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«Der grösste Feind des Autofahrers sind andere Autofahrer»

Der Filmemacher Fredrik Gertten suchte für seinen Film «Bikes vs. Cars» auf der ganzen Welt nach Gründen für Verkehrsprobleme – auch in der Schweiz.

Sie haben für ihren Film «Bikes vs. Cars» Städte rund um die Erde bereist und nach den Gründen für den Konflikt zwischen Velofahrern und Autofahrern gesucht. Gibt es so etwas wie eine globale Konstante?

Letztlich geht es immer um schlechte Städteplanung, in praktisch jeder Stadt der Welt entzündet sich ein Konflikt am Platz. Die Städte wachsen, und immer mehr Menschen bewegen sich fort. Wenn wir diese Herausforderung nicht schaffen, dann wird sich irgendwann gar niemand mehr fortbewegen, weil es zu einem Verkehrskollaps kommt.

Sie waren auch in Schweizer Städten. Wie gut oder wie schlecht ist die Städteplanung hier?

Ich habe viele junge Menschen auf Fahrrädern gesehen, das ist gut. Ausserdem werden E-Bikes immer populärer. Aber ich kenne die Schweizer Städte zu wenig, um mir ein Urteil bilden zu können. Was ich aber sagen kann: Die Verkehrsprobleme der Schweiz unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den Verkehrsproblemen jeder anderen Stadt auf der Welt. Schlechte Städteplanung ist nicht eine Frage der Kultur, sondern ein globales Phänomen.

Ihr Film porträtiert São Paulo und Los Angeles. Warum diese beiden Städte?

São Paulo ist eine Stadt wie viele andere, die sich aus der Armut entwickelt haben, der konsumierende Mittelstand wächst, und die Autoverkäufe in einem unglaublichen Ausmass wachsen. In São Paulo erleben wir eine regelrechte Autoexplosion. Los Angeles ist interessant, weil Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts jeder Fünfte mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren ist und der öffentliche Verkehr sehr weit entwickelt war. Dann kamen die Lobbyisten der Autoindustrie nach LA. Heute nutzen weniger als 1 Prozent der Menschen das Fahrrad.

Ist das zwingend falsch? Jeder soll sich entscheiden dürfen, wie er sich fortbewegt.

Das ist heute nicht der Fall. Der frühere Bürgermeister von Toronto liess für 300'000 Dollar Radwege entfernen, die für 86'000 Dollar gebaut wurden. Überall auf der Welt stehen Autofahrer im Stau und sind extrem frustriert. Die Politik versuchte Jahrzehnte lang, Autofahrer zufriedenzustellen. Doch sie haben das Problem nicht gelöst, denn überall dort, wo mehr Strassen gebaut wurden, hat der Verkehr zugenommen und damit auch der Stau.

Also?

Stellen Sie sich eine Ampel vor, vor der 15 Fahrradfahrer warten. Und nun überlegen Sie sich, wie viel Platz 15 Autos brauchen. Ein Auto braucht so viel Platz wie 8 Fahrräder. Der grösste Feind des Autofahrers sind andere Autofahrer, die ihm den Platz vor der Ampel streitig machen. Eigentlich müssten Autofahrer Fahrradfahrer lieben, denn sie schenken ihnen Platz auf der Strasse.

Warum, glauben Sie, spielt das Fahrrad in unseren Städten keine wichtigere Rolle im Gesamtverkehr?

Es geht ums Geld. Die Autoindustrie ist hochprofitabel, und viele Wirtschaftszweige sind ans Auto geknüpft. Strassenbauunternehmen verdienen viel Geld, viele Einkaufszentren sind nur mit dem Auto erreichbar, und im McDonald’s kann man essen, ohne aus dem Auto zu steigen. Interessant ist, dass sich ausgerechnet die Zentren der Autoindustrie durch die schlechteste Verkehrsplanung auszeichnen. Die schwedische Stadt, die am meisten auf Autos ausgerichtet ist, ist Göteborg – wo sich der Hauptsitz von Volvo befindet. Die VW-Stadt Wolfsburg gehört zu den Städten mit dem tiefsten Fahrradanteil Deutschlands. Und Detroit … gehen Sie mal nach Detroit, und Sie wissen, was ich meine.

Warum ist das Fahrrad kein ökonomischer Faktor?

Wahrscheinlich könnte Ihre Zeitung ohne Werbung der Autoindustrie nicht leben, während die Fahrradindustrie wirtschaftlich keine Rolle spielt. Allerdings beobachten wir hier eine interessante Entwicklung. Wo der öffentliche Verkehr und die Fahrradinfrastruktur ausgebaut werden, steigen die Immobilienpreise. Die Menschen ziehen es vor, in grüneren Städten mit weniger Autoverkehr zu wohnen. Die Immobilienbranche sollte ein wirtschaftliches Interesse daran haben, dass sich der Fahrradverkehr entwickelt.

Und wie soll das geschehen?

Man muss den Autofahrern Platz wegnehmen und den Fahrradfahrern geben. Verkehr ist wie Wasser. Er nimmt immer den Weg des geringsten Widerstands. Überall dort, wo schnelle und sichere Radwege existieren, fahren die Leute Fahrrad. In Malmö, wo ich lebe, dürfen die Autos in den Städten nur noch 40 fahren. Auch dadurch wurden die Konflikte reduziert, ohne dass die Autofahrer deswegen später ankommen würden.

Mit der Forderung, den Autofahrern Platz wegzunehmen, haben Sie sich in der Schweiz eben viele Feinde gemacht.

Es gibt viel Aggression auf der Strasse. Aber auch diese Aggression ist das Resultat von schlechter Verkehrsplanung. Autofahrer sind frustriert, weil sie nicht vorwärtskommen, Fahrradfahrer verhalten sich wie Anarchisten, weil sie sich nicht respektiert fühlen.

In der Schweiz werde das Fahrrad immer eine marginale Rolle spielen, sagen viele. Wenn es regnet oder schneit, bleiben die Velos im Keller.

In Malmö sind die Witterungsbedingungen sicher problematischer als in der Schweiz, aber im Winter zum Beispiel werden zuerst die Radwege geräumt. Auch das ist eine Frage des politischen Willens.

Sie sagen, Städte mit vielen Fahrrädern seien gute Städte. In Peking fahren viele Menschen Velo, trotzdem sind die Lebensbedingungen prekär.

Peking ist eine traurige Geschichte. Der Anteil des Fahrradverkehrs hat innert 15 Jahren um 45 Prozent abgenommen, die Luftverschmutzung hat zugenommen, ebenso die Anzahl von Menschen, die wegen des Verkehrslärms krank werden. Auch in Peking boomt das Auto und bringt eine Verschlechterung der Lebensbedingungen.

Wie wird sich die Situation entwickeln?

Überall auf der Welt arbeiten die Städte daran, die Verkehrsprobleme zu lösen, und es gibt immer mehr Erfolgsgeschichten. Verkehrsplaner haben begriffen, dass das Fahrrad wichtig ist, um den Kollaps zu verhindern. Und die Menschen haben begonnen, zu verstehen, dass sie einen Unterschied machen können, nur indem sie ihr Auto einmal pro Woche stehen lassen. Ein Unterschied für ihre Stadt, und ein Unterschied fürs Klima.

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