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Der fast perfekte Betrug

Ein Thurgauer Unternehmer hat die SBB während Jahren um Millionen betrogen. Er schickte der SBB-Division Infrastruktur Rechnungen für fiktive Leistungen, welche seine Komplizen zur Zahlung freigaben.

Selbstbedienungsladen Bahn: Zwei Thurgauer Baufachleute und vier SBB-Mitarbeiter tricksten jahrelang mit fiktiven Rechnungen für Unterhaltsarbeiten.
Selbstbedienungsladen Bahn: Zwei Thurgauer Baufachleute und vier SBB-Mitarbeiter tricksten jahrelang mit fiktiven Rechnungen für Unterhaltsarbeiten.
Keystone

Details dieser Geschichte sollten nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Im März gaben die SBB nur bekannt, dass der Bundesbetrieb in der Abteilung Infrastruktur Opfer eines Millionenbetrugs geworden sei. Drei SBB-Mitarbeiter hatten schon im Sommer 2012 die fristlose Kündigung erhalten. Gegen sie wurde Strafanzeige eingereicht. Gegen einen vierten laufen Ermittlungen. Der Fall liegt bei der Bundesanwaltschaft. Nur so viel gaben die SBB bekannt.

Im Fokus der Ermittlungen steht eine Thurgauer Baufirma. Die «Ostschweiz am Sonntag» berichtete Mitte Mai darüber. Während Jahren erhielt die Baufirma von den SBB Tiefbauaufträge. Der ehemalige Inhaber sowie ein ehemaliger leitender Mitarbeiter* der Baufirma werden verdächtigt, die AG systematisch für kriminelle Machenschaften missbraucht zu haben. Die beiden Männer arbeiteten mit einer Reihe von SBB-Mitarbeitern zusammen, welche die fiktiven Rechnungen zur Zahlung freigaben.

Trick mit fiktiven Rechnungen

Recherchen zeigen nun, wie das Betrugssystem funktionierte: Wünschte sich einer der beschuldigten SBB-Mitarbeiter zum Beispiel ein neues Auto, kaufte der ehemalige leitende Angestellte der Baufirma dieses Auto über das Bauunternehmen. Damit das Ganze nicht auffiel, ging beim Bauunternehmen eine fingierte Rechnung für fiktive Transportdienstleistungen ein – was nicht weiter aufgefallen ist. Danach stellten die Beschuldigten die fiktive Rechnung für die Transportdienstleistungen den SBB in Rechnung. Dabei wählten sie eine SBB-Baustelle aus, auf der die Bauunternehmung gerade Arbeiten für die SBB ausführte. Der Komplize bei den SBB visierte dann diese Rechnung. Und die SBB bezahlten den Betrag der Baufirma aus.

Ganz klein angefangen

Angefangen haben die mutmasslichen Täter mit diesen Vermögensdelikten schon vor vielen Jahren. Wann genau, ist Gegenstand der Ermittlungen. Zuerst waren die Beträge klein. Mit der Zeit wurden die Summen offenbar immer höher.

So gerissen die Tatverdächtigen agierten – sie machten auch Fehler: So wurden beispielsweise im Namen der Thurgauer Firma Waren erworben. Dabei wurde aber vergessen, diese Ausstände mittels der fiktiven Rechnungen bei den SBB zu ersetzen. So kam es zu Fehlern in der Buchhaltung. Deshalb steht die Thurgauer Bauunternehmung heute neben den SBB als geschädigte Partei da.

Interne Kontrolle versagte

Ans Licht gekommen ist der Fall, als im Jahr 2009 der beschuldigte Unternehmer seine Firma an die grosse, international tätige Rhomberg-Gruppe mit Sitz in Österreich (siehe Kasten) verkaufte. Als Rhomberg im Rahmen der Übernahme der Baufirma den Jahresabschluss machte, kamen bei der neu erworbenen Tochterfirma grössere Ausstände zum Vorschein, welche genauer untersucht wurden. Dabei stiess man auf den Betrug.

Im Frühling 2012 wandte sich Rhomberg an die SBB und informierte sie über das Fehlverhalten der SBB-Mitarbeiter. Die Bauunternehmung erstattete darauf Anzeige bei der Bundesanwaltschaft. Diese will zum aktuellen Stand der Ermittlungen keine Angaben machen. Die Herausforderung der Bundesanwaltschaft wird vor allem darin bestehen, die genaue Deliktsumme und die Rollenverteilung zwischen den Thurgauer Baufachleuten und den drei beschuldigten SBB-Mitarbeitern herauszuarbeiten.

Über Letztere ist bislang nichts bekannt geworden. Recherchen zeigen, dass einer der Beteiligten ein Ingenieur der SBB-Division Infrastruktur war. Er hat mittlerweile in Deutschland bereits wieder eine Stelle gefunden.

Vertrauen ausgenutzt

Trotz der internen Kontrollen bei den SBB blieben die Machenschaften während Jahren unentdeckt. Da stellt sich die Frage nach dem Warum. Ein Aktenkundiger, der nicht mit Namen genannt werden will, sagt: «Zwischen den SBB und der Thurgauer Baufirma herrschte eine langjährige Geschäftsbeziehung und darum auch ein Vertrauensverhältnis.»

Für die SBB sei es aber unabhängig davon schwierig gewesen, die fiktiven Rechnungen als solche zu entdecken. Bei Unterhaltsarbeiten würden häufig zusätzliche Arbeiten nach Aufwand abgerechnet. So könne es immer sein, dass etwas länger dauere und dadurch teurer werde als vorerst angenommen, so der Insider. Ein Revisionsexperte fügt an: «Betrugsfälle, bei welchen Mitarbeiter eines Unternehmens mit Komplizen eines Lieferanten zusammenarbeiten, sind sehr schwierig aufzudecken.»

Es waren frühere Politiker

Pikant ist zudem die Tatsache, dass die beiden Beschuldigten der Baufirma als Lokalpolitiker aktiv waren: Der Kadermann hat sich im letzten Sommer, nach der fristlosen Entlassung der SBB-Mitarbeiter, blitzartig aus der Politik zurückgezogen.

Der Unternehmer erklärte erst im Mai den Rücktritt von seinen politischen Ämtern. Dies kurz nach dem Erscheinen des Artikels der «Ostschweiz am Sonntag» über den Millionenbetrug. Seine Pläne sahen anders aus: Im 2011 kandidierte er für die Exekutive einer grösseren Thurgauer Gemeinde. Allerdings erfolglos.

Beide Exponenten der Baufirma üben heute eine andere berufliche Tätigkeit aus. Sie wollten zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Die SBB selbst können zum Fall – in Absprache mit der Bundesanwaltschaft – erst nach Abschluss der Untersuchungen ausführlich Stellung nehmen. Nach der Aufdeckung des Betrugsfalls hat die Bahn sofort gehandelt: Diverse Sicherheitsvorkehrungen wurden verschärft. Und sie wird die vollständige Rückerstattung des Schadens einfordern.

Die SBB haben ein neues elektronisches System für die Bestellungs- und Rechnungsfreigabe eingeführt. Damit werden die Transaktionen noch strikter kontrolliert und der Schutz gegen Missbrauch erhöht. Das System wurde in allen Bereichen der SBB eingeführt.

Weitere Leichen im Keller?

Gegenüber dieser Zeitung äusserten einige SBB-Mitarbeiter die Vermutung, dass es bei den SBB noch viele Leichen im Keller gebe. SBB-Sprecherin Franziska Frey sagt: «Ein ähnlicher Fall ist uns aktuell nicht bekannt. Die SBB tolerieren weder betrügerische Manipulationen noch Korruption.» Man gehe konsequent gegen derartige Machenschaften vor. Doch Frey gibt zu: «Trotz systematischen internen Kontrollen können solche Fälle dennoch nie vollständig ausgeschlossen werden.»

*Name der Redaktion bekannt

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