten. Und damit habe ich noch kein Wort über die Problematik des Cannabis-Konsums an sich gesagt.

Sie reden gegen einen Trend an: Von Uruguay bis Colorado ist man in den letzten Jahren zur Einsicht gekommen, dass Liberalisierungen sinnvoll sind. Nach dem Lesen des Berichts «The Legalization of Marijuana in Colorado: The Impact» muss man zu einer anderen Erkenntnis kommen: Die Zahl der Kiffer hat seit der Freigabe um 49 Prozent zugenommen mit allen negativen Folgen wie Verkehrsunfällen, Schulabbrüchen, Sozialfälle wegen Psychosen und Schizophrenien, Zunahme von Gewaltdelikten und illegalem Drogenhandel, also Schwarzmarkt. Auch in Amsterdam ist ein Umdenken im Gange: Die Coffee-Shops werden wieder geschlossen, weil die Kriminalität gestiegen ist und die gesundheitlichen Folgen schwerwiegend sind.

Hotchkiss, eine Industriestadt in Colorado, berichtete jüngst die «New York Times», will ihr lokales Hanfverbot aufheben und sich der Legalisierung des Bundesstaates anschliessen – um Einnahmen zu generieren. Warum sollen Joints nicht wie Zigaretten zum Kauf freigegeben werden und so zur Sanierung der Sozialversicherungen beitragen? Der Unterschied zwischen Joint und Zigarette liegt darin, dass Kiffer meist den Rausch suchen, einen berauschten Raucher habe ich dagegen noch nie getroffen.

Die meisten Kiffer kiffen wohl eher, um zu entspannen. Die meisten Kiffer suchen den Rausch. Warum sonst sollte gekifft werden? Da sich das THC im Gehirn ablagert, beeinträchtigt es dieses: Das Kurzzeitgedächtnis, die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit können gestört werden. Versuchsteilnehmende müssten deshalb zwingend den Fahrausweis abgeben. In Colorado musste festgestellt werden, dass der Staat keine Gewinne einstreichen konnte, sondern sich die Sozialkosten im Zusammenhang mit der Cannabislegalisierung vervielfacht haben. Deshalb ist die Vorstellung der Drogenlobby, dass mit der Cannabis-Legalisierung die AHV saniert werden könnte, ein Wunschtraum. Weitere Kosten würden anfallen, wie die Prüfung der Cannabisprodukte oder die Kontrolle der THC-Werte. Und sobald das Gras im legalen Handel teurer würde als im Schwarzmarkt, würde letzterer wieder aufblühen.

Cannabis wurde in der Schweiz erst 1951 kriminalisiert. Auch vorher war das Land nicht als Sodom und Gomorrha des Drogenkonsums bekannt. Das Verbot von Cannabis wurde nötig, da der Bauern- oder Faserhanf durch den Drogenhanf mit höheren THC-Werten abgelöst wurde. Dieser wurde extra gezüchtet oder importiert. Bis in die 50er-Jahre wurden Pfeifen mit einem Tabak- und Hanfblättergemisch geraucht. Danach zeigten sich immer krasser die negativen Auswirkungen des Kiffens nicht nur für den Einzelnen, sondern für die Familien und die ganze Gesellschaft. Unsere Psychiatrien sind zu 50–70 Prozent von psychotischen Kiffern belegt, die mit teuren und oft wenig erfolgreichen Therapien behandelt werden müssen.

Was sind Ihre diesbezüglichen Quellen? Ich stütze mich auf Aussagen von Psychiatrieleitern aus Basel und Bern, mit denen ich persönlich gesprochen habe.

Die Drogendiskussion ist auch eine Diskussion übers richtige Menschenbild. Ist ein Junkie für Sie krank oder willensschwach? Es ist einfach: Drogen können relativ schnell süchtig machen und verursachen, dass der Junkie nicht mehr aus freiem Willen denken und handeln kann. Deshalb sollte die Verfügbarkeit möglichst eingeschränkt werden, und die Verharmlosung durch sachliche Aufklärung ersetzt werden. Dafür trägt die Politik die Verantwortung. Ein Drogensüchtiger ist tatsächlich ein Kranker mit körperlichen und psychischen Problemen.

Sie würden Ordnungsbussen gerne abschaffen. Was ist so falsch an der heutigen Praxis, die es bei einem Cannabis-Besitz von unter 10 Gramm bei einer Busse belässt? Leider gibt es heute keine politischen Mehrheiten für eine solche Abschaffung, obwohl so einiges falsch ist an dieser Praxis. So kann ein cleverer Dealer mit zehn Gramm Cannabis-Öl – das ist hochkonzentriertes Cannabis – ein gutes Geschäft machen und bis zu 40 Joints verkaufen. Ausserdem finde ich es inakzeptabel, dass Polizisten nun mit diesen lächerlichen Hanfwaagen herumlaufen müssen. Das ist doch kein Zustand, das ist doch peinlich für uns Polizisten. Der Ameisenhandel wird durch diese Bestimmung nur angeheizt.

Aus aller Welt reisen Experten in die Schweiz, um die erfolgreiche, von SP-Bundesrätin Ruth Dreifuss lancierte Schweizer Drogenpolitik zu studieren. Anerkennt die SVP den Erfolg dieser Politik? Die Vier-Säulen-Politik wäre an sich in Ordnung – theoretisch. Das Problem ist, dass zwei Säulen in der Praxis weggebrochen wurden. Erstens bietet der Bund heute keine einzige abstinenzorientierte Therapie an. Die heutigen Methadon- und Heroinprogramme sind eigentlich keine Therapien, sprich Heilbehandlungen, wie behauptet wird, sondern gehören vielmehr zur Säule Schadensminderung. Zweitens betreibt der Bund keine Prävention. Oder haben Sie schon einmal Cannabispräventionskampagnen wie diejenigen gegen das Rauchen gesehen? Auch in den Kantonen wird wenig Prävention für illegale Drogen gemacht. Heute geht der Bund den Weg des geringsten Widerstands; er verdrängt und verlagert die Probleme. Er hat den Platzspitz in Sozialwohnungen ausgelagert – aber die Sauereien und das Elend sind immer noch da. Das ist nicht die Lösung.

Was wäre die Lösung? Echte Hilfe, die den Entzug und eine abstinenzorientierte Therapie mit Möglichkeiten zum Absolvieren einer Lehre zum Ziel hat. Der körperliche Entzug an sich ist zumeist nicht das grosse Problem, sondern das Umfeld, das unbedingt geändert werden müsste. Hierfür würde ein engerer Rahmen helfen, damit die Integration ins Arbeitsleben gelingen kann.

Der globale Drogenkrieg ist von kolossaler Erfolgslosigkeit. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch? Zwei Dinge wird es immer geben auf dieser Erde. Erstens Drogensüchtige, zweitens einen Schwarzmarkt für Drogen. Letzteren könnte man theoretisch loswerden: wenn Drogen komplett liberalisiert und alle Altersbegrenzungen aufgehoben würden. Wenn also selbst Kinder und Teenager harte Drogen konsumieren könnten, und dadurch ein Heer von süchtigen Menschen heranwachsen würde. Wer würde dann noch arbeiten, eine Leistung vollbringen wollen? Und ich glaube nicht, dass wir in einer solchen Welt leben möchten, und wir unseren Kindern eine solche Zukunft wünschen würden.

baz.ch/Newsnet

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