Des Kampfjets letztes Geleit

Das Volk. Noch unzuverlässiger als der Gripen. Im Flugzeugmuseum in Dübendorf trugen knapp 50 Schwei­­zer und ein Schwede den abgelehnten Kampfjet zu Grabe.

Muss ohne neue Kampfjets das Land verteidigen: Armeechef André Blattmann.

Muss ohne neue Kampfjets das Land verteidigen: Armeechef André Blattmann.

Es ist 13.03 Uhr an diesem Sonntag mit bestem Flugwetter, als die Hüter der geistigen Landesverteidigung sich ganz leicht entspannen und mental vorsichtig zur Startbahn des Sieges rollen. Ein Mann vom Pro-Gripen-Komitee mit einem Stück Papier in der Hand läuft mit Nachbrenner-Schub in die Halle 2 des Flugzeugmuseums in Dübendorf und sagt: «Glarus will de Grippe.» Vier Minuten später sagt einer: «De Aargau hämmer.» Um Viertel nach ein Uhr: «Uri auch.» Alles Roger. Bis um 13.25 Uhr. Der Höhenflug bricht zum ersten Mal ein wenig ein, die erste Hochrechnung kommt. «Wird knapp», ist der Kommentar. Vielleicht ist es Zufall, aber es ist der Zeitpunkt, an dem die ersten von Mineralwasser auf Weisswein umstellen. Zwei Gläser später ist klar, dass nie ein Gripen in diesem Kampfflugzeugmuseum stehen wird.

Knapp 50 Schweizerinnen und Schwei­­zer und ein Schwede fallen in einen Beerdigungsmodus. Ex-Militärs sind es, Nationalräte, Ständeräte, Parteivolk auch, alle auf Einladung. Alex Kup­recht ist da, SVP-Ständerat aus dem Kanton Schwyz, er trägt einen goldenen Gripen am Revers. Immer wieder geht er raus, raucht eine und sagt, die Schweiz braucht den Gripen und das Volk weiss das. Ida Glanzmann-Hunkeler auch, CVP-Vizepräsidentin, die von Schwedens inzwischen abgesetztem Lobby-Botschafter in der Schweiz eine «Frau ohne Charisma» genannt worden ist. Auch ein Pännchen in der grossen Gripenpanne.

Geschichten und Geräusche

Die Hoffnung ist jetzt im Irgendwo des luftleeren Raumes. Es riecht nach Niederlage und Motorenöl. Kleine Abdankungsgrüppchen bilden sich, überall gutes Reden über den soeben Verstorbenen. Und darüber, was ihn ins Grab gebracht hat. Reden über die andern. Über diesen schwedischen Botschafter. Diesen blöden Bericht, dass die Öffnungszeiten der Schweizer Flugwaffe von Montag bis Freitag acht bis zwölf, und halb zwei bis fünf seien. «Geschichten und Nebengeräusche», wird Ueli Maurer das nachher an der Medienkonferenz in Bern nennen. Der anwesende Schwede sagt kaum etwas, hält sich stumm am Weissweinglas fest. Er ist der einzige, der nicht wegen der Sicherheit des Landes und seines Himmels hier ist, sondern wegen Geld. Der Mann ist der Gesandte von Saab, dem Gripenbauer. Nein, er möchte nicht kommentieren, wie er das findet, dass ein Volk über Auftrag oder Nichtauftrag entscheidet.

Das Volk. Noch unzuverlässiger als der Gripen. Niemand sagt es, aber alle denken es. Das, was Markus Gygax, der Ex-Flugwaffenchef, so zusammenfasst: «Eine Armee ohne Luftwaffe ist gugus.» Das findet der Schwede übrigens auch.

Bilanz wird gezogen. 32 F/A-18 bleiben noch für die Sicherheit. Nur müssen die, ohne Gripen, jetzt mehr fliegen, was heisst, dass sie früher älter werden und man dann in zehn Jahren sowieso ein neues Flugzeug brauche. Dass es aber keinen Sinn mache, nochmals in einen Evaluationsprozess zu gehen, dass also dieselben zwei Flugzeuge, Gripen und Rafale, zur Auswahl stünden. Und dass man das einfacher hätte haben können und dass es schon, ja, unvorstellbar sei, dass das Schweizervolk Nein sagt zu einem neuen Flugzeug und der Sicherheit, das es uns geben kann.

Patriotische Gefühle auf dem Gipfel

Man sieht sie, die ehemaligen Sicherheitslieferanten, die prestigebeladenen Meilensteine der Schweizer Luftwaffe aus den guten alten Tagen, als die Landesverteidigung eine Flughöhe hatte, die noch über derer von Geld lag. Als Wanderer in den Bergen noch Wanderhosen in Knielänge trugen und Socken mit Zopfmuster und beim Dröhnen von Düsentriebwerken ihre Feldstecher zogen und flugs auf einen Gipfel der patriotischen Gefühle kamen. Als das Volk noch wusste, worum es geht bei der Landesverteidigung. Als noch klar war, dass man in Zeiten von Kalaschnikows nicht mit einem Karabiner in der Hand daherkommen konnte. Schweizer Armeeausbildung hin oder her.

Vor den Flugzeugen stehen kleine Infotäfelchen wie Grabsteine: Venom, 1956 bis 1984. Steighöhe 12 000 Meter. Mirage III S, 1967 bis 1999, Steighöhe 18 000 Meter. Hunter F MK 58, 1958 bis 1994, Steighöhe 16 000 Meter. Vielleicht sollte man doch ein Gripenmodell dazustellen. Gripen, 18. Mai 2014, Abtreibung.

Ueli Maurer ist nicht da, der Chef-Gripen-Geburtshelfer. Ist noch auf dem Bike, kämpft sich grad Hügel hoch und fliegt Tälern entgegen, während die Seelen in Dübendorf versuchen, gegen den Sturzflug der Gefühle anzukämpfen. Vier Stunden wird Maurer Velo fahren, sich quälen, wahrscheinlich bis der Schmerz in den Muskeln jenen des ­Gripens in Hirn und Herz verdrängt, bevor er nach Bern ins Medienzentrum kommen und sagen wird, er hätte genug Zeit gehabt, sich den Frust von der ­Seele zu strampeln. Er sagt auch, dass er in seinem Leben mehr Niederlagen hat einstecken müssen als er Siege ein­gefahren hat. Er gibt sich unglaublich Mühe, als Sieger in der Niederlage zu scheinen. Dass man das respektieren müsse und so weiter. Redet von «Lücke in der Luftsicherheit», dass er das Ganze doch etwas «persönlich» nehme, philosophiert ansatzweise über «Bruchlinien in Kantonen» und dem «Fehlen einer kohärenten Meinung in Bezug auf ­Sicherheitspolitik.» Dass alles jetzt noch teurer wird ohne Gripen. Das Wort, das er am meisten verwendet, ist ­«Analyse».

Auf dem Rücken verschränkt

Der erste Satz nach dem Ende der Medienkonferenz ist: «So ischs Läbe.» Ein Journalist will ein Interview, beim Jacket des Journalisten steht der Kragen: «Machen Sie mal ihren Kragen richtig», blafft er, «Tenue erstellen.» Vielleicht hätte er fünf Stunden biken sollen, denkt man. Oder lieber ein Flugzeug aus Frankreich mögen sollen. In einer Ecke des Medienzentrums gibt er dann die Interviews. Die Arme hat er auf dem Rücken verschränkt, die Hände ineinander gelegt. Unablässig drückt er seine Finger, bis sie weiss werden. Ausquetschübertragung.

In ihm drin fliegt der Gripen trotz Bruchlandung noch. An seinem Revers steckt noch einer, ein silberner. «Es ist immer noch mein Lieblingsflugzeug», sagt er. Ein schwedischer Journalist fragt, obs das war mit dem Gripen? «Die Chancen sind nicht gestiegen», antwortet Maurer und versucht zu lächeln, aber es sieht aus, als ob er sich mit dem Bike gerade in einer zehnprozentigen Steigung befindet.

Basler Zeitung

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