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Die Kuh ist ohne, ihr Futter aber mit

Die Schweizer Bauern wollen ihre Produkte mit dem Label «ohne Gentechnik» verkaufen. Das sei «Täuschung», warnen Konsumentenschützer.

Natürlich – aber nicht ganz: Viele Kühe erhalten heute Futtermittelzusätze, die mithilfe von gentechnisch veränderten Organismen hergestellt werden.
Natürlich – aber nicht ganz: Viele Kühe erhalten heute Futtermittelzusätze, die mithilfe von gentechnisch veränderten Organismen hergestellt werden.
Keystone

Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen bleibt in der Schweiz verboten. Der Ständerat ist jüngst dem Nationalrat gefolgt und hat das seit 2005 bestehende Gentech-Moratorium bis 2021 verlängert – im Wissen, dass die Schweizer Bevölkerung Gentech-Lebensmittel deutlicher denn je zuvor ablehnt, wie der Agrarbericht 2015 aufgezeigt hat.

Die Schweizer Bauern versuchen, sich dies zunutze zu machen. Ihre Erzeugnisse wollen sie künftig mit einem Gentechfrei-Label besser vermarkten und sich so gegenüber Produkten aus dem Ausland abheben. Zwar ist auf Lebensmitteln, die in der Schweiz hergestellt sind, der Hinweis «ohne Gentechnik hergestellt» heute schon erlaubt, allerdings nur, wenn während der gesamten Herstellung eines Lebensmittels auf gentechnisch veränderte Organismen (GVO) verzichtet wird. Dies ist aber häufig nicht der Fall, weil gewisse Futtermittelzusätze heute fast nur noch mithilfe von GVO hergestellt werden, etwa Enzymen oder Vitaminen. Frisst eine Schweizer Kuh also GVO-freie Soja und zugleich Kraftfutter mit solchen Zusätzen, darf die Milch hierzulande nicht als gentechfrei deklariert werden, anders als etwa in Deutschland.

Bauern sehen sich um ihre Bemühungen geprellt

Der Schweizerische Bauernverband (SBV) kritisiert, eine solch strenge Vorschrift verunmögliche es, die Schweizer Landwirtschaft als GVO-frei auszuloben, während in den Nachbarländern immer mehr Lebensmittel tierischer Herkunft die Kennzeichnung «ohne GVO» tragen würden. Der SBV hält dies für umso stossender, als die Schweizer Landwirtschaft so konsequent auf Gentechfreiheit wie in keinem anderen Land setze. In hiesigen Futtertrögen lande beispielsweise nur herkömmliches Soja – das aber weltweit immer weniger angebaut werde und daher teurer sei als seine gentechnisch veränderte Variante. Die Mehrkosten, die daraus resultieren, schätzt der Bauernverband auf 35 Millionen Franken pro Jahr.

«Was ist mit Produkten ohne Kennzeichnung: Enthalten sie Gentechnik?»

Stiftung für Konsumentenschutz

Die Bauern haben gute Chancen, mit ihrem Anliegen durchzudringen. Morgen entscheidet der Ständerat über einen entsprechenden Vorstoss von SBV-Direktor und FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois. Der Nationalrat hat Bourgeois’ Motion vor einem Jahr zugestimmt. Auch der Bundesrat beantragt, sie anzunehmen, ebenso die vorberatende Kommission des Ständerats, die sich ohne Gegenstimme hinter das Ansinnen stellt. So einhellig die Politik die Regellockerung unterstützt: Die Umsetzung könnte sich als Knacknuss entpuppen. Bereits 2014 hat die Politik einen Anlauf genommen. Der Versuch scheiterte indes, weil sich mögliche Lösungen als zu aufwendig und nur schwer nachvollziehbar herausgestellt hatten.

Nun aber kehrt Hoffnung zurück – speziell bei betroffenen Unternehmen. Emmi etwa unterstützt das Anliegen der Bauern. Der Milchverarbeiter darf heute beispielsweise sein «Griess-Töpfli» in Deutschland mit dem Hinweis «ohne Gentechnik» verkaufen, in der Schweiz dagegen nicht. Emmi hält dies für «unverständlich».

«Bewusst in Kauf genommene Täuschung»

Bedenken meldet dagegen die Stiftung für Konsumentenschutz an. Sie sehe keine Notwendigkeit für eine Neuerung, schreibt sie in einem Brief, den sie den Ständeräten geschickt hat. Eine Auszeichnung tierischer Produkte «ohne Gentechnik» sei eine «bewusst in Kauf genommene Täuschung», weil Zusätze der Futtermittel durch Gentechnikprozesse entstanden seien, heisst es im Schreiben, das dem «Tages-Anzeiger» vorliegt. Werden primär tierische Produkte ausgezeichnet, wie es Bourgeois verlange, werde es für die Konsumenten zudem «verwirrend»: «Was ist mit Produkten ohne Kennzeichnung: Enthalten sie Gentechnik?», heisst es im Brief. Eine «klare Situation» auf dem Schweizer Markt würde nach Einschätzung der Konsumentenschützer einzig die Deklaration von GVO-Importprodukten schaffen.

Uneins sind die Detailhändler. Coop steht der Auslobung «Gentech-frei» grundsätzlich positiv gegenüber, betont aber, die gesetzliche Grundlage müsse eine möglichst hohe Transparenz und Glaubwürdigkeit sicherstellen. Die Migros dagegen hält eine Deklaration für «überflüssig», da die Konsumenten von einer Gentechnik-freien Schweizer Landwirtschaft ausgehen würden. Zudem sei die Relevanz der Fütterung für die Konsumenten relativ gering. «Andere Mehrwerte wie das Tierwohl oder der Antibiotika-Einsatz sind beim Kaufentscheid viel wichtiger.»

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